Alternative Behandlung Bunte Streifen gegen Schmerzen

Sie stammen ursprünglich aus Asien und sorgen nun auch in Deutschland für Furore. Viele Leistungssportler nutzen die sogenannten "Kinesio-Tapes". Vor allem bei muskulären Problemen sollen diese den Profis Linderung verschaffen.

Von Jürgen Bröker


Die Verletzung wird Alfred Nijhuis nie vergessen, genauer gesagt: die Behandlung seiner Blessur. "Ich hatte einen fürchterlichen Pferdekuss bekommen", erinnert sich Nijhuis. Die Schmerzen waren so groß, dass er kaum laufen konnte. Doch statt ihm Medikamente zu verabreichen oder ihn auf die Massagebank zu legen, klebten ihm die Physiotherapeuten seines damaligen Clubs Urawa Red Diamonds ein farbiges Tape auf den Oberschenkel. "Der Druck hat sofort nachgelassen, drei Tage später stand ich wieder auf dem Fußballplatz", so Nijhuis, der die Saison 1997/1998 für den japanischen Verein absolvierte.

"Hinter dieser Behandlungsmethode steckt eine völlig andere Denkweise", sagt Nijhuis, der in seiner Karriere 182 Bundesligaspiele für Duisburg und Dortmund bestritt. Nijhuis war derart begeistert vom sogenannten Kinesio-Taping, dass er 1998 mit seinem Schwager im niederländischen Enschede die Firma Fysio Tape gründete, die das neuartige Verfahren in Europa etablieren sollte. Mittlerweile setzen Spitzenclubs der Eredivisie wie Eindhoven oder Alkmar die Tapes regelmäßig ein.

Kinesio-Tapes bestehen aus reiner Baumwolle. Sie sind mit Acryl beschichtet. Ohne weitere Inhaltsstoffe werden sie auf die Haut aufgebracht. Das neuartige Tape ist zudem dehnbar und schränkt dadurch die Bewegung nicht ein. Es wirkt über Sensoren in der Haut. Nervenbahnen werden durch das aufgeklebte Tape gereizt und es kommt zu einer Anspannung oder Entspannung der Muskulatur. Je nachdem, wie die Streifen angelegt sind. "Das Original ist von Kenzo Kaze", sagt Siegfried Breitenbach, Physiotherapeut der deutschen Triathlon-Nationalmannschaft. Erst vor kurzem war Breitenbach in Japan, um sich im Kinesio-Taping weiterzubilden. Kaze habe nach einem Material gesucht, das seine eigenen Hände ersetzen könne, sagt Breitenbach. "Also hat er ein Tape erfunden, das eine ähnliche Dicke und Dehnbarkeit wie unsere Haut hat. Eine einfache und geniale Idee."

"Natürlich gibt es auch noch Fälle wie etwa gerissene Außenbänder im Sprunggelenk, bei denen man auf ein herkömmliches, starres Tape zurückgreift", sagt Stefan Bodingbauer. Der Physiotherapeut zählt zu den ersten, die Kinesio-Taping in Deutschland angewendet haben. Aber wenn das Gelenk ausreichend stabilisiert ist und die Bänder wieder zusammengewachsen sind, könne das Kinesio-Tape in der nächsten Phase der Rehabilitation eingesetzt werden, um die Bewegungen zu führen.

Auch in Deutschland kommen die bunten Klebestreifen immer mehr in Mode. Der Gladbacher Fußball-Nationalspieler Marcell Jansen lief bereits mehrfach mit blauen Streifen an der Innenseite der Oberschenkel auf. Die Handballer des deutschen Vizemeisters Flensburg-Handewitt spielen regelmäßig mit Tapes an den Knien oder der Schulter. "Ich bin mir auch sicher, dass viele Athleten bei den Olympischen Winterspielen unter ihren Anzügen die Tapes getragen haben", sagt Physiotherapeut Bodingbauer, der von Kaze die richtige Handhabung erlernte. Heute ist Bodingbauer ein anerkannter Experte, der selbst Schulungen durchführt.

Tests an Rennpferden

Er ist fest davon überzeugt, dass Kinesio-Tapes mehr als eine Modeerscheinung sind. "Auf Dauer wird sich das durchsetzen", sagt Bodingsbauer "Wir setzen die Kinesio-Tapes hauptsächlich als zusätzliche Maßnahme neben anderen in der Therapie ein", sagt Klaus Seifner, Leiter der Physiotherapieabteilung am Olympiastützpunkt in Köln. Seit zwei Jahren kleben die Physiotherapeuten dort die bunten Streifen auf die Haut der Athleten. "Wir können nicht sagen, dass die Erfahrungen grundsätzlich positiv sind. Dem einen Athleten hilft es, dem anderen nicht", sagt Seifner.

Hauke Mommsen, Mannschaftsarzt bei Flensburg-Handewitt, hat die Tapes 2002 zum ersten Mal ausprobiert. "Der Schwerpunkt liegt bei Überlastungsschäden", sagt er. Im Handball absolvieren die Profis bis zu 80 Partien pro Jahr. Da verwundert es nicht, dass einige Spieler über Beschwerden an der Achillessehne, der Schulter oder den Kniegelenken klagen. Die Kinesio-Tapes helfen, diese Beschwerden zu lindern, so Mommsen.

Auch in der medizinischen Abteilung des Fußball-Bundesligisten Borussia Mönchengladbach hat man die neue Methode ausprobiert. "Mit guten Ergebnissen", sagt Mannschaftsarzt Stefan Hertl. Er sieht darin eine sinnvolle Ergänzung zu den herkömmlichen Behandlungsmethoden. "Früher haben wir mit Ultraschall behandelt, um die Durchblutung zu fördern", sagt er. Doch diese Methode konnte nur wenige Minuten wirken. Das elastische Tape darf bis zu 14 Tage auf der Haut kleben. Die Spieler können sogar damit duschen. Der Erfolg der Methode zeigt sich auch an den vielen Produkten, die mittlerweile auf dem Markt sind. Inzwischen werden die Tapes sogar schon erfolgreich bei Rennpferden getestet.

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