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Michael Ballack: Abschied auf Raten

Foto: PATRIK STOLLARZ/ AFP

Alternder Bayer-Star Bye-bye, Ballack

Für Michael Ballack ist in dieser Saison alles schiefgelaufen. In der Nationalelf wird er nicht mehr vermisst, bei Bayer Leverkusen droht ihm die Ersatzbank. Für den 34-Jährigen ist die Zeit als Führungsspieler abgelaufen. Ihm bleibt nur ein ehrenvoller Abgang.

Michael Ballack konnte seinem gereizten Knie dankbar sein. Die leichte Verletzung machte einen Einsatz für Bayer Leverkusen am Donnerstag beim Kältespiel in Charkow in der Europa League unmöglich. Auch gegen den VfB Stuttgart in der Liga (Sonntag 15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird er verletzungsbedingt nicht zum Kader gehören. Dem 34-Jährigen blieb dadurch eine erneute Diskussion zu der Frage erspart, ob er im deutschen Fußball noch gebraucht wird oder nicht.

Die Diskussion muss auch gar nicht mehr geführt werden. Die Antwort gibt es längst.

Für Ballack ist kein Platz mehr, weder bei Bayer Leverkusen, noch in der Nationalmannschaft. Er täte sich selbst den größten Gefallen, zum nächstmöglichen Zeitpunkt abzutreten.

Der Mann hat 98 Länderspiele bestritten, er stand für den FC Chelsea im Finale der Champions League, er hat Deutschland ins WM-Endspiel 2002 geführt und war der DFB-Kapitän bei den Turnieren 2006 und 2008. So einer hat Verdienste. Umso bedeutsamer sollte es sein, wegen genau dieser beeindruckenden Bilanz im Gedächtnis zu bleiben. Und nicht als der Michael Ballack, der sowohl von Bundestrainer Joachim Löw als auch vom Vereinscoach Jupp Heynckes aufs fußballerische Altenteil geschoben wird.

Ballack neigt dazu, den Zeitpunkt des Abgangs zu verpassen

Ballack hat einen Hang dazu, den richtigen Moment für einen glanzvollen Abschied zu verpassen. Als er den FC Bayern verließ, rief ihm Vorstand Karl-Heinz Rummenigge hinterher, man werde ihn lediglich als kopfballgefährlichen Mittelfeldspieler in Erinnerung behalten. Bei Chelsea plante man längst schon die kommende Saison ohne Ballack, als dieser immer noch seine Zukunft in England wähnte.

Aber in all diesen Fällen schien er noch eine sportliche Zukunft zu haben. Die scheint in Leverkusen und beim DFB mittlerweile hinter ihm zu liegen. Und nicht nur aus den bekannten Verletzungsgründen. In der Nationalelf haben von Beginn der WM in Südafrika an Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira seinen Part im Mittelfeld übernommen, und man kann nicht behaupten, dass Ballacks Fehlen seitdem negativ aufgefallen wäre. Löw hat zudem den Münchner Toni Kroos und neuerdings auch den Dortmunder Sven Bender als Alternativen im defensiven Mittelfeld zur Verfügung. Die Kapitänsrolle interpretiert Philipp Lahm in Löws und vor allem im Sinne der Mannschaft. Der Bundestrainer benötigt seinen alten Capitano nicht mehr.

In Leverkusen ergibt sich ein ähnliches Bild. Die Mannschaft ist im Mittelfeld hochkarätig besetzt, besser vielleicht als jedes andere Team in der Liga. Der Chilene Arturo Vidal spielt die Bundesliga-Saison seines Lebens, Kapitän Simon Rolfes ist nach seiner Verletzungspause wieder die natürliche Führungsfigur der Mannschaft, im Moment erscheint dem Trainer selbst ein gehobener Durchschnittsprofi wie Hanno Balitsch wertvoller für das Team als ein Michael Ballack. Am vergangenen Wochenende siegte Bayer 3:0 in Frankfurt. Die Treffer erzielten Rolfes, Renato Augusto und Balitsch - alles drei Spieler, die sich auf der Ballack-Position wohl fühlen.

90 Minuten auf der Ersatzbank

Als Bayer Ballack im Sommer verpflichtete und ihn mit einem mit 14 Millionen Euro dotierten Zweijahresvertrag ausstattete, galt das noch als Transfer-Coup. Als Signal an die Liga, dass Leverkusen in diesem Jahr angreifen wolle, den Titel ins Visier nehme. Tatsächlich spielt das Team ganz vorne mit. Aber ohne Ballack. Die "Sport Bild" interpretierte die Tatsache, dass der Altstar in Frankfurt 90 Minuten auf der Bank saß, der Schlüsselspieler von einst sei im Verein heute "nicht mal mehr zweite Wahl". Das Wort Demütigung macht die Runde. Auf der Tribüne in Frankfurt sah der Bundestrainer dem Spiel zu. Sein Gesichtsausdruck war gewohnt undurchdringlich.

Mittlerweile rücken auch die Bayer-Verantwortlichen von ihrem Stareinkauf ab. Der mächtige Bayer-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser spricht im Zusammenhang mit Ballack davon, dass das Einzelschicksal eines Spielers "hinter dem sportlichen Erfolg der Mannschaft hinten anzustellen" sei. Lediglich Sportdirektor Rudi Völler steht noch zu Ballack. Der frühere Teamchef der Nationalelf pflegt zu dem Spieler ein besonderes Treueverhältnis seit dem WM-Turnier 2002. Damals war Ballack auf dem Zenit seines Schaffens. Ohne ihn und seine Tore wäre Deutschland nie ins Endspiel gekommen - in dem Ballack dann wegen einer Gelbsperre fehlte.

Während sein alter Spezi aus Nationalmannschaftstagen, Torsten Frings, zumindest noch bei seinem Verein Werder Bremen Stammplatz und Kapitänsamt halten kann, hat es den Leverkusener in dieser Saison mit aller Macht erwischt. "Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, was mit ihm passiert", hat sein erster Profitrainer beim Chemnitzer FC, Christoph Franke, dieser Tage gesagt. Und sein früherer Mannschaftskollege vom FC Bayern, der Franzose Willy Sagnol, gibt ihm den Rat, "aufzuhören, wenn es keinen Spaß mehr auf dem Platz macht". Schließlich sei "das Leben nach der Karriere auch schön", sagte er "Sport 1".

Als Michael Ballack im Mai vergangenen Jahres zum Abschiedsspiel seines alten Leverkusener Weggefährten Bernd Schneider anreiste, war er noch unumstrittener Kapitän der Nationalmannschaft, hatte ein WM-Turnier vor der Brust und stand mit dem FC Chelsea im englischen Cup-Finale. Dort wurde er fünf Tage später von Kevin-Prince Boateng böse gefoult. Die Verletzung hat ihm nicht nur die WM und einen großen Teil der Bundesliga-Saison gekostet. Sie hat seine Fahrt aufs Abstellgleis beschleunigt.

Das nächste Abschiedsspiel mit prominenter Besetzung könnte sein eigenes sein.

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