Amateur- und Profisport Zwei Kreuzbänder im Vergleich

Wenn Profifußballer sich einen Kreuzbandriss zuziehen, sind sie meistens doppelt so schnell wieder fit wie Freizeitsportler. Das liegt auch an der medizinischen Betreuung. Handeln Mannschaftsärzte unverantwortlich?
Von Anna Paarmann
HSV-Arzt Goetz Welsch (l.) und Nicolai Mueller

HSV-Arzt Goetz Welsch (l.) und Nicolai Mueller

Foto: imago/ Michael Schwarz

Im Schnitt steht ein Profifußballer, der sich einen Kreuzbandriss zugezogen hat, nach 239 Tagen wieder auf dem Platz. Etliche pausieren auch weniger als sieben oder acht Monate. Zum Beispiel Patrick Herrmann. Der Gladbacher hatte sich in der Saison 2015/2016 die Bänder gerissen und stand schon 133 Tage später wieder im Bundesligakader seines Vereins. Für Aufmerksamkeit sorgte auch der Fall von Sami Khedira: Er verletzte sich im November 2013 am Knie und spielte knapp sechs Monate später bei der WM in Brasilien.

Fußballverletzungen.com heißt die Seite, die der Journalist Fabian Siegel 2009 aufgesetzt hat. Die Datenbank umfasst mittlerweile mehr als 10.000 Verletzungen. Wesentliche Erkenntnisse: Fußballer kehren heute deutlich schneller in den Spielbetrieb zurück als noch vor einigen Jahren. In der Saison 2009/2010 pausierten sie noch doppelt so lange wie heute. Dafür haben die Verletzungen zugenommen. Eine statistische Auswertung  der vergangenen sechs Jahre hat zudem ergeben, dass sich 22,5 Prozent der Bundesligaspieler mit einem Kreuzbandriss innerhalb von sechs Monaten erneut am Knie verletzten.

Pause nach Kreuzbandriss

Pause nach Kreuzbandriss

Foto: fussballverletzungen.com

Der Hamburger SV muss zurzeit auf Nicolai Müller verzichten, er hat sich gleich im ersten Saisonspiel im August beim Jubeln das Kreuzband gerissen. Voraussichtlich Ende März soll der Stürmer wieder fit sein, damit fällt er knapp acht Monate aus. Freizeitsportler brauchen dagegen deutlich länger, um sich von einer solchen Verletzung zu erholen. Ein Jahr ist die Faustregel.

Doch woran liegt das? Werden Profis unverantwortlich früh wieder auf den Platz geschickt? Oder liegt es an der weniger umfangreichen Behandlung bei den Amateursportlern? Götz Welsch ist Mannschaftsarzt beim HSV, zudem ärztlicher Leiter des Athleticums, der Abteilung für Sport- und Bewegungsmedizin der Eppendorfer Universitätsklinik (UKE). Der 43 Jahre alte Orthopäde sieht in der Sofortbehandlung einen zentralen Grund für den so unterschiedlichen Genesungszeitraum.

HSV-Spieler Müller wurde nur 30 Minuten nach seiner Verletzung von Physiotherapeuten versorgt - mit Kühlung und Kompression. Direkt nach Abpfiff hat Welsch ihn in den Katakomben untersucht. "Da habe ich relativ deutlich gesehen, dass es ein Kreuzbandriss ist." Gewissheit gab es drei Stunden später durch die Kernspintomografie. Und nur zwei Tage danach hatte der Fußballer bereits die OP überstanden.

"Ein Hobbyspieler wird so schnell nicht operiert", sagt Welsch, der derartige Eingriffe früher selbst durchgeführt hat. "Wenn sich ein Freizeitsportler wie Müller am Samstag verletzt, sitzt er meist erst am Montag beim Arzt. Am Mittwoch hat er dann vielleicht einen MRT-Termin und am Donnerstag steht die Diagnose." Das Knie ist dann aufgrund fehlender Behandlung angeschwollen, eine Operation nicht möglich. "Man muss dann mindestens vier Wochen warten."

"Ich konnte nicht auftreten, nichts ging mehr"

So erging es auch Handballerin Svenja Glas, die ambitioniert Handball spielt - aber als Hobby, nicht als Beruf. Sie war in einem Landesligaspiel weggeknickt, musste vom Krankenwagen abgeholt werden. "Ich konnte nicht auftreten, nichts ging mehr." Der zuständige Arzt im Krankenhaus erkannte den Kreuzbandriss nicht und entließ sie mit Krücken. Erst Tage später, das Knie war mittlerweile extrem angeschwollen, an Belastung nicht zu denken, stellte ein anderer Orthopäde die richtige Diagnose. "Operiert wurde ich Wochen später", sagt die 23 Jahre alte Studentin. "Handballspielen konnte ich erst wieder nach einem Jahr."

Gleich nach der Verletzung verliert jemand, der Sport in seiner Freizeit betreibt, also wertvolle Zeit. Welsch führt aber auch zeitliche und finanzielle Ressourcen an. "Jemand, der in einem normalen Berufsfeld tätig ist, hat weniger Zeit als ein Bundesliga-Fußballer." So kommt ein Hobbysportler auf zwei bis drei Einheiten pro Woche, ein Profi auf rund zehn Behandlungen.

Welsch übt aber auch Kritik an der mangelnden Kostenübernahme der Krankenkassen: "Das ist ein großes Problem, dass wir unseren Patienten nicht ausreichende Reha-Maßnahmen bieten können. So steigt die Gefahr einer erneuten Verletzung." Handballerin Glas hat zwölf physiotherapeutische Behandlungen von ihrer Krankenkasse verschrieben bekommen. "Das hat längst nicht gereicht, ich habe mir dann selbstständig ein Fitnessstudio gesucht. Sonst wäre ich nicht wieder fit geworden."

Krankenkasse sieht keine Probleme in der Versorgungslage

Die Techniker Krankenkasse gehört zu den größten Trägern gesetzlicher Krankenversicherungen. Auf Nachfrage teilt sie mit, dass der Behandlungsumfang von der Einschätzung eines Arztes abhängig sei. "Er betrachtet die Art der Erkrankung, das individuelle Beschwerdebild und definiert daraufhin das Rehabilitationsziel", heißt es von Pressesprecher Michael Ihly. Auch könne der zuständige Mediziner "bei individueller Notwendigkeit" höhere Therapiebedarfe verordnen. "Eine klar definierte Obergrenze gibt es nicht." Zur Versorgungslage sei der TK keine grundsätzliche Kritik bekannt.

Das Vorgehen nach der Operation ist entscheidend - für den Heilungsprozess und die Wiederherstellung der Kniefunktion. Nach etwa einem Monat starten Welschs Patienten mit Kraft- und Beweglichkeitsübungen. "Je schneller man damit beginnt, desto weniger Muskulatur verliert man." Auch das erklärt die einjährige Pause bei Amateuren: Durch die verschenkte Zeit gleich am Anfang haben sie bis zum Behandlungsstart schon deutlich mehr Muskelmasse abgebaut als Profis.

Götz Welsch (2.v.l.) mit Trainer Markus Gisdol (r.).

Götz Welsch (2.v.l.) mit Trainer Markus Gisdol (r.).

Foto: Jörg Sarbach/ picture alliance / Jörg Sarbach/dpa

Götz Welsch kennt jedoch nicht nur die Unterschiede in den Behandlungsmöglichkeiten von Freizeit- und Profisportlern. Er muss in seiner täglichen Arbeit beim HSV auch das Wohl des Spielers und das Vereinsinteresse wahren. Ein Interessenkonflikt? Kann ein Arzt seinem Berufsethos in dieser Zwickmühle überhaupt noch gerecht werden?

"Meine Aufgabe ist es, stets einen für beide Seiten vertretbaren Kompromiss zu finden. Ich versuche die Ausfallzeit bei einem Spieler mit Kreuzbandriss so gering wie möglich zu halten und dabei die bestmögliche Funktion des Gelenkes wiederherzustellen", sagt Welsch. "Gerade bei schweren Verletzungen weiß ich, was passieren kann, wenn jemand zu früh wieder eingesetzt wird." Deshalb lastet auf ihm ein enormer Druck. Der Verein möchte Siege einfahren und dabei im besten Fall alle Spieler an Bord haben.

Einen Außenbandriss behandelt er auch mal mit Spritzen

Einfacher hat es Welsch bei kleineren Verletzungen: Spieler mit einem Außenbandriss im Sprunggelenk lässt er schon nach zwei Wochen wieder aufs Feld. Ein Amateur fällt damit mindestens sechs Wochen aus. "Wenn die Stabilität im Gelenk wiederhergestellt ist, können Profis eine solche Verletzung sehr früh kompensieren." Hier greift der Mannschaftsarzt auch zu Hilfsmitteln. "Kleinere Verletzungen kann man durch eine gezielte Therapie, beispielsweise mit Spritzen, beschleunigen, ohne dem Spieler zu schaden."

Das gilt allerdings nicht für Kreuzbandrisse. "So geht kein Arzt vor. Da geht es einfach um zu viel. Ist das Knie nicht stabil, kann einem das Gelenk um die Ohren fliegen. Ein erneuter Kreuzbandriss kann die Karriere beenden."

Fest steht: Egal, wie gut die ärztliche Behandlung bei Profis ist, sie verletzen sich dennoch immer wieder. Das mag, wie Welsch sagt, daran liegen, dass sie heute mehr Kilometer im Spiel zurücklegen als noch vor zehn Jahren. Oder aber daran, dass es bei der Regenerationszeit nach Verletzungen doch eine Kehrseite gibt und Bundesligaspieler zu früh wiedereingesetzt werden. Es bleibt eine offene Frage.

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