Englischer Amateurclub Lewes Mit Hitchcock zum Sieg

In der siebten Liga muss man schon kreativ sein, um die Zuschauer ins Stadion zu holen. Deshalb hat sich der englische Amateurclub Lewes FC etwas Besonderes einfallen lassen, um die Ränge zu füllen - die Ankündigungs-Plakate erinnern an Hitchcock oder die Sex Pistols.

Lewes FC

Von Daniel C. Schmidt


Während Deutschland derzeit wieder mit Bundestagswahlplakaten überzogen wird, gibt es an der südenglischen Küste einen kleinen Ort, der sich über eine derartige Vollplakatierung gar nicht aufregen mag. Die Plakate in der Stadt Lewes sind auch keine Vorboten eines mutmaßlich langweiligen Wahlkampfes. Vielmehr werden sie Woche für Woche sehnlich erwartet, für viele Bewohner kündigen sie ein ersehntes Ereignis an - das nächste Spiel ihres Vereins.

Sie sind auch weitaus unterhaltsamer als Wahlplakate. Auf den Postern, die die Heimpartien des ansässigen Vereins Lewes FC annoncieren, finden sich lauter Popart-Sprengsel sowie versteckte Referenzen an ikonische Bilder aus Kunst und Kultur. In Anlehnung an die Sex Pistols druckten die Verantwortlichen des Vereins beispielsweise für ein Spiel im englischen Hundewettermonat Januar ein Plakat mit ähnlicher Typografie wie das Debüt der Londoner Punkband mit ihrem berühmten Plattencover: "Never mind the Bollocks." Die Aufschrift: "Never mind the weather."

Nicht immer sind die Verweise auf den Postern so offensichtlich, was wiederum den Reiz für die Anwohner von Lewes ausmacht. "Die Aufmerksamkeit, die wir bekommen, ist unglaublich", sagt Stuart Fuller, Mitglied im Präsidium des Vereins: "Die Leute hier fiebern richtig, welches Motiv wir uns als Nächstes einfallen lassen."

Vor der drohende Pleite an die Fans verkauft

Sobald die Poster hängen, beginnt im Ort das große Raten um mögliche Querverweise. Dabei war das Interesse an der Mannschaft vor ein paar Jahren noch verhältnismäßig gering. 2010 war der Lewes FC ein Amateurverein mit ungewisser Zukunft. Der damalige Besitzer hatte sich übernommen in der Hoffnung, mit dem Team durch die unteren Ligen zu marschieren. Kurz vor der drohenden Pleite verkaufte er den Club an die Fans.

Ein sechsköpfiges Präsidium wurde installiert für die Geschäftsbelange. "Charlie, eines unserer Präsidiumsmitglieder, hat einen beruflichen Marketing-Hintergrund. Er hatte die Idee, unsere Heimspiele im Ort offensiv mit Postern zu bewerben, um die Menschen wieder für Lewes zu begeistern", so Fuller. Die schmucklosen Ankündigungen hätte man dann schnell mit bunten, themeninspirierten Plakaten ersetzt.

Von Hitchcock über Pink Floyd bis zu Banksy

Inzwischen erinnern viele von ihnen auf den ersten Blick an stilisierte Filmposter. Nur dass sie statt Blockbustern Fußballspiele sechs Ligen unterhalb der englischen Premier League gegen Vereine aus 8000-Einwohner-Gemeinden bewerben.

Die Referenzen reichen von Hitchcock über Pink Floyd bis zum Street-Artist Banksy. "Ein paar der Poster sind sehr lokal beschränkt in ihrer Bedeutung", sagt Fuller. "Manchmal verstehen sie die Leute von außerhalb überhaupt nicht." Es gibt da zum Beispiel dieses Team, Concord Rangers. Die kommen von Canvey Island, wo die Bewohner den Ruf haben, sagen wir es so: Die sind alle miteinander verwandt. "Auf dem Plakat für unser Spiel gegen die Rangers grüßte eine Hand mit sechs Fingern." Das hätten viele für einen Fehler gehalten, schiebt Fuller hinterher. Oh, nicht falsch verstehen, sagt er, natürlich beziehe sich das keineswegs auf die Inzucht-Insel. "Wir hatten doch sechs Tore gegen die geschossen im letzten Spiel."

Gehört die Überführung des Fußballs ins Künstlerische nicht unbedingt zum Standardprogramm eines Dorfclubs, kann man den Gegner natürlich nicht oft genug verhöhnen, und sei es auf derart subtile Weise.

Außer der Befriedigung der eigenen Fanseele: Was genau bringt die Marketing-Aktion dem Verein denn ein? Gemessen an der Nicht-Professionalität des Clubs fällt die Antwort entsprechend ehrlich-sympathisch aus. Das Profil hätte sich klar erhöht, Lewes FC sei jetzt im Land bekannt für seine Spieltagsposter.

Ob dadurch tatsächlich mehr Zuschauer in das 3000 Plätze fassende Stadion Dripping Pan kämen, könne man gar nicht genau sagen, sagt Fuller. Einen Vorverkauf gibt es beim Lewes FC nicht. "Unser Zuschauerschnitt hängt immer ganz davon ab, gegen welchen Verein wir spielen. Manche Clubs kommen mit 100, 150 Anhänger. Na ja, und andere Dorfteams bringen eben nur fünf Fans mit."



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
HannesFaber 11.09.2013
1. Eintrittspreise?
Zitat von sysopLewes FCIn der siebten Liga muss man schon kreativ sein, um die Zuschauer ins Stadion zu holen. Deshalb hat sich der englische Amateurclub Lewes FC etwas Besonderes einfallen lassen, um die Ränge zu füllen - die Ankündigungs-Plakate erinnern an Hitchcock oder die Sex Pistols. http://www.spiegel.de/sport/fussball/amateurclub-lewes-fc-druckt-plakate-wie-filmposter-a-918874.html
Interessant ist auch, dass man in England für ein Spiel in der 7. Liga immerhin 11 Pfund Eintritt löhnen muss. Stolzer Preis ...
steellynx 11.09.2013
2.
Das war auch das Erste, was ich gesehen habe. 11 Pfund. Daß die Premier League völlig überteuert ist hört man ja immer wieder. Aber daß es schon in der siebten Liga damit beginnt ist schon hart. Ich möcht wetten, für den selben Preis in ähnlicher Liga bekommt man hier noch Bier, Wurst, Pommes und eine Handvoll Autogramme oben drauf.
itsme86 11.09.2013
3. klar..
...sind 11£ alles andere als günstig aber dafür gibt es im "Dripping Pan" auch mehr wie ne Holzbank am platz.generell spielt man in unteren englischen Ligen oft auf Plätzen die den Namen Stadion noch redlich verdient haben.
tunafan 11.09.2013
4. Eintrittspreise!
Daß die Eintrittspreise auf der Insel im Vergleich zur bundesdeutschen Landschaft hoch sind, ist nun wirklich nix neues, aber wer geht schon zu einem Fußballspiel, nur weil der Eintrittspreis niedrig ist ...
anangryj 11.09.2013
5. Das man mit klugen Ideen
auch durchaus mediale Aufmerksamkeit erreichen kann zeigt hierzulande die in Göttingen angestossene Initiative "Glotze aus - Stadion an" der mittlerweile diverse Traditionsclubbs folgen, hat sich ziemlich viral verbreitet! gasa.blogsport.de
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