Hilfsaktion im Amateurfußball 658 Eintrittskarten, 463 Würstchen, 920 Biere

Der Amateurfußball ruht auf unbestimmte Zeit, wichtige Einnahmen brechen weg. Kreisligist TC Freisenbruch stellt eine Onlineplattform zur Verfügung, auf der Vereine virtuelle Produkte verkaufen können - mit Erfolg.
Die Auswechselbank beim TC Freisenbruch verströmt Fußballcharme

Die Auswechselbank beim TC Freisenbruch verströmt Fußballcharme

Foto: Norbert Schmidt/ imago images

Der TC Freisenbruch ist kein normaler Fußballverein. Im Waldstadion Bergmannsbusch, der Heimspielstätte des Essener Kreisligisten, scheint mit dem Aschenplatz und den heruntergekommenen Auswechselbänken die Zeit für Fußballromantiker stehen geblieben zu sein. Doch mit Romantik hat es wenig zu tun, wenn eine Community aus 683 registrierten Fußballmanagern über die Aufstellung für das folgende Spiel, den Posten des Trainers oder die Eintrittspreise entscheidet. In Freisenbruch entstand vor Jahren das erste Online-Managerspiel mit realem Bezug zu einem Verein.

Als die Coronakrise den gesamten Spielbetrieb im Amateurfußball stoppte, war auch der TC Freisenbruch betroffen. Das letzte Spiel fand am 8. März statt. Kurz darauf wurde in der Community die Idee geäußert, den Verein mit virtuellen Eintrittskarten für die seit Wochen ausfallenden Heimspiele zu unterstützen. Vorbilder gibt es genug: So verkaufte Zweitligist VfL Bochum Tickets für das zunächst unter Ausschluss der Öffentlichkeit angesetzte und letztlich abgesagte Heimspiel gegen den 1. FC Heidenheim. Aus den Regionalligen zogen Klubs wie Rot-Weiß Oberhausen, Lok Leipzig oder Kickers Offenbach nach.

Seit dem ersten April gibt es geisterspieltickets.de

"Zunächst waren wir von der Idee gar nicht so überzeugt", sagt Peter Wingen, Medienbeauftragter des TC Freisenbruch dem SPIEGEL. Aufwand und Ertrag schien den Machern des Managerspiels nicht in Einklang zu bringen. "Doch dann kam uns der Gedanke, daraus eine Solidaritätsaktion unter Sportvereinen zu machen." So entstand die Idee für die Plattform geisterspieltickets.de , am ersten April ging es los.

Nicht nur beim TC Freisenbruch können Eintrittskarten, Bier und Würstchen gekauft werden

Nicht nur beim TC Freisenbruch können Eintrittskarten, Bier und Würstchen gekauft werden

Dort können sich Vereine registrieren, um mit geringem Aufwand eine individuelle Website zu erstellen, auf der Zuschauer, Fans oder Anhänger des jeweiligen Klubs virtuell Eintrittskarten, Bier und eine Stadionwurst kaufen können - zu selbstgewählten Preisen. "Die Einstellungen dauern keine fünf Minuten und dann können die Vereine sofort loslegen", sagt Wingen.

Ohne Leute wie André Schneider wären viele Amateurvereine aufgeschmissen - er selbst nennt sich "Allzweckwaffe". Beim SV Hochlar 28  im Kreis Recklinghausen ist er Seniorenspieler, Jugendtrainer, stellvertretender Sportlicher Leiter und Schriftführer in Personalunion.

"Ich bin über die Facebook-Seite des TC Freisenbruch auf die Aktion aufmerksam geworden", erzählt Schneider dem SPIEGEL. "Als Fan des VfL Bochum, der auch virtuelle Eintrittskarten verkauft hat, hatte ich über eine ähnliche Idee nachgedacht." Technisch sei das für einen Verein wie Hochlar jedoch nicht umsetzbar. Er habe die Idee im Verein vorgeschlagen, "und dann es hat nur wenige Minuten gedauert, bis unsere Vereinsvorsitzenden die Aktion abgesegnet haben".

"Was uns wehtut, sind die Verluste der Heimspiele"

Der Kreisligist gehörte in der vergangenen Woche zu den ersten Klubs, die Geisterspieltickets nutzen. Hochlar ist nicht existenziell von der Coronakrise bedroht. Der Verein hat knapp 800 Mitglieder, viele Ehrenamtliche halten in normalen Zeiten den Spielbetrieb mit vier Senioren- und 16 Jugendmannschaften sowie einer Ballgewöhnungsgruppe aufrecht. Es gibt auch zahlreiche Breitensportgruppen. Nun brechen Schneider und seinen Kollegen wichtige Einnahmen weg. "Was uns wehtut, sind die Verluste der Heimspiele und des offenen Vereinsheims im Trainingsbetrieb."

Je nach Gegner und Wetter kommen an guten Tagen bis zu 200 Zuschauer zu den Heimspielen in Hochlar, es können aber auch deutlich weniger sein. Die Einnahmen variieren zwischen 200 und 500 Euro. "Ich bin überwältigt, was bereits zusammengekommen ist und wie die Aktion unterstützt wird", sagt Schneider. "Wir haben schon nach wenigen Tagen über 500 Euro eingenommen."

Die "Pottperlen" wollen 600 Tickets verkaufen

In Hochlar entstand auch die Idee, einen Bierkasten für die Mannschaft zum Verkauf zu stellen - wie es an Spieltagen im Amateurfußball Usus ist. Ansonsten hat der TC Freisenbruch das Angebot bewusst schmal gehalten. Abgerechnet wird am Ende des Monats, für die Abwicklung der Spende stehen den virtuellen Zuschauern verschiedene Zahlungsmöglichkeiten zur Verfügung. 74 Vereine machen aktuell mit, laut Wingen wurden bereits 658 Eintrittskarten, 463 Würstchen, 920 Biere und 30 Bierkästen verkauft: "Die Vereine haben schon rund 6000 Euro eingenommen."

20 Prozent des Umsatzes behält Freisenbruch ein, um Gebühren und Betriebskosten zu begleichen. "Wenn wir unsere Kosten gedeckt haben, unterstützen wir mit dem restlichen Geld #WeKickCorona von Joshua Kimmich und Leon Goretzka", sagt Wingen.

Bei den Frauen des VC Allbau Essen fallen drei Heimspiele aus

Bei den Frauen des VC Allbau Essen fallen drei Heimspiele aus

Foto: BEAUTIFUL SPORTS/T. Sobczak/ imago/Beautiful Sports

Das Angebot soll nicht nur Fußballvereine ansprechen, Wingen hofft auf das Mitmachen von kleinen Kulturschaffenden. Der VC Allbau Essen  ist ein Volleyball-Zweitligist. Dort fallen die letzten drei Heimspiele der Saison aus, das bedeutet für den Verein laut Trainer Marcel Werzinger einen Verlust von 1800 Euro. Die "Pottperlen" hoffen deshalb auf den Verkauf von 600 Geisterspieltickets - so viele Zuschauer passen in die Sporthalle Bergeborbeck. "Die Aktion lief super an, im Moment liegen wir bei 150 Tickets", so Werzinger zum SPIEGEL.

So weit sind sie beim TC Freisenbruch noch nicht. "Wir haben die Aktion noch gar nicht beworben", sagt Wingen. "Bei uns läuft noch die Abstimmung der Online-Community über die genauen Preise."

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