Amerell bei Kerner Schiri Cool klagt an

Keine Schweißperle, kein Stotterer: Selbst intimste Nachfragen können Manfred Amerell bei "Kerner" nicht die Ruhe rauben. Der Beschuldigte in der Schiedsrichteraffäre ist sich seiner Sache sicher, attackiert den DFB, kündigt Klagen an - und erledigt nebenbei die Karriere von Referee Michael Kempter.
Amerell bei Kerner: Schiri Cool klagt an

Amerell bei Kerner: Schiri Cool klagt an

Foto: Andreas Gebert/ dpa

Der beruhigende Satz fällt gleich zu Anfang der Sendung. "Wir sind auf dem besten Wege, alles zu retten." Bedauerlicherweise sagt dies nicht Manfred Amerell, sondern die vierte Frau von Lothar Matthäus, Liliana. Nebst ihrem Noch-Gatten wird sie von Johannes B. Kerner zu Einzelheiten ihrer Ehe einvernommen. Amerell selbst wird später als Gast bei Kerner kurz vor Mitternacht andere Sätze sagen. Zum Beispiel: "Der DFB-Präsident hat die Ehre von Menschen auf dem Altar der Öffentlichkeit geopfert."

Das klingt anders. Hier wird keine Beziehung gerettet.

Tatsächlich ist der ehemalige DFB-Funktionär Amerell, der der sexuellen Belästigung von Schiedsrichtern bezichtigt wird, bei Sat.1 am Donnerstagabend weit davon entfernt, in irgendeiner Form zu deeskalieren.

Das ist also der erste Talkshow-Auftritt des Mannes, der vor ein paar Wochen nur eingefleischten Fußballfans bekannt war und inzwischen die balkendicken Aufmacherüberschriften der Boulevardpresse beherrscht. Es geht um schlüpfrige Details, um intimen E-Mail-Verkehr. Es geht um Intrige, um Eifersucht, um Sex. Amerell sagt: "Es tut mir leid, dass ich diesen ganzen Mist an die Öffentlichkeit tragen muss."

Lothar Matthäus hat vorher in eigener Sache kundgetan: "Wir kennen den Medienwald, da ist es besser, in eine Talkshow zu gehen und klar zu bekennen, wie es einem geht."

Michael Kempter

Nach dieser Devise packt Amerell aus, überlässt Sat.1 seine E-Mail-Kommunikation mit dem jungen Fifa-Schiedsrichter zur öffentlichen Ausschlachtung. Kempter ist die Schlüsselfigur im Fall Amerell. Er hat dem DFB im Herbst vergangenen Jahres gemeldet, Amerell habe sich an ihn herangemacht, habe ihn belästigt. Kerner zitiert eifrigst die intimen Details, liest dem Fernsehpublikum private Liebesworte vor, gibt der Allgemeinheit zur Kenntnis, welches das gemeinsame Lied von Amerell und Kempter gewesen sei: "Du" von "Ich und Ich". All das weiß jetzt ganz Deutschland.

Liliana sagt zwei Werbepausen zuvor: "Es hat mir immer sehr wehgetan, in der Öffentlichkeit Gerüchte zu hören, die nicht der Wahrheit entsprechen."

"Bisexuell? - Könnte man so ausdrücken"

Einmal überkommt aber auch den Moderator die Scheu: "Ich tue mich sehr schwer, diese Frage zu stellen", sagt Kerner, tut es aber trotzdem: "Welche Neigungen haben Sie?" Amerell, zu Beginn des Gesprächs eingeführt als "verheirateter Familienvater mit zwei Kindern", und Kerner einigen sich nach kurzem Hin und Her auf den Ausdruck "bisexuell". "Könnte man so ausdrücken", sagt der Talk-Gast.

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Schiedsrichter-Skandal: Die Akteure um Amerell und Kempter

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Es wird immer privater, man möchte das gar nicht alles hören. Aber Amerell sitzt ganz ruhig da und erzählt. Kein Stotterer, kein Versprecher, keine Schweißperle. Einer, der sich seiner selbst völlig sicher erscheint. Als sei nicht er seit Wochen schwersten Beschuldigungen ausgesetzt, sondern irgendeine andere Person, irgendwo draußen außerhalb des Fernsehstudios.

Das Verhältnis zu Kempter sei "keine Liebesbeziehung gewesen", da "Liebesbeziehung ja meint, dass man dauernd Kontakt hat". Stattdessen wählt er die Formulierung: "Ich habe ihn sehr, sehr gern gehabt." Und es könne sein, dass Kempter "unter Umständen auf mich abgefahren ist". Warum der Jung-Referee dann plötzlich eine Kehrtwende um 180 Grad gemacht habe und Amerell beim DFB angezeigt habe, könne er sich nicht erklären: "Vielleicht war er eifersüchtig, ich weiß es nicht."

Lothar Matthäus sagte zuvor: "Eifersucht gehört dazu in einer Beziehung."

"Hoffentlich fliegen die Bayern raus"

So geht es weiter, E-Mail um E-Mail, Detail um Detail. Ein Kronzeuge eines menschlichen Dramas wie geschaffen für Sat.1. So privat, wie Privatfernsehen nur sein kann. Seine provozierende Ruhe büßt Amerell nur ein, wenn die Rede auf DFB-Präsident Theo Zwanziger kommt, den "allmächtigen Herrn Präsidenten", wie der ehemalige DFB-Amtsinhaber Amerell ihn nennt. Einer, der laut Amerell in der ganzen Angelegenheit ganz anders gehandelt hätte, "wenn er auf Menschen achten würde und auf Menschen schauen würde". Einer, der nicht merke, dass "es hier um Menschen geht, nicht um Holzstücke".

Von daher will Amerell die Angelegenheit nicht ruhen lassen. Als nächstes will er die vier Schiedsrichter wegen Verleumdung verklagen, die ihn beim DFB belasten. "Ich habe jetzt ihre Namen, und die werden auch irgendwann öffentlich rauskommen."

Lothar Matthäus hat gesagt: "In einer Beziehung, wo Probleme auftauchen, können immer beide mehr tun, dass es wieder funktioniert."

Bevor Kerner zum nächsten drückenden Thema der Sendung, nämlich Übergewicht, überleitet, wird auf einmal der Sportjournalist im Boulevardmann hellwach. Und da wurde es tatsächlich einmal hochinteressant an diesem späten Abend. In einer E-Mail an Amerell, aus der der Moderator zitiert, schreibt Kempter: "Gleich spielen die Bayern. Hoffentlich fliegen sie raus. Dann können wir darauf anstoßen." Zur Erinnerung: Schiedsrichter werden im Fußballdeutsch auch Unparteiische genannt. Aber im deutschen Schiedsrichterwesen scheint tatsächlich nichts mehr an seinem Platze zu sein.

Die Karriere Kempters dürfte nach dieser E-Mail mehr oder weniger erledigt sein. Wie sagt Amerell dazu? "Ich finde das sehr bedenklich."

Lothar Matthäus sieht das bestimmt auch so.

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