Ex-Nationalspieler Amin Younes "Es gibt bei Trainern kein Richtig oder Falsch, nur ein Echt oder Unecht"

Ancelotti, Löw, Gattuso: Amin Younes hat unter großen Namen trainiert. Im Interview erzählt der Angreifer der SSC Neapel, was er von Dennis Bergkamp gelernt hat und warum Lucien Favre oft falsch beurteilt wird.
Ein Interview von Jörn Meyn
Amin Younes mit Carlo Ancelotti, der ihn 2018 bei der SSC Neapel trainierte: "Ein Gentleman"

Amin Younes mit Carlo Ancelotti, der ihn 2018 bei der SSC Neapel trainierte: "Ein Gentleman"

Foto: KONTROLAB/ LightRocket/ Getty Images

SPIEGEL: Herr Younes, wenn Sie sich einen perfekten Trainer erschaffen könnten, welche Eigenschaften hätte der?

Younes: Er würde erst im zweiten Schritt auf das Ergebnis achten, im ersten darauf, die eigenen Spieler besser zu machen. Er würde sich von außen nicht beeinflussen lassen. Er wäre sauehrlich, auch wenn es wehtut. Er würde auf jedes Detail im Spiel und im Training achten, auch auf die Einhaltung von Disziplin. Und es würde ihm darum gehen, seine Spieler zu besseren Menschen zu machen.

SPIEGEL: Sie hatten in ihrer Karriere viele große Namen als Trainer: Lucien Favre in Gladbach, Frank de Boer, Dennis Bergkamp und Erik ten Hag bei Ajax, Joachim Löw in der Nationalelf, Carlo Ancelotti und Gennaro Gattuso in Neapel. Liegt man dennoch richtig, wenn man behauptet, dass der wichtigste Trainer ihrer Karriere trotzdem ein anderer war: Horst Hrubesch in der U21-Auswahl?

Younes: Horst muss man hervorheben. Wenn ich eben einen für mich perfekten Trainer beschrieben habe, dann habe ich da eigentlich ihn vor Augen. Ohne ihn wäre meine Karriere wohl etwas anders verlaufen.

SPIEGEL: Warum?

Younes: 2014/2015 war ich an Kaiserslautern ausgeliehen, aber am Ende musste ich in der zweiten Mannschaft gegen Pirmasens spielen. Horst hat mich trotzdem für die U21-EM 2015 nominiert. Das meine ich, wenn ich sage: sich nicht von außen beeinflussen lassen. Er hat sich gesagt: "Dem Jungen vertraue ich." Und ich habe ihm dieses Vertrauen mit Leistung zurückgezahlt. Ohne dieses Turnier wäre ich wohl nie bei Ajax gelandet.

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Amin Younes, 26, wurde in Düsseldorf als Sohn eines ehemaligen libanesischen Fußballers und einer Deutschen geboren. 2012 gab der Offensivspieler sein Bundesliga-Debüt für Borussia Mönchengladbach unter Lucien Favre. Danach hatte er viele große Namen als Trainer: Frank de Boer, Dennis Bergkamp und Erik ten Hag bei Ajax Amsterdam, Joachim Löw in der deutschen Nationalelf, den dreimaligen Champions-League-Sieger Carlo Ancelotti und nun Gennaro Gattuso bei der SSC Neapel.

SPIEGEL: Was haben Sie von Hrubesch gelernt?

Younes: Wir haben noch heute so etwas wie eine Vater-Sohn-Beziehung. Wir haben unzählige Gespräche geführt. Über Fußball, aber auch über das Leben. Horst ist ein knallharter Typ. Er meinte mal zu mir: "Für deine Art, Fußball zu spielen, brauchst du Leichtigkeit, also achte auf dein Gewicht!" Das habe ich seitdem verinnerlicht. Und er hat die Mannschaft auf eine besondere Art auch erzogen, weil er den Spielern innerhalb bestimmter fester Richtlinien Freiheiten gewährt, aber auch Eigenverantwortung einfordert.

SPIEGEL: Können Sie ein Beispiel geben?

Younes: Bei einem Turnier kam mal ein Spieler von uns zu spät zum Essen. Als das ein zweites Mal passierte, hat Horst die ganze Mannschaft zur Strafe laufen lassen - bis auf den Zuspätkommer. Den hat er in den Arm genommen und gesagt: "Du kannst nichts dafür. Die anderen müssen dafür sorgen, dass alle da sind." Wir haben das zuerst nicht verstanden. Aber danach ist nie wieder einer zu spät gekommen, weil jeder stets darauf geachtet hat, dass alle da sind. Denn laufen wollte keiner mehr.

SPIEGEL: Sie haben unter Lucien Favre in Gladbach Ihr Bundesligadebüt gegeben. Wie haben Sie ihn erlebt?

Younes: Sein Training war perfekt. Sehr fordernd, aber immer mit Ball, und es hat extrem viel Spaß gemacht. Jedes Detail hatte er im Blick. Sogar, mit welchem Fuß man wann, wie blockt. Das in jungen Jahren erleben zu dürfen, war ein Genuss.

SPIEGEL: Seit Favre in Dortmund arbeitet, gibt es den Vorwurf, er könne eine Mannschaft nicht emotionalisieren. Das sei auch ein Grund, warum der BVB ein Mentalitätsproblem hat, lautet die Kritik. Können Sie das nachvollziehen?

Younes: Die Kritik an Favre kann ich kein bisschen nachvollziehen. Was er aus Gladbach gemacht hat, war ein kleines Wunder. Vom letzten Rang mit sieben Punkten Rückstand auf die rettenden Plätze führte er uns in nur einer Saison in die Champions-League-Qualifikation. Das schafft man nicht, wenn man ein Team nicht auf eine Reise mitnehmen kann. Es ist immer einfach zu sagen: Er kann Spieler nicht emotionalisieren. Aber das macht man nicht nur, indem man in der Kabine rumbrüllt. Das ist auch gar nicht Favres Art. Er kann nicht etwas vorspielen, was er nicht ist. Ein guter Trainer ist immer er selbst. Spielt er dem Team etwas vor, merken das die Spieler - und dann hat er sie verloren.

SPIEGEL: Wie hat Favre Sie denn auf eine Reise mitgenommen?

Younes: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Bei einer Trainingseinheit hatte ich mich defensiv einmal nicht ganz nach Favres Vorstellung verhalten. Klar habe ich mich auch darüber geärgert. Doch nach Verlassen des Trainingsplatzes war es für mich dann eigentlich erledigt. Nicht aber für Favre. Er rief mich am späten Nachmittag noch auf dem Handy an und erklärte mir, wie ich die Situation durch ein anderes defensives, taktisches Verhalten hätte besser lösen können. Zuerst fand ich das etwas kurios. Dieser Hinweis hätte doch auch noch bis zur nächsten Einheit warten können. Heute aber weiß ich: Das ist genau die Detailbesessenheit, die ihn so erfolgreich macht und auch mir so viel geholfen hat.

Unter Lucien Favre gab Amin Younes 2012 sein Bundesligadebüt für Borussia Mönchengladbach

Unter Lucien Favre gab Amin Younes 2012 sein Bundesligadebüt für Borussia Mönchengladbach

Foto: imago sportfotodienst/ imago/Schwörer Pressefoto

SPIEGEL: 2015 sind Sie zu Ajax gewechselt und trafen im Trainerteam auf Frank de Boer und Dennis Bergkamp.

Younes: Von ihnen habe ich gelernt, dass man Überzeugungen braucht, um nach oben zu kommen. Die beiden waren so von ihrer Spielweise überzeugt, dass sie gesagt haben: Lieber gehe ich damit unter, als sie zu ändern. Unsere Identität ist guter, schöner Fußball. Das war ihre Ansage. Und das hat mich geprägt.

SPIEGEL: Bergkamp war einer der besten Angreifer der Geschichte. Auch Sie sind Angreifer. Was hat er Ihnen für Ihr Spiel mitgeben können?

Younes: Dennis ist ein Typ, der eigentlich nicht gern im Rampenlicht steht. Aber mit ihm zu reden, war unglaublich bereichernd. In meinem ersten Jahr bei Ajax habe ich mehr Tore geschossen als im zweiten. Dann habe ich von den Medien Kritik bekommen. Aber ich fand, dass ich im zweiten Jahr viel besser gespielt habe: Ich war defensiv stärker, konnte besser pressen, war viel mannschaftsdienlicher. Dennis hat das erkannt. Eines Tages kam er zu mir und sagte: "Amin, es interessiert doch keinen, ob du kritisiert wirst. Wir sehen, was du leistest. Die Tore kommen von allein." Und dann hat er mir von seiner Zeit bei Inter erzählt.

2015 wechselte Younes zu Ajax Amsterdam, wo er auf den Co-Trainer Dennis Bergkamp (r.) stieß: "Ein unglaublicher Typ"

2015 wechselte Younes zu Ajax Amsterdam, wo er auf den Co-Trainer Dennis Bergkamp (r.) stieß: "Ein unglaublicher Typ"

Foto: imago/VI Images

SPIEGEL: Dort gab es für Bergkamp auch mal eine schwierige Zeit.

Younes: Als junger Spieler hilft dir das, wenn eine solche Legende erzählt, wie man mit Kritik umgeht. Wir haben oft gesprochen, beim Mittagessen oder beim Frühstück. Bei ihm habe ich gelernt, dass die Ansichten und Meinungen intern viel, viel wichtiger sind als alles, was außerhalb berichtet und geschrieben wird. Und wenn er im Training mitgemacht hat, hat er regelmäßig die Bälle volley in den Winkel gehauen. Ein unglaublicher Typ.

SPIEGEL: Macht es für einen Spieler einen Unterschied, ob ein Trainer selbst eine erfolgreiche Spielerkarriere hatte?

Younes: Eigentlich nicht, weil das ja nichts über die Qualität des Trainers aussagt. Aber natürlich ist man erst einmal beeindruckt, wenn man irgendwo neu hinkommt, und dann sitzen einem da de Boer, Bergkamp und Edwin van der Sar gegenüber. Dann denkt man: Wenn die nicht wissen, wie es geht, wer dann? Vielleicht haben es Ex-Stars dadurch zunächst etwas einfacher, aber auf Dauer setzt sich Qualität durch.

SPIEGEL: Bei Ajax hatten Sie aber auch Probleme mit einem Trainer: Erik ten Hag. Sie verweigerten ihm kurz vor Ende eines Spiels die Einwechslung. Daraufhin versetzte er Sie in die zweite Mannschaft. Später verließen Sie Ajax.

Mit Erik ten Hag kam Younes bei Ajax weniger zurecht. 2018 verweigerte er dem Trainer die Einwechslung, daraufhin wurde er suspendiert

Mit Erik ten Hag kam Younes bei Ajax weniger zurecht. 2018 verweigerte er dem Trainer die Einwechslung, daraufhin wurde er suspendiert

Foto: "Jeroen Putmans"/ imago/VI Images

Younes: Es gibt eine Vorgeschichte dazu. Ich war schon in meinem dritten Jahr bei Ajax, mein Vertrag lief aus, und ich wollte Klarheit, wie es weitergeht. Die bekam ich leider nicht. Und dann hat es zwischen mir und dem Trainer nicht gepasst. Leider habe ich dann meine Einwechslung in der Nachspielzeit verweigert, weil ich enttäuscht war. Ich hätte nicht so emotional reagieren dürfen. Das war unprofessionell.

SPIEGEL: Wie ist das, wenn man spürt: Der Trainer setzt nicht auf mich?

Younes: Mir ging das auch schon unter Kosta Runjaic bei Kaiserslautern so. Ich kann besser damit umgehen, wenn mir jemand knallhart sagt, was das Problem ist, als wenn man mir gar nichts sagt. Ich glaube ja, dass beide negativen Erfahrungen wertvoll für mich waren. Und manchmal lernt man dann mehr über sich, als wenn alles glattläuft. Bei Ajax habe ich in der Zeit gelernt, dass ich ein Typ bin, der die Konsequenzen für sein Handeln tragen will. In der zweiten Mannschaft habe ich mich reingehängt, weil es meine eigene Schuld war, dass ich dort gelandet bin.

SPIEGEL: Geht man weiter durch ihre Karriere, dann kommt bald ein weiterer großer Name auf ihrer Trainerliste: Joachim Löw. 2017 haben Sie den Confed Cup gewonnen. Löw nominierte damals eine Nachwuchself für das Turnier.

Younes: Menschlich fand ich ihn herausragend. Und fachlich war ich beeindruckt, wie viel er selbst in der täglichen Trainingsarbeit gemacht hat. Man denkt ja immer: Das ist ein Nationaltrainer, der muss nur dafür sorgen, dass all die guten Spieler auf dem Feld stehen. Aber Löw hat in jeder Trainingseinheit wirklich noch an Details gearbeitet.

Joachim Löw nominierte Younes 2017 für den Confed Cup in Russland. Dort gab er sein Debüt für die Nationalelf und gewann mit dem Team den Titel

Joachim Löw nominierte Younes 2017 für den Confed Cup in Russland. Dort gab er sein Debüt für die Nationalelf und gewann mit dem Team den Titel

Foto: Buda Mendes/ Getty Images

SPIEGEL: Es gibt die These, dass jede Mannschaft auch Charakterzüge des eigenen Trainers besitzt. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Younes: Ja. Ein Trainer ist in erster Instanz ein Anführer. Was er vorlebt, lebt die Mannschaft mit. Wichtig ist, dass er glaubwürdig bleibt. Dann folgt ihm ein Team. Und dann kann es vorkommen, dass eine Elf besonders emotional ist, wenn ihr Trainer das auch ist. Oder dass ein Team die Spiele mit einer gewissen Coolness angeht, wenn das der Trainer so vorlebt.

SPIEGEL: 2018 sind sie nach Neapel gewechselt und auf einen Trainer gestoßen, dem eine gewisse Coolness nachgesagt wird: Carlo Ancelotti.

Younes: Ich habe ihn als sehr entspannten, besonnenen Menschen kennengelernt. Bei ihm war besonders, dass er mit vielen Konflikten konfrontiert war, aber er ist damit sehr geduldig umgegangen. Er ist nie ausfallend oder laut geworden. Ich habe noch nie einen Trainer erlebt, der so ein Gentleman war. Das zeigt mir, dass man auch mit dieser Art sehr erfolgreich sein kann.

SPIEGEL: In Deutschland hat Ancelotti den Ruf, vielleicht etwas zu gemütlich zu sein. Wie haben Sie das gesehen?

Younes: Ancelottis Problem in Deutschland war, dass die Menschen wegen der Sprachbarriere nicht den Gentleman in ihm erkannt haben. Ich habe ihn aber tagtäglich im Training erlebt, gemeinsam mit seinem hoch motivierten Trainerteam. Wenn du aber Teams wie Real Madrid oder den AC Mailand in den besten Jahren trainiert hast, dann geht es vor allem darum, Menschen zu führen und Topstars in einem Kollektiv zusammenzuhalten. Mit seiner Art kann er das perfekt. Ronaldo oder Kaka muss man technisch nicht mehr viel beibringen. In einer gewissen Art negativ gemütlich habe ich ihn, ehrlich gesagt, nie wahrgenommen.

SPIEGEL: Ancelotti war selbst ein Offensivspieler wie Sie. Hrubesch war Stürmer, Bergkamp und Löw auch. Kommen Sie mit solchen Trainern besser zurecht?

Younes: Da kann man nicht drum herumreden. Trainer, die selbst Angreifer waren, haben ein gutes Gespür für die Nöte von Angreifern. Sie haben viele Situationen selbst erlebt. Stürmer sind ja oft auch etwas spezielle Typen, und vielleicht versteht das ein Trainer besser, wenn er selbst Stürmer war.

2018 wechselte Younes nach Neapel. Dort trainiert ihn heute der frühere Milan-Mittelfeldspieler Gennaro Gattuso (Mitte): "Seine große Stärke ist seine Emotionalität"

2018 wechselte Younes nach Neapel. Dort trainiert ihn heute der frühere Milan-Mittelfeldspieler Gennaro Gattuso (Mitte): "Seine große Stärke ist seine Emotionalität"

Foto: Maurizio Borsari/ imago images/AFLOSPORT

SPIEGEL: Ihr aktueller Trainer bei Neapel heißt Gennaro Gattuso - der selbst ein legendärer Abräumer bei Milan und in der italienischen Nationalelf war. Und Sie spielen nicht sehr oft unter ihm.

Younes: Anfangs war ich bei Gattuso außen vor, das stimmt. Aber durch die Vorbereitung in der Corona-Pause habe ich mich etwas mehr in seinen Fokus gespielt, und wir haben auch ein gutes Verhältnis bekommen. Eines kann ich sagen: Ich bin wirklich überzeugt von ihm als Trainer. Egal, ob ich spiele oder nicht. Wenn Gattuso genug Zeit bekommt, wird er Erfolg haben.

SPIEGEL: Was macht Sie da so sicher?

Younes: Es ist kein Zufall, dass wir aus der Corona-Pause kommen, vier von fünf Spielen und den Pokal gewonnen haben. Gattusos große Stärke ist seine Emotionalität. Er gibt dir das Gefühl, dass es am Spieltag nichts Wichtigeres gibt als das Spiel. Dass du dich vollkommen aufopfern willst. So wie er selbst immer gespielt hat. Gattuso ist selbst noch ein halber Spieler, er macht vieles noch mit im Training und drückt dich als Spieler bis an die Grenze.

SPIEGEL: Also genau das, was man Favre abspricht.

Younes: Die große Kunst eines Trainers ist es, auf seine eigene Art eine Mannschaft von sich zu überzeugen. Da gibt es kein Richtig oder Falsch, sondern nur ein Echt oder Unecht. Und besonders Erfolg versprechend ist es, wenn Trainer zu einer Mannschaft passen. Bei Favre und Gladbach hat es damals wunderbar gepasst. Und es passt jetzt auch bei Gattuso und Neapel.

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