Schalke-Trainer Breitenreiter "Das Spiel mache ich nicht mit"

Schalke 04 besser machen und befrieden: Es gibt leichtere Aufgaben für einen Trainer. Doch bereits jetzt wirkt das Team befreit. André Breitenreiter über Selbstzweifel, warum ihn der Hype um junge Talente nerven, und Einzelzimmer im Hotel.

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Raus aus dem Hotel: Seit Anfang August hat Schalkes Trainer André Breitenreiter eine neue Wohnung. In Gelsenkirchen. Es ist noch gar nicht so lange her, da wäre das beim chronisch lauten Bundesligisten eine Meldung wert gewesen. Das Extreme, die Neben- und Störgeräusche, oft selbst erzeugt, gehörten in der vergangenen Saison wieder einmal zum FC Schalke 04. Eine maue Saison war das.

Breitenreiter, der neue Coach, soll das ändern. Vieles ändern. Er muss nicht nur besseren und erfolgreicheren Fußball spielen lassen. Sondern auch einer als schwierig verschrienen Mannschaft eine neue Mentalität verpassen. Der 41-Jährige weiß das.

SPIEGEL ONLINE: Herr Breitenreiter, ohne dass ein einziges Bundesligaspiel absolviert ist, wirkt der FC Schalke 04 geradezu befreit. War es schwer, der Mannschaft Freude zurückzugeben?

Breitenreiter: Das hat tatsächlich ein paar Tage gedauert. Ich musste mir ja auch einen Eindruck verschaffen. Das Feedback, das ich bekommen hatte, lautete: Die Stimmung auf dem Platz war in der vergangenen Saison nicht gut, es wurde wenig gelacht. Die Mannschaft wurde als charakterlos bezeichnet, als nichtleistungsbereit.

SPIEGEL ONLINE: Sind Ihnen diese Eigenschaften in Ihrer kurzen Zeit als Schalke-Trainer schon begegnet?

Breitenreiter: Nein, keinesfalls. Natürlich habe ich mich gefragt: Was erwartet mich hier? Am Anfang war da eine gewisse Anspannung. Ich habe aber schnell gesehen, dass die Spieler gut arbeiten. Die Mannschaft ist selbstkritisch, hat die vergangene Saison hinterfragt und trainiert hart.

SPIEGEL ONLINE: Überrascht es Sie, wie schnell auf Schalke nach der tristen Vorsaison wieder Euphorie entstanden ist?

Breitenreiter: Ich freue mich darüber. Als ich hier mit Paderborn am vorletzten Spieltag der vergangenen Saison zu Gast war, habe ich das ja hautnah mitbekommen. Es gab Standing Ovations für Paderborn, obwohl Schalke 1:0 gewonnen hatte. Die Fans hatten sich hier von der eigenen Mannschaft abgewendet. Für mich war es deshalb eines der wichtigsten Ziele, dass wir zu den Fans wieder Nähe herstellen.

SPIEGEL ONLINE: Und deshalb geben die Spieler fleißig Autogramme.

Breitenreiter: Ich will einfach, dass die Zuschauer nach jedem Spiel mit dem Gefühl nach Hause gehen, dass ihr Team alles gegeben hat. Sie nehmen oft eine Menge auf sich für den Verein und leben Schalke 04. Da ist es für mich selbstverständlich, dass wir ein paar Autogramme schreiben. Hier kommen in den Ferien bis zu 2000 Menschen zum Training, die Currywurstbude am Platz macht hier richtig Umsatz. Das ist schon einmalig.

SPIEGEL ONLINE: Wie konkret haben Sie sich mit dem Zusammenbruch im Schalker Team auseinandergesetzt, der im vergangenen Frühjahr begann?

Breitenreiter: Externe Meinungen habe ich mir dazu nicht eingeholt, auch nicht von meinem Vorgänger. Ich wollte mir eigene Eindrücke verschaffen. Aber selbstverständlich bin ich nicht naiv an die Sache herangegangen. Vor dem Trainingsauftakt gab es ein Mitarbeitertreffen mit unserem Stab, da waren über 20 Leute anwesend. Ich habe sie gebeten zu erzählen, was in der Vergangenheit nicht optimal gelaufen ist. Da ging es um Abläufe untereinander. Ich habe gute Hinweise bekommen, was wichtig ist.

SPIEGEL ONLINE: Negative Dynamiken hat es beim FC Schalke immer wieder gegeben. Wie wollen Sie verhindern, dass sich das wiederholt?

Breitenreiter: Genau darum geht es. Die Vorbereitung ist vorbei, jetzt beginnt die Bundesligasaison. Wie reagiert ein Spieler, wenn er nicht spielt? Wenn er nicht im Kader ist? Ist er beleidigt? Distanziert er sich wieder? Ganz ehrlich: Ich kann Ihnen das jetzt noch nicht beantworten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Maßnahmen haben Sie getroffen?

Breitenreiter: Sie gehen als neuer Trainer nicht auf den Platz, schnipsen mit dem Finger, und alles ist gut. Wichtig ist mir, dass die Spieler miteinander sprechen. Wenn wir nun künftig in Hotels sind, dann gibt es zum Beispiel keine Einzelzimmer mehr.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchem Fußball wollen Sie das Publikum mitnehmen und Punkte holen?

Breitenreiter: Es ist statistisch erwiesen, dass 50 Prozent aller Tore nach Ballgewinnen im gegnerischen Drittel fallen. Wir haben eine brutale Qualität in der Offensive. Wir müssen also sehen, dass wir kurze Wege zum Tor haben. Hohes Pressing und frühe Ballgewinne sind deshalb unser Ziel. Aber diese Spielweise gab es hier lange nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vorgänger Roberto Di Matteo setzte vor allem auf Defensive.

Breitenreiter: Man hat beim FC Schalke lange auf die individuelle Qualität im Kader vertraut. In der Vergangenheit funktionierte das defensive Umschalten zudem nicht wirklich gut. Das hat vor allem mit Bereitschaft zu tun, mit Laufstärke. Das in die Köpfe der Spieler zu kriegen, dauert aber.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwer wird es Ihnen fallen, wenn junge Talente wie Leroy Sané angesichts der vielen Stars bei Schalke immer mal wieder auf der Bank sitzen?

Breitenreiter: Lassen Sie mich dazu eins sagen: Bei der Bewertung einzelner Spieler habe ich oft eine andere Meinung als Journalisten. Da wird mir oft zu früh gehypt. Leroy ist ein Super-Junge, er hat eine tolle Entwicklung genommen. Das Phlegma im defensiven Umschalten, das er in der vergangenen Saison hatte, hat er abgestellt. Aber nur weil mal wieder jemand gepusht werden soll, muss ich da nicht mit einstimmen. Das Spiel mache ich nicht mit.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie dieser historisch gewachsenen Schalker Neigung zu den Extremen entgegenwirken?

Breitenreiter: Indem wir beispielsweise nicht von unseren Zielsetzungen abweichen, wenn wir zwei Spiele hintereinander gewonnen haben. Wir sind eine der jüngsten Mannschaft in der Bundesliga, und die braucht Zeit. Wir werden langfristig Erfolg haben, da bin ich mir sicher. Das ist mir bisher mit jeder Mannschaft gelungen. Dazu ist es wichtig, nicht wieder einen solchen Druck auf Spieler wie Max Meyer oder Julian Draxler aufzubauen.

SPIEGEL ONLINE: Schalkes Vereinsführung hat in der Vergangenheit selbst dazu beigetragen, dass dieser Druck so groß wurde.

Breitenreiter: Ja, sicher. Kein Verein macht eben alles richtig. Jetzt findet ein Umdenken statt. Deswegen sagen Horst Heldt und Clemens Tönnies: Wir wollen erst einmal einen Fußball haben, mit dem die Fans sich identifizieren können, ohne eine überzogene Erwartungshaltung zu schüren. Ich finde, es ist ein Zeichen von Stärke, etwas einzusehen, um es in Zukunft besser zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie Julian Draxler trösten, dessen Wechsel zu Juventus Turin geplatzt ist?

Breitenreiter: Ich kann Julian gut verstehen. Er hat in den vergangenen beiden Jahren hier ganz viel vor den Kopf bekommen. Es ist völlig normal, dass er noch nicht so stabil ist, das geht allen Spielern in diesem Alter so. Julian wurde aber immer wieder dafür verantwortlich gemacht, dass es nicht lief. Es ist nachvollziehbar, dass er sich dann überlegt, ob es nicht besser wäre, eine neue Herausforderung zu suchen. Aber ich habe ihm gesagt, wenn seine Saison sehr gut wird, dann werden ihm im nächsten Sommer alle Türen offen stehen, dann kann er sich den Verein nämlich aussuchen. Und dann erweckt er auch nicht mehr den Eindruck, dass er flüchtet.

SPIEGEL ONLINE: Zweifeln Sie manchmal, ob Sie Schalke gewachsen sind?

Breitenreiter: Es gibt schon Augenblicke, in denen ich mich frage: Bist du wirklich so gut, wie es Ex-Spieler und anerkannte Fachleute sagen, dass du zu so einem großen Klub gehörst?

SPIEGEL ONLINE: Und welche Antwort geben Sie sich?

Breitenreiter: Ich reflektiere mich sehr selbstkritisch, weiß aber um die Erfolge, die unter meiner Regie erzielt wurden. Zudem gibt es vertrauenswürdige Leute, von denen ich Feedback bekomme. Und das bestärkt mich zusätzlich in meiner Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Aus der Arbeitslosigkeit über die Stationen Havelse und Paderborn in die europäische Trainerelite. Ein bemerkenswerter Aufstieg.

Breitenreiter: Ich bin neulich mit meinem Torwarttrainer Simon Henzler in einem Transporter nach Paderborn gefahren, um ein paar Möbel aus meiner alten Wohnung einzupacken, und irgendwann sagt Simon: "Meinst du, der Pep Guardiola fährt seine Möbel auch mit dem Transporter hin und her?" Da musste ich lachen. Guardiola würde das vielleicht sogar machen, der nimmt sich auch nicht so wichtig, der ist auch sehr geerdet. Aber es ist schon erstaunlich, wo wir angekommen sind.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Profifußball Sie verändert?

Breitenreiter: Nein. Und ich glaube, ich werde mich aufgrund von Geld auch nicht verändern. Ich empfinde es als großen Vorteil, dass ich viele Phasen meines Lebens jenseits dieser Welt verbracht habe. Wir haben vor gar nicht so langer Zeit beim TSV Havelse mit dem Vorschlaghammer den Pool rausgehauen und die Kabine renoviert, da habe ich auch mit angepackt. Und als Spieler galt ich mal als größtes Talent Deutschlands, war U21-Nationalspieler, habe mit 18 Jahren den DFB-Pokal gewonnen. Dann habe ich in Phasen, in denen es super für mich lief, harte Rückschläge durch Verletzungen erfahren. Ich kenne nicht nur die glanzvollen Seiten des Fußballs und weiß den Erfolg im Moment sehr zu schätzen. Ich habe zwar das Gefühl, dass es verdient ist, hier zu sein, aber es ist keine Selbstverständlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt diese Haltung?

Breitenreiter: Vielleicht hat das mit meiner Familie zu tun. Ich bin nicht im Luxus aufgewachsen, obwohl ich das Gefühl hatte, alles zu haben, was ich brauchte. Meine Mutter war Arzthelferin, mein Vater war Postbeamter. Sie haben mir Bescheidenheit vorgelebt.

SPIEGEL ONLINE: Und deshalb kommen Sie auch ganz ohne Kampfansage an Borussia Dortmund durch so ein Interview.

Breitenreiter: Ganz genau.

ZUR PERSON
    André Breitenreiter, Jahrgang 1973, ist als Spieler vor allem Fans des Hamburger SV ein Begriff. Zwischen 1994 und 1997 lief er als Stürmer für den HSV in der Bundesliga auf, erzielte in 71 Spielen zwölf Tore.
    2010 beendete er seine Karriere, ein Jahr später wurde er Trainer beim Regionalligisten TSV Havelse und führte das Team 2013 auf Rang zwei.
    Zur nächsten Saison wechselte Breitenreiter nach Paderborn und führte den Zweitligisten in die Bundesliga. Es war der erste Aufstieg des Klubs aus Ostwestfalen in die höchste deutsche Spielklasse. Den Abstieg am letzten Spieltag konnte er trotz einer starken Hinrunde nicht verhindern. Im Sommer wechselte Breitenreiter zum FC Schalke 04.



insgesamt 27 Beiträge
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draufen 13.08.2015
1.
Ich korrigiere den Satz in der Einleitung mal: "Das Extreme, die Neben- und Störgeräusche, meistens von den Medien erzeugt, selten selbst, gehörten in der vergangenen Saison wieder einmal zum FC Schalke 04." So stimmt's.
wo_ist_all_das_material? 13.08.2015
2.
Geradezu peinlich, wie sich ständig an den glorreichen Königsblauen abgearbeitet wird. Schalke ist in der EL gelandet, danach würden sich manche die Finger lecken. Wie hat sich der bvb gefreut, daß es für die Quali mit viel Glück gerade noch reichte. Einer Mannschaft, die fast jährlich CL spielt, mangelnde Konstanz zu unterstellen wirkt ebenso hirnrissig wie die gern bemühte "Charakterlosigkeit", das "Söldnertum" etc.. Die Krone setzt man sich als Schreiberling jedoch auf, wenn von der "ständigen Unruhe" geschwafelt wird, die die Medien so gerne selbst erzeugen. Glück auf, Breitenreiter!
andreasm.bn 13.08.2015
3. ein Mann, ...
der bis jetzt als sehr geerdet und sympathisch rüber kommt. Ich hoffe, er bewahrst sich das auch gegen den Managerzwerg und Wurstclemens. Viel Glück für ihn und für Schalke in der neuen Saison, vor allem, dass die Fans wieder Freude an der Mannschaft haben. Ein BVB-Fan
rocketsquirrel 13.08.2015
4.
Super Interview, viel Glück auf Schlakke, Herr Breitenreiter!
lars25474 13.08.2015
5. Der Trainer ist echt gut ...
und die Mannschft hat echt Potenzial. Als HSV Fan würde ich mir wünschen, solche Ziele ins Auge fassen zu können.
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