Neuer DFL-Geschäftsführer Rettig Der große Kommunikator

Der Platzsturm von Düsseldorf? Ausdruck von Freude. Ultras? Prinzipiell nichts dagegen. Der deutsche Fußball gab zuletzt ein zerstrittenes Bild ab - die Ansichten von Andreas Rettig wirken da erstaunlich ausgleichend. Ist der neue Bundesliga-Geschäftsführer der Mann, der Fans und Funktionäre versöhnt?
DFL-Geschäftsführer Rettig: "Das war ein Ausdruck von Freude"

DFL-Geschäftsführer Rettig: "Das war ein Ausdruck von Freude"

Foto: DPA

Andreas Rettig verbrachte am Freitag offiziell seinen dritten Arbeitstag in der Frankfurter DFL-Zentrale. Doch in Wirklichkeit war der 49-Jährige bereits in den letzten Monaten faktisch in Diensten der Deutschen Fußball Liga. "Ich habe die Zeit nicht nur mit gutem Essen verbracht", sagt Rettig. Stattdessen hat er sich diejenigen aus der Nähe angeschaut, die zu seinem Aufgabenbereich als einer von zwei DFL-Geschäftsführern gehören werden: Die Fans.

Weil er findet, dass "zu viele über Sicherheit reden, die mit dem Schirm überm Kopf vom VIP-Parkplatz auf die guten Plätze eskortiert werden", ist er zu Ligaspielen auch schon mit dem Zug und der Straßenbahn angereist. Vieles hat ihm dabei missfallen: Dass "All cops are bastards"-Sticker verklebt wurden. Dass der Mann, mit dem er sich kurz zuvor noch "vernünftig unterhalten" hatte, plötzlich seine Bierflasche mit voller Absicht aus dem Straßenbahnfenster fallen ließ. Und dass irgendwann widerwärtige Gesänge auf den Tod von Robert Enke angestimmt wurden. Noch heute, Anfang Januar im frischbezogenen Frankfurter Büro, fragt sich Rettig, warum sogar eine "gestandene Frau in diese Gesänge miteinstimmt".

Rettig wundert sich, er beschwört aber nicht den Untergang des Abendlandes. Er weiß, dass sich Fußballfans auch schon vor zwanzig Jahren anders benommen haben als Theaterpublikum. Und er weiß, dass es nicht in jeder Straßenbahn so zugeht wie in der, in die er geraten war.

"Das war ein Ausdruck von Freude"

Zumal es ja nicht nur die Fans waren, die die DFL-Funktionäre auf die Palme gebracht haben. Mancher in Frankfurt hat sich gewundert, mit welcher Vehemenz einige Politiker die Scharfmacher gaben. Der Anlass stand dabei in krassem Missverhältnis zur Aufregung: "Nehmen Sie den Platzsturm in Düsseldorf", sagt Rettig im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Da gingen Bilder um die Welt, die als Symbol für Gewalt gewertet wurden. Dabei gab es gar keine Gewalttaten. Das war ein Ausdruck von Freude, auch wenn Platzstürme und der Gebrauch von Pyrotechnik natürlich grundsätzlich zu verurteilen sind." Er habe nichts gegen die Ultra-Bewegung. Im Gegenteil. "Aber dort, wo sie sich als Fan-Elite versteht, die mehr Rechte als andere für sich reklamiert und das Stadion als rechtsfreien Raum definiert, endet mein Verständnis."

Rettig hat sich vorgenommen, die "selektive Wahrnehmung aufzubrechen und aus der Vogelperspektive auf die Probleme zu schauen". Ein Beispiel für diese selektive Wahrnehmung? Das Spiel Bayern München gegen Eintracht Frankfurt. Die Fanseite habe nur darüber geklagt, dass einige von ihnen in eigens aufgestellten Zelten durchsucht wurden. Der Veranstalter habe vor allem hervorgehoben, dass er dank der verschärften Sicherheitsmaßnahmen Messer, Schlagringe und andere Waffen entdeckt habe.

"Die einen haben dabei verschwiegen, dass sie die Waffen nicht in den Zelten gefunden haben", wundert sich Rettig. "Und die anderen reden nur noch über die angeblichen Nacktkontrollen, obwohl sich niemand komplett ausziehen musste." Der eigentliche Skandal - bei einem Fußballspiel werden mehr als ein Dutzend Messer gefunden - gehe dabei völlig unter.

Am 1. November bekam die Öffentlichkeit erstmals mit, dass der Frankfurter Verband sich neu positioniert. Rettig nahm an dem vom Zweitligisten Union Berlin organisierten Fan-Gipfel teil. Er kam selbst bei vielen Ultras gut an, mal wieder. Dafür, dass er in Fußball-Deutschland Hinz und Kunz kennt, hat der Mann erstaunlich wenige Kritiker.

Rettig weiß, dass er gut ankommt bei den Fans

Ist Rettig also integrer und kompetenter als andere Branchengrößen? Oder weiß er nur besser als andere, wie man sich in Szene setzt?

Im Augsburger Exil hat Rettig immer wieder seine Liebe zum Kölsch betont. Bei seiner Vorstellung in Frankfurt bezeichnete er sich als "Traditionalist" und bemühte "Bratwurst und Bier im Pappbecher". Pulli statt Anzug, Kölsch statt Sekt - solche Prioritätensetzungen kommen gut an im Fußballbusiness. Rettig weiß das. Ein Heuchler ist er allerdings nicht. Mit Krawatte sah man ihn in den vergangenen Jahren tatsächlich nie (notfalls mit Fliege). Und die Liebe zum Kölsch ist genauso echt wie die zur dazugehörigen Stadt, in der er ein Eigenheim besitzt. In Frankfurt tut's die Dienstwohnung.

Dass er eines Tages nach Köln zurückkehren werde, hatte er Augsburgs Macher Walther Seinsch schon vor seinem ersten Arbeitstag im Jahr 2005 angekündigt. Seinsch, der seit der Demission von Jürgen Rollmann als Manager-Killer gilt, hat Rettig diese Ehrlichkeit immer hoch angerechnet. Der Mann sei klug, bescheiden und verlässlich, lobte er im kleinen Kreis.

Sollte diese Beschreibung zutreffen, hätte Rettig die besten Voraussetzungen, um die Gräben zuzuschütten, die Fans und Verbände zuletzt mit großer Freude gegraben haben.

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