Anschlag auf Teambus Togos Premier verbietet Teilnahme am Afrika-Cup

Togos Fußball-Nationalspieler stehen offenkundig unter Schock. Nach dem Anschlag auf den Teambus, bei dem drei Menschen starben, gibt es ein Hin und Her, ob die Mannschaft beim Afrika-Cup antritt oder nicht. Die Spieler wollen gegen Ghana auflaufen, der Premier beorderte sie jedoch nach Hause.


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Überfall bei Afrika-Cup: Togos Nationalelf beschossen
Hamburg - Togos Premierminister hat die Nationalmannschaft des Landes mit einem Machtwort nach Hause beordert. "Das Team muss abreisen und nach Togo zurückkehren. Wenn Spieler oder andere Personen bei der Eröffnungsfeier unter unserer Flagge stehen, dann repräsentieren sie nicht unser Land", sagte Gilbert Houngbo. Zuvor hatte das Team sich entschieden, beim Afrika-Cup in Angola trotz des tragischen Ereignisses anzutreten. "Die Regierung bleibt bei ihrer Entscheidung, die Mannschaft zurückzurufen. Es ist das Beste, nicht in Angola zu bleiben. Es sind Menschen getötet worden, unser Torhüter Kodjovi Obilale liegt auf der Intensivstation", sagte Regierungssprecher und Minister Pascal Bodjona.

In der Nacht hatte Paulo Kassoma, Premierminister Angolas, wo das Turnier stattfindet, an Togo appelliert, die Abreise-Entscheidung noch einmal zu überdenken. "Wir haben uns mit der gesamten Mannschaft getroffen, und letztendlich werden wir am Montag gegen Ghana auf den Platz gehen", sagte der in Grenoble spielende Alaisys Romao der französischen Sportzeitung "L'Equipe". Die Entscheidung sei fast einstimmig bei einem nächtlichen Mannschaftsgespräch gefallen. "Uns schmerzt allen das Herz, das ist keine Party mehr, aber wir wollen unsere Nationalfarben, unsere Werte zeigen und dass wir Männer sind", bestätigte Thomas Dossevi, der im französischen Nantes unter Vertrag steht.

Laut Dossevi hatten die angolanischen Behörden vor der Mannschaftsentscheidung eine Sicherheitsgarantie abgegeben. Das Team verarbeite den Angriff, in dem es darüber rede. Die angolanischen Behörden hätten für psychologische Betreuung gesorgt. "Niemand hat sich in Schweigen eingemauert", sagte Dossevi. "Wir sind durcheinander, aber wir werden versuchen teilzunehmen." Ob das das letzte Wort in der Sache ist, bleibt abzuwarten.

Dossevi übte Kritik am Afrikanischen Fußballverband (CAF). Die Mannschaft sei "ein bisschen verbittert", dass der Verband eine Verschiebung von Togos erstem Spiel im Afrika-Cup bis nach der Beerdigung der Anschlagsopfer abgelehnt habe. Die CAF denke mehr an ihre eigenen Interessen als an die der Teilnehmerländer, kritisierte Dossevi.

Togos Regierung wollte Team zurückholen

Am Vorabend hatte Regierungssprecher Bodjona die Teilnahme am Afrika-Cup abgesagt. "Die Spieler stehen unter Schock. Deshalb hat die Regierung beschlossen, die Mannschaft zurückzurufen", sagte Bodjona: "Wir können nach diesem Drama nicht am Wettbewerb teilnehmen."

Auch der englische Premier-League-Club Manchester City, Verein von Togos Kapitän Emmanuel Adebayor, hatte mitgeteilt, dass das Team nicht an dem Turnier teilnehmen wird. "L'Equipe" zitiert Mittelfeldspieler Alaixys Romao mit den Worten, das Team sei derzeit am Flughafen und warte auf den Flug in Togos Hauptstadt Lomé. Zudem berichtet Romao, die Mannschaft versuche auch andere Teams in ihrer Gruppe "davon zu überzeugen, den Afrika-Cup zu boykottieren". Der kontinentale Wettbewerb soll am Sonntag beginnen.

Stürmer Jonathan Ayite sagte der französischen Radiostation RMC: "Selbst wenn man uns US-Präsident Barack Obama persönlich hierherschickte, wir gehen sofort, wir gehen nach Hause." Ayite, Profi beim französischen Zweitligisten Olympique Nîmes, sorgte außerdem für Verwirrung. Er erklärte, die Zahl der Opfer des Überfalls auf den Mannschaftbus am Freitag sei auf vier gestiegen. Auch Ersatztorhüter Kodjovi Obilale sei gestorben, hieß es zunächst. Zuvor hatten mehrere Quellen von drei Toten gesprochen - Togos Busfahrer, Assistenztrainer und Pressesprecher sollen gestorben sein. Ein Mitglied der afrikanischen Fußball-Konföderation CAF hingegen erklärte, Berichte über einen Tod des Fahrers seien falsch.

Nach Angaben Richard Friedlands, Präsident der Milpark-Klinik in Johannesburg, befindet sich Obilale nach seinen Schussverletzungen in einem stabilen Zustand. Obilale soll nun schnellstmöglich operiert werden.

"Niemand ist bereit, hier sein Leben zu riskieren. Sie haben gesehen, wie ein Mitspieler mit einer Kugel im Körper schrie, dann bewusstlos wurde und das alles", sagte Kapitän Adebayor. Er sei froh, dass er noch lebe. Nationaltrainer Hubert Velud erhob schwere Vorwürfe gegen das Organisationskomitee. "Die angolanischen Organisatoren sollten sich überlegen, den Wettbewerb abzusagen. Es ist ein Akt der Barbarei, während wir hier eigentlich den afrikanischen Fußball feiern wollen. Das war Krieg. Die Organisatoren scheinen das nicht ernst zu nehmen", sagte der Franzose, den eine Kugel am Arm erwischte.

"Wir wurden beschossen wie die Hunde"

Adebayors Teamkollege Dossevi lieferte eine eindringliche Schilderung des Vorfalls an der Grenze zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Cabinda, einem von vier Austragungsorten des 27. Kontinentalturniers. "Wir wurden beschossen wie Hunde. Die Angreifer waren bis an die Zähne bewaffnet. Alle versteckten sich 20 Minuten lang unter den Sitzen. Es war schrecklich."

Die CAF teilte mit, dass die Spiele der Gruppe B trotz des Vorfalls in Cabinda ausgetragen werden. "Nach einer Sondersitzung hat das Präsidium in Abstimmung mit den Verantwortlichen Angolas entschieden, die Spiele wie geplant in Cabinda auszutragen", hieß es in einer Mitteilung der afrikanischen Fußball-Konföderation. In Gruppe B spielen neben Togo noch Ghana, die Elfenbeinküste und Burkina Faso.

Die angolanische Regierung will die Sicherheitsvorkehrungen drastisch verschärfen. "Wir garantieren, alle Maßnahmen zu ergreifen, um Schutz und Unversehrtheit aller Mannschaften, Fans, Betreuer und Touristen zu gewährleisten", sagte Sportminister Goncalves Muandumba.

Eine Abordnung der CAF war nach Cabinda gereist, um die Togoer zum Bleiben zu bewegen. Eine Absage des Turniers hatte die CAF fast reflexartig abgelehnt. "Das Turnier findet statt", teilte der Verband mit. Am Sonntag soll der Afrika-Cup mit der Partie zwischen Angola und Mali eröffnet werden. Am Freitag hatte die CAF den Anschlag völlig falsch eingeschätzt: Ein Reifenplatzer habe die Spieler verängstigt, hieß es zunächst.

Das Organisationskomitee des Afrika-Cups (Cocan) erhob jedoch schwere Vorwürfe gegen die Togoer. "Die Regeln waren eindeutig: Kein Team sollte mit dem Bus anreisen. Ich weiß nicht, was Togo bewogen hat, es trotzdem zu tun", sagte Virgilio Santos: "In der Stadt hätte es diesen Vorfall niemals gegeben." Fifa-Präsident Joseph Blatter sprach den Opfern seine "allerhöchste Anteilnahme" aus und forderte einen ausführlichen Bericht an.

Mit Entsetzen reagierte der ehemalige Nationaltrainer Togos, Otto Pfister, auf den Anschlag. "Das war ein echter Schock für mich. Eine ganz bittere Sache, unglaublich", sagte der Afrika-Experte, der Togo während der WM 2006 in Deutschland betreute: "Das ist ein echter Schlag für Afrika."

Der bewaffnete Arm der "Befreiungsfront für die Unabhängigkeit von Cabinda" (Flec) bekannte sich zu dem Anschlag und drohte weitere Aktionen an. "Diese Operation war nur der Anfang einer Serie von zielgerichteten Aktionen in der gesamten Region Cabinda", hieß es in einem Bekennerschreiben. Cabinda sollte 1975 von der Kolonialmacht Portugal in die Unabhängigkeit entlassen werden, aber Angola besetzte das Gebiet. Seitdem kämpfen Rebellen gewaltsam für die Unabhängigkeit.

rüd/goe/AP/Reuters/AFP/sid/dpa



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