Stürmer Modeste wechselt zum BVB Die Notlösung

Anthony Modeste soll den krebserkrankten Sébastien Haller bei Borussia Dortmund vertreten. Der Ex-Kölner ist torgefährlich und bundesligaerfahren – doch damit Modeste funktioniert, wird der BVB sein Spiel anpassen müssen.
Anthony Modeste beim Torjubel für Köln in der vergangenen Saison

Anthony Modeste beim Torjubel für Köln in der vergangenen Saison

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Moritz Müller / IMAGO

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Dass Anthony Modeste noch einmal zum Stammstürmer des deutschen Vizemeisters aufsteigen würde, hätte dieser vor Jahresfrist wohl selbst nicht für möglich gehalten. Damals war Modeste ein 33 Jahre altes Auslaufmodell, hatte gerade eine Bundesligasaison ohne Tor hinter sich und mit dem 1. FC Köln nur ein Ziel: den Klassenerhalt schaffen.

Zwölf Monate später ist die Fußballwelt eine andere. Modeste schoss Köln fast im Alleingang in den Europapokal, 20 Tore reichten für Platz sieben.

Und Borussia Dortmund, als ewiger Bayernjäger stets mit dem Fernglas auf der Pirsch, verpflichtete als Ersatz für Erling Haaland zwar eigentlich Ajax Amsterdams Sébastien Haller für das Sturmzentrum. Dessen Hodenkrebsdiagnose aber warf die Kaderplanung durcheinander. Beim 28-Jährigen wurde ein bösartiger Tumor festgestellt, er wird seinem Klub monatelang fehlen.

Weil Youngster Youssoufa Moukoko, 17 Jahre alt, die Last der Haller-Vertretung nicht allein schultern soll, musste außerplanmäßig ein neuer Stürmer her. Und seit Sonntag ist klar: Dieser Stürmer heißt Anthony Modeste. Am Montag absolvierte Modeste den Medizincheck in Dortmund, die Vertragsunterschrift steht unmittelbar bevor.

Die Kölner lässt der spontane Abgang der Lebensversicherung verstimmt zurück. Modeste war Torschütze, Fanliebling, ein extravaganter Charakter. Brillenjubel, Mützenklau bei Trainer Steffen Baumgart, sogar ein eigener Song, der noch aus Modestes erster Kölner Zeit zwischen 2015 und 2017 herrührt, als dem Stoßstürmer sogar einmal 25 Tore in einer Saison gelangen: Modeste und die Momente, für die er sorgte, sind längst Teil der Effzeh-Folklore.

Ich sehe was, was du nicht siehst: Anthony Modeste zeigt seinen bekannten Torjubel

Ich sehe was, was du nicht siehst: Anthony Modeste zeigt seinen bekannten Torjubel

Foto: Revierfoto / IMAGO

Umso ärgerlicher für den 1. FC Köln, dass der Klub selbst für Modeste selbst nie viel mehr war als ein Karrieresprungbrett. 2017 nach China, 2022 nun nach Dortmund. Schon Anfang Juli hatte Modeste offensiv mit einem Abgang kokettiert. »Der Topverdiener muss langsam weg«, frohlockte der Franzose im Trainingslager ob der angeschlagenen Finanzen seines Arbeitgebers – und der Aussichten für das eigene Konto anderswo: »Ich habe nur eine Karriere, um Titel zu holen, aber auch, um Geld zu verdienen.«

In Dortmund soll im Idealfall beides gelingen, Trainer Edin Terzić durfte zumindest schon einmal den DFB-Pokal in die Höhe recken. Viel Zeit dafür bleibt Modeste nicht, der BVB hat ihm einen Einjahresvertrag angeboten. Der Altstar ist strikt als Haller-Vertretung vorgesehen, als Stammkraft auf Zeit.

Seine Tore wird Modeste in Schwarz-Gelb wohl machen. In Dortmunds spielstarkem Team hat selten mal ein Stürmer nicht funktioniert. Erling Haaland, Pierre-Emerick Aubameyang, Michy Batshuayi, Paco Alcácer, Robert Lewandowski, Lucas Barrios – die Liste der erfolgreichen Neuner der jüngeren Vergangenheit ist lang, die Ausnahmen wie Ciro Immobile rar gesät.

Nur: Hätte es keiner Notlösung bedurft, um auf Hallers Erkrankung zu reagieren, hätte Modeste in den Planungen des BVB keine Rolle gespielt. Das liegt an seinem Karriereweg – Europapokalerfahrung fehlt Modeste völlig – und auch an seinem Alter, denn die Dortmunder setzen in der Regel auf jüngere Spieler.

Vor allem aber liegt es daran, dass Modeste trotz aller Mittelstürmertugenden eigentlich nicht der Spielertyp ist, den die Westfalen in der Spitze sehen wollten.

Nur oberflächlich identisch

Auf den ersten Blick wirkt Modeste wie ein Haller-Abziehbild. Der eine, Modeste, mit seinen 20 Bundesligatoren, der andere, Haller, mit 21 Treffern in der niederländischen Eredivisie. Beide groß gewachsen, robust, durchsetzungsstark. Beide schießen ähnlich oft aufs Tor, aus ähnlichen Positionen noch dazu. Modeste ein bisschen öfter aus der Distanz, Haller ein bisschen öfter aus dem Fünfmeterraum, aber das kann auch daran liegen, dass sich Ligaprimus Ajax leichter bis ganz kurz vor des Gegners Tor kombinieren kann als der 1. FC Köln.

Erst bei genauerer Betrachtung der Spielweisen der zwei Stoßstürmer ergeben sich Unterschiede. Unterschiede, die erklären, warum Haller dem BVB eine Ablöse in Höhe von 31 Millionen Euro wert war, während man bei Modeste wohl mit fünf Millionen Euro dabei ist. Und die andererseits aufzeigen, dass durch die Hereinnahme von Modeste nicht nur der Name in der Sturmmitte ein anderer ist, sondern dass sich auch das BVB-Spiel um den Franzosen herum wohl verändern muss.

Breiter Rücken, feiner Fuß: Sébastien Haller schirmt die Bälle so gut ab wie nur wenige andere

Breiter Rücken, feiner Fuß: Sébastien Haller schirmt die Bälle so gut ab wie nur wenige andere

Foto: Pedro Fiuza / ZUMA Wire / IMAGO

Haller bringt Stärken mit, die Modeste fehlen: Zwar nimmt sich der Ivorer das Gros seiner Abschlüsse aus nächster Nähe, Hallers Spiel im Verbund aber ist nicht auf den Sechzehnmeterraum beschränkt. Auch um diesen herum ist Haller wichtig, verarbeitet hohe, aber auch flache Zuspiele, schirmt den Ball geschickt ab und setzt nachrückende Mitspieler in Szene.

Haller ist damit nicht nur eine geeignete Sturmspitze für eine Mannschaft wie Ajax, in der jeder einzelne Spieler das Kombinationsspiel mit seinen Fähigkeiten voranbringen muss. Er ist auch ein hervorragender Mitspieler für schnelle, bewegliche Stürmer: Als Teil der »Büffelherde«, die 2019 mit Eintracht Frankfurt bis ins Halbfinale der Europa League vorstieß, arbeitete Haller als Wandspieler an der Seite der explosiveren Ante Rebić und Luka Jović.

Die »Büffelherde« von Frankfurt, Saison 2018/19: Luka Jović, Ante Rebić und Sébastien Haller im Hintergrund

Die »Büffelherde« von Frankfurt, Saison 2018/19: Luka Jović, Ante Rebić und Sébastien Haller im Hintergrund

Foto: Jan Huebner / IMAGO

Damals legte Haller wettbewerbsübergreifend in einer Saison zwölf Tore auf – zwei mehr als Modeste in 156 Pflichtspielen für Köln. In der abgelaufenen Spielzeit gab Haller in 90 Minuten im Schnitt 1,5 Torschussvorlagen, Modeste kommt auf knapp die Hälfte (0,7). Mit Donyell Malen und Karim Adeyemi hat der BVB Stürmer im Kader, die gern selbst in die Tiefe geschickt werden. Vom neuen Sturmpartner Modeste können sie hier wenig Hilfestellung erwarten.

Modeste braucht das hohe Zuspiel

Modeste ist ein klassischer Abschlussstürmer. Ein Knipser, der aber auch in Szene gesetzt werden möchte. Und das am liebsten per Flanke: 10 von 20 Toren erzielte der Neu-Dortmunder in der vergangenen Saison per Kopf, nur ein Tor fehlte, um den Bundesligarekord von Sergej Barbarez und BVB-Ikone Jan Koller einzustellen.

Gefährlich mit dem Kopf: Anthony Modeste

Gefährlich mit dem Kopf: Anthony Modeste

Foto: Malte Ossowski / Sven Simon / IMAGO

Entsprechend schnitt Trainer Baumgart das Spiel auf Modestes Stärken zu: 505 Flanken schlug der Effzeh in der Vorsaison aus dem Spiel heraus, der ligaweite Spitzenwert. Borussia Dortmund spielte den eigenen Angreifern den Ball zuletzt lieber in den Fuß, 224 Flanken in der abgelaufenen Spielzeit bedeuten im Ligavergleich den vorletzten Platz. Ein echter Flankenspezialist im Dortmunder Kader fehlt bislang, Wunsch-Linksverteidiger David Raum entschied sich für einen Wechsel zu RB Leipzig.

Noch ist das Transferfenster nicht geschlossen. Denkbar, dass der BVB noch nachlegt, Sky Sports berichtet etwa vom Wunsch nach einer Ausleihe von Chelseas Callum Hudson-Odoi, der dazu in der Lage wäre, Modeste mit Zuspielen zu füttern. Womöglich wachsen auch Malen und Adeyemi stärker in die Zuarbeiterrolle hinein. Gelingt das nicht, könnten die Dortmunder eine ihrer seltenen Sturmenttäuschungen erleben.

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