Antisemitische Provokationen "Juden Jena"-Rufe überschatten Thüringen-Derby

Hässliche Vorfälle in der 3. Liga: Beim Spiel zwischen Rot-Weiß Erfurt und dem FC Carl Zeiss Jena provozierten RWE-Anhänger die Gästefans mit antisemitischen Gesängen. Erfurts Offizielle haben sich entschuldigt, Jenas Geschäftsführer will trotzdem Anzeige erstatten.

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Hamburg - Die Premierensaison der Dritten Bundesliga hat ihren ersten Skandal: Während des 2:1-Sieges des FC Rot-Weiß Erfurt am Freitagabend im Thüringenderby gegen den FC Carl Zeiss Jena kam es im Erfurter Steigerwaldstadion wiederholt zu antisemitischen Schmährufen.

RWE-Siegtorschütze Bunjaku (im DFB-Pokalspiel gegen Bayern): Unschöne Vorfälle beim Derby gegen Jena
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RWE-Siegtorschütze Bunjaku (im DFB-Pokalspiel gegen Bayern): Unschöne Vorfälle beim Derby gegen Jena

"Vereinzelt waren wenige Minuten vor der Pause und dann mehrfach ab der 70. Spielminute im Stadion Juden-Jena-Sprechchöre zu hören gewesen. Gegen Ende der Partie waren es 400 bis 500 Leute, die vom äußeren Bereich der Haupttribüne aus die Rufe von sich gaben", sagt Andreas Wiese, Geschäftsführer des FC Carl Zeiss Jena auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Bereits nach den ersten vereinzelten Rufe gegen Ende der ersten Halbzeit habe der Jenaer Sicherheitsbeauftragte Hans-Heinrich Tamme seinen Erfurter Kollegen sowie den offiziellen Spielbeobachter des Deutschen Fußball-Bundes informiert, so Wiese. "Als dann im Verlauf der zweiten Spielhälfte die Sprechchöre erneut aufkamen und dies in stark erhöhter Intensität, erfolgte zeitgleich zur Kommunikation zwischen den Sicherheitsbeauftragten beider Vereine eine Ansage des Erfurter Stadionsprechers, derartige Rufe zu unterlassen", sagt Wiese.

"Es ist leider nicht vermeidbar, dass es in jedem Stadion immer ein paar Bekloppte gibt. Aber die Intensität von 400 bis 500 Personen hat mich bestürzt", sagt der gelernte Rechtsanwalt Wiese, der am Montagvormittag als Privatperson eine Klage gegen Unbekannt wegen Beleidigung und Volksverhetzung einreichen wird.

"Solche Gesänge gehen gar nicht"

Unabhängig davon geht der Geschäftsführer des FC Carl Zeiss Jena davon aus, dass eine gleichlautende Anklage wegen der Deutlichkeit der antisemitischen Schmähungen aber ohnehin von Amts wegen eingereicht wird. Wiese: "Ich reiche Klage ein, weil ich als Kläger persönlich detailliert über den Ermittlungshergang informiert sein will und natürlich, um ein Zeichen setzen, dass solche Rufe in unseren Stadien nichts zu suchen haben. Auch nicht bei einem brisanten Derby, bei dem harmlose verbale Beleidigungen noch zu entschuldigen sind."

Der FC Carl Zeiss Jena wird erst am Montag nach einer Präsidiumssitzung eine offizielle Stellungnahme abgeben. Bereits am Freitagabend nach der Partie kam es zwischen den Verantwortlichen beider Vereine zu einem kurzen Gespräch. "Beide Vereine sind ganz klar daran interessiert, dass Aufklärung betrieben wird", sagt Wiese.

Das bestätigt auch Erfurts Manager Stephan Beutel auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. "Klar spielt bei solchen Vorfällen sicher auch die besondere Derbyatmosphäre eine Rolle", so Beutel, "trotzdem dürfen wir sowas natürlich nicht zulassen. Solche Gesänge gehen gar nicht", sagt der frühere Manager des FC St. Pauli zu SPIEGEL ONLINE. "Egal, ob das wenige sind oder viele: Solch ein Verhalten werden wir nicht akzeptieren." Gemeinsam mit den Fanbetreuern will Beutel die Vorfälle auswerten und die Täter dann bestrafen.

Eine Strafe könnte es auch vom DFB geben - allerdings für den Verein. Im April waren dem Halleschen FC aufgrund ähnlicher Vorfälle drei Punkte abgezogen worden. Damals hatten Anhänger des HFC mehrfach "Juden-Jena" gebrüllt. Allerdings fiel die Strafe auch deshalb so hoch aus, weil der HFC als Wiederholungstäter gilt.

Immer wieder kommt es bei Duellen im Osten mit Beteiligung des FC Carl Zeiss zu solchen Zwischenfällen. Die Anhänger des Traditionsvereines gelten politisch eher als linksgerichtet. "Im Westen rufen sie: 'Baut die Mauer auf', im Osten: 'Juden Jena'. Lauter alte dumme Sprüche, die man schon langsam überhört", hatte Lutz Hofmann vom Jenaer Fanprojekt nach den Zwischenfällen in Halle versucht, eine Erklärung für die ständigen Schmähungen zu finden.



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