Frankreichs Matchwinner Griezmann So feine Gesichtszüge, so viel Kraft

Grizou! So rufen die Franzosen ihren wichtigsten Spieler bei dieser EM liebevoll. Antoine Griezmann hat das Halbfinale mit seinen zwei Toren entschieden - und noch sehr viel mehr geleistet.

Aus Marseille berichtet


Als Antoine Griezmann vor das Mikrofon des Uefa-Reporter gerufen wurde, schaute er ein letztes Mal sehnsüchtig nach links. Richtung "Virage sud", wo die französischen Fans noch mal inbrünstig den Refrain der Hymne sangen, die an die Revolution von 1789 erinnert und deren Namen an diesem Abend besonders gut passte: "Marseillaise".

Doch während im Hintergrund von "wilden Soldaten" gesungen wurde, von "unreinem Blut", das "unsere Äcker düngen müsse", da sprach Antoine Griezmann seriös abgewogenen Worte.

Er lobte das Kollektiv, die Abwehr, den Torwart. Und selbst die Physios vergaß er nicht. Die arbeiteten schließlich "wie die Kranken, damit wir unter den bestmöglichen Bedingungen arbeiten können". Griezmann, der Angreifer mit den feinen Gesichtszügen, der in Frankreich "Grizou" oder neuerdings "Grizi" genannt wird, hatte seinem Image als netter Kerl von nebenan mal wieder alle Ehre gemacht.

In den 90 Minuten zuvor hatten Millionen Menschen einen ganz anderen Spieler gesehen. Einen, der sich nach seinem zweiten Treffer vor der Kamera aufbaute und seinen eigenen Jubel genoss. Einen, der dem Kollegen Olivier Giroud auf die Schulter sprang, als der sich Richtung Fankurve aufmachte. Griezmann, der natürlich zum "Mann des Spiels" gewählt wurde, wusste schon ganz genau, was er da bei diesem 2:0 gegen Deutschland geleistet hatte.

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Zwei Treffer gelangen ihm, ein souverän verwandelter Elfer und ein geschicktes Stochertor, bei dem er die zu kurze Abwehr von Manuel Neuer mit einem Beinschuss in Minimaltempo bestrafte. Brachiale Energie und feine Technik also. Und auch eine gehörige Portion Egoismus, denn anstatt kurz vor Schluss noch mal selbst draufzuhalten, hätte er den Ball besser zu Gignac gepasst. Doch das warf ihm nach dem Schlusspfiff niemand vor, schon gar nicht sein Trainer: "Er hat heute wieder bei allem, was er gemacht hat, gezeigt, dass er ein großer Spieler ist", sagte Didier Deschamps. "Er war der entscheidende Mann bei dieser EM."

Dabei kommt dem 25-Jährigen seine Vielseitigkeit zu Gute. Er kann auf beiden Außenbahnen spielen, als einer von zwei Stürmern, oder auf seiner Lieblingsposition, zentral hinter der Spitze, wo er die größte Torgefahr entwickelt.

Tatsächlich zeigte Griezmann auch am Donnerstag nicht nur selbst vor dem Tor, wie wichtig er für die französische Mannschaft ist, immer wieder setzte er auch seine Mitspieler gut in Szene und verlagerte das Spiel auf die Außenbahnen, wenn die Deutschen zu viel Druck übers Zentrum machten. Gut möglich also, dass das Spiel völlig anders gelaufen wäre, wenn Griezmann nicht solch einen exzellenten Tag erwischt hätte. Schließlich blieben seine Mitstreiter in der Offensive, allen voran Dimitri Payet und Olivier Giroud, eher unauffällig.

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Insofern war es fast folgerichtig, dass es Griezmann war, der sich nach Schweinsteigers Handspiel den Ball schnappte. Dass der Atletico-Stürmer im Champions-Legaue-Finale gegen Real Madrid vor ein paar Wochen einen Elfmeter verschossen hatte, nagte offenbar seit Wochen an ihm. "Ich hatte mir danach vorgenommen, einen Elfer in einem großen Spiel zu schießen und habe kühlen Kopf bewahrt ", sagte Griezmann, der bei diesem Turnier nun schon sechs Mal getroffen hat. Ein Kunststück, das als letztem Franzosen Michel Platini 1984 gelang.

Auf der Tribüne saß eine Frau, die sehr genau beobachtet, wie sich Antoine so vor der Kamera macht. Maude Griezmann ist die ältere Schwester von Antoine, sie war am 13. November 2015 mit ihrem Freund im "Bataclan" und überlebte das Attentat, nachdem sie sich eineinhalb Stunden lang tot gestellt hatte. Antoine spielte damals zeitgleich gegen Deutschland und erfuhr nach dem Schlusspfiff, was sich in dem Klub ereignet hatte, in dem seine Schwester war.

Ein Dreivierteljahr später hat Antoine Griezmann ein ganz normales Fußballspiel gewonnen. Maude ist mittlerweile seine PR-Beraterin. Und wenn Frankreich jetzt noch das Finale gewinnen würde, wäre das für beide eine ganz besonders schöne Geschichte.

Hier können Sie die Video-Highlights der Partie sehen:



insgesamt 19 Beiträge
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allessuper 08.07.2016
1. Schöner Artikel, danke!
und sympathischer Spieler, da haben Franzosen Glück!
derschnaufer 08.07.2016
2.
Warum wird aus all dem so ein Drama gemacht? Sie haben verloren, das war auch alles. Hat die deutsche Elf das Finale und den Sieg mit dazu gepachtet? Nicht immer gewinnt die bessere Mannschaft. Alte Fussballweisheiten. Nun lasst es mal wieder gut sein.
Klaus100 08.07.2016
3. Feine Gesichtszüge
Den Autor und den Spieler verbindet offenbar eine echte "Männerfreundschaft".
AnneG 08.07.2016
4.
Also ich weiß man nicht, aber die Franzosen haben doch nicht aus eigener Kraft ein Tor geschossen...sich über geschenkte Tore zu freuen, als ob man selbst geackert hätte...ich weiß nicht. Finde ich nicht sonderlich ehrvoll.
waswoasi 08.07.2016
5. Grizou hat zu viel Spielraum...
Mir ist im Verlauf des Turniers noch keine Mannschaft aufgefallen, die es ihm schwer gemacht hat sich zu entfalten. Ich hoffe dass wenigstens Portugal einen oder zwei unangenehme Spieler auf ihn ansetzt, die Ihm die Luft zum Atmen, Ball Annehmen, Dribbeln, Passen und Schiessen nehmen! Der Mann ist so zart, dass er bald Körperlich einknickt sobald man Ihm ständig auf den Füssen steht oder ihn auch mal robust, im Rahmen des Erlaubten, abgrätscht. Kein Grizou = kein Titel für Frankreich!!!
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