Arbeitsbedingungen in Katar "Gesetze sind die Tinte nicht wert"

Katar hat sein Arbeitsrecht reformiert - um den Gastarbeitern an den WM-Baustellen bessere Bedingungen zu verschaffen. An der Kritik ändert das wenig.
Das Khalifa International Stadium gehört zu den WM-Austragungsstätten.

Das Khalifa International Stadium gehört zu den WM-Austragungsstätten.

Foto: Sven Hoppe/ dpa

Eigentlich sollte die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 Katar Sympathien bringen. Bislang jedoch hat sie eher das Gegenteil bewirkt. Die Diskussionen um Korruption bei der Turnier-Vergabe und die Ausbeutung von Arbeitern auf den Stadienbaustellen sind die beherrschenden Themen. Die Herrscherfamilie hat schon in der Vergangenheit immer wieder Besserung gelobt. Passiert war eher wenig.

Nun jedoch scheint Katar Wort zu halten - zumindest auf den ersten Blick: Am Donnerstag trat eine Reform in Kraft, die Gastarbeiter unabhängiger von ihren Auftraggebern machen und damit vor Missbrauch und Ausbeutung schützen soll. Die Ausreise soll nun allen Angestellten, abzüglich denen im Militär, auch ohne Erlaubnis des Arbeitgebers möglich sein.

In den vergangenen Jahren hatte es immer wieder Recherchen von Medien und Menschenrechtsorganisationen gegeben, die von eklatanten Missständen berichteten. Arbeitern wurde demnach der Lohn nicht gezahlt, es wurden Pässe eingezogen, um sie an der Ausreise zu hindern. Unterkünfte und Arbeitsbedingungen waren prekär, auf den Stadionbaustellen stürzten Arbeiter in den Tod oder kollabierten in der Hitze der Wüste. Mehrere Hundert sollen so schon zu Tode gekommen sein.

"Bleiben für Missbrauch anfällig"

Bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) begrüßte man die Reformen zwar als Schritt in die richtige Richtung. Michael Page, der Direktor für den Nahen Osten, warnte aber, dass Gastarbeiter weiter anfällig blieben für Missbrauch und Ausbeutung. "Katar verabschiedet Gesetze zum Schutz von Arbeitern und Flüchtlingen mit großem Tamtam", schrieb er im Jahresbericht von HRW . "Aber ohne effektive Umsetzung und strikte Durchsetzung sind diese nicht die Tinte wert, mit der sie geschrieben sind und die Menschen bleiben für schlimmen Missbrauch anfällig."

Amnesty International beklagte erst vergangenen Sommer, dass die Bedingungen für Arbeiter auf den WM-Baustellen trotz aller Versprechungen weiter katastrophal seien. WDR-"sport inside" berichtete in einer Dokumentation ebenfalls von weiter ausbleibenden Löhnen, miserablen Unterkünften und abgenommenen Reisepässen.

Im November begann für Katar das dritte und zunächst letzte Jahr seiner vereinbarten Zusammenarbeit mit der internationalen Arbeits-Organisation (ILO). Seit deren Beginn hat Katar eine ganze Reihe von Reformen verabschiedet – neben der Erleichterung der Ausreise wurde etwa ein Mindestlohn auf den Weg gebracht. Dessen Höhe werde aktuell noch im Parlament verhandelt, sagte Houtan Homayounpour vom ILO-Büro in Doha dem SPIEGEL. Die Reformen selbst bezeichnete er als "Meilenstein."

Katar ist auf Gastarbeiter angewiesen

Homayounpour sagte weiter, dass es aktuell Gespräche gebe, um die Zusammenarbeit zu verlängern. Man wolle in jedem Fall das Büro geöffnet lassen, und es gäbe noch viel zu tun. "Ein wichtiger Punkt wird es sein, die Regierung bei der Umsetzung der Reformen zu unterstützen." So müsse man durch gezielte Kontrollen etwa verhindern, dass sie nicht sogar einen negativen Effekt hätten. Gastarbeiter konnten bislang nur mit Erlaubnis ihres Arbeitgebers das Land verlassen - jetzt reicht eigentlich der Pass zur Ausreise. "In anderen Ländern haben wir gesehen, dass wenn das Exitvisum aufgehoben wurde, die Fälle konfiszierter Pässe anstiegen. Darauf müssen wir achten, dass das nicht passiert."

Von den Reformen sind nun in Katar etwa zwei Millionen Menschen betroffen. Das Emirat setzt wie auch die anderen Staaten in der Golfregion auf Gastarbeiter, um seinen Ambitionen überhaupt gerecht werden zu können. Ein Großteil kommt aus den ärmeren Ländern Indien, Nepal Bangladesch und Pakistan, aber auch aus anderen arabischen Ländern.

Katar selbst hat nur 300.000 Staatsbürger. Mit denen ließe sich keines der großen Wachstumsprojekte realisieren. Der Zwergstaat ist zwar durch Öl und Gas reich geworden, will aber mittelfristig auf andere Wirtschaftszweige setzen und politisch an Bedeutung gewinnen. Auch Investments im Sport, wie die Ausrichtung der Fußball-WM und das Sponsoring von Klubs wie Paris Saint-Germain, spielten dabei eine Rolle.

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