Argentinien-Coach Sabella Der Wohnzimmer-Tüftler

Argentiniens Nationaltrainer Alejandro Sabella wird in seiner Heimat respektiert, aber nicht geliebt. Den fußballverrückten Argentiniern ist er zu spröde, zu pragmatisch. Das könnte sich mit einem Sieg gegen die Niederlande im WM-Halbfinale ändern.

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Aus São Paulo berichtet


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Es ist bei dieser Fußballweltmeisterschaft nicht sehr schwer, zu Ruhm zu kommen. Meist reicht es, wenn man im richtigen Moment von der richtigen Kamera eingefangen wird. Schneller als je zuvor verbreiten sich Videos oder Fotomontagen über die sozialen Netzwerke, vom Beißer Luis Suárez zum Beispiel oder von Brasiliens Verteidiger David Luiz, wie er als Feuerblitz über das Spielfeld schießt. Auch Argentiniens Trainer Alejandro Sabella ist jetzt eine Internetberühmtheit. Auf YouTube kann man sich in unzähligen Clips anschauen, wie er im Viertelfinale gegen Belgien vor Wut über eine vergebene Torchance beinahe hinfällt.

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Heft 28/2014
Die kühnen Strategien des Joachim Löw

Der 59-jährige Sabella ist kein Diego Maradona, er ist kein Daniel Passarella und kein César Luis Menotti, im fußballverliebten Argentinien gibt es immer noch Menschen, die wenig mit ihm anfangen können.

Dabei hat Alejandro Sabella als Nationaltrainer Historisches geschafft: Nach dem 1:0 (1:0) gegen Belgien steht die "Albiceleste" zum ersten Mal seit 1990 wieder in einem WM-Halbfinale. Gegen die Niederlande (22 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) hat sie die Chance, ins Endspiel gegen Deutschland einzuziehen. Dafür wird Sabella in seiner Heimat respektiert, geliebt wird er nicht.

Es mag an seiner etwas spröden, zurückhaltenden Art liegen, an seiner wenig einnehmenden Erscheinung oder an seiner zumindest auf den ersten Blick nicht ganz so beeindruckenden Vita. Als Sabella 2011 das Amt des Cheftrainers übernahm, sagte etwa Trainerlegende Menotti: "Ich weiß nicht, was seine Verdienste und was seine Philosophie sein sollen. Ich mag nicht, wie seine Teams spielen." Zum größten Kritiker Sabellas hat sich in den vergangenen Wochen aber Maradona aufgeschwungen, er ließ keine Möglichkeit aus, um über die auf Lionel Messi zugeschnittene Taktik des argentinischen Teams zu schimpfen. Dass er selbst als Trainer bei der WM 2010 im Viertelfinale an Deutschland kläglich gescheitert war, spielte dabei keine Rolle.

Kritik von Messi

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Argentiniens Trainer Sabella: Alles auf Messi
Sogar Messi selbst, dem Sabella in den vergangenen drei Jahren ein Zugeständnis nach dem anderen gemacht hatte, monierte nach dem Gruppenspiel gegen Iran die defensive 5-3-2-Taktik. Sabella hat nicht diese Aura eines Unantastbaren, wie sie etwa der Niederländer Louis van Gaal vor sich herträgt. Trotzdem hat er es geschafft, sein Team bis in die Runde der besten vier zu lenken.

Sabella und seine Mannschaft hatten dabei auch etwas Glück, ihre Gegner waren Bosnien-Herzegowina, Iran, Nigeria, die Schweiz und Belgien. Doch im Gegensatz zu den vorangegangenen Turnieren gewann Argentinien jedes dieser fünf Spiele, wenn auch stets nur mit einem Tor Vorsprung. Dabei verfolgte Sabella so simple wie effektive Strategien: Fiel ein frühes Tor wie gegen Bosnien oder Belgien, ließ er den Vorsprung bis zum Schlusspfiff verteidigen. Funktionierte das nicht, rieb Argentinien das gegnerische Team mit seiner neuen defensiven Ausrichtung so lange auf, bis Messi mit einem seiner Einfälle das Spiel entscheiden konnte.

Es wurde bei dieser WM viel geschrieben über den neuen Pragmatismus der Fußballlehrer, über die Abkehr vom schönen Spiel zugunsten des Erfolges. Sabella bildet dabei keine Ausnahme, im Gegenteil; er erkannte früh, dass er einige seiner Grundprinzipien ignorieren muss, um mit diesem argentinischen Team siegen zu können. So ist Sabella eigentlich ein Verfechter der Mannschaftsleistung, der sich jeder Einzelne unterordnen muss. Doch er weiß, dass er von Messi nur dann profitieren kann, wenn er es ihm so komfortabel wie möglich macht.

"Ein penibler Arbeiter"

"Wir sprechen hier von einem großartigen Spieler, der eigentlich überhaupt nicht schlecht spielen kann. Wir haben kleinere fußballerische Veränderungen vorgenommen, wir gestalten unser Angriffsspiel nun etwas vertikaler als vorher. Das kommt ihm entgegen", sagte Sabella vor einiger Zeit über Messi. Gleichzeitig gehe es dem Trainer darum, Räume gezielt zu besetzen: "Wenn ich Spieler auf dem Platz habe, die das nicht machen, dann ende ich mit meiner Philosophie auf halber Strecke."

Sabella schafft, was vielen seiner Vorgänger nicht gelungen war: Er hat aus der Formel Messi plus x eine funktionierende Gleichung gemacht. Vielleicht liegt es daran, dass er über eine lange Zeit still beobachten konnte und nicht selbst entscheiden musste. Denn Sabella ist erst seit 2009 Chefcoach. Nach dem Ende seiner mäßig erfolgreichen aktiven Karriere arbeitete er 17 Jahre lang als Co-Trainer unter Passarella, als dessen Helfer betreute er in den Neunzigerjahren schon einmal die argentinische Mannschaft, danach das Nationalteam Uruguays, den FC Parma und ihren gemeinsamen Ex-Klub River Plate. Gleich in seinem ersten Jahr als eigenverantwortlicher Trainer gewann er mit Estudiantes de la Plata die Copa Libertadores, zwei Jahre darauf folgte er Sergio Batista als Nationaltrainer.

Er habe damit noch nicht gerechnet, sagte er damals, die Selbstüberschätzung vieler Kollegen im Profifußball geht Sabella ab. Lieber tüftelt er im Stillen an seinem Plan. "Am Wochenende sitze ich im Wohnzimmer und sehe mir ein Spiel nach dem anderen an. Die Kuhle im Sessel wird immer tiefer", sagt er. Sabella sei ein "penibler Arbeiter, der auf kleinste Details Wert legt", beschreibt ihn der frühere Weltklassespieler Juan Sebastián Verón.

Sollte sich Alejandro Sabella auf dem Wohnzimmersessel tatsächlich die Strategie für den Einzug ins WM-Finale erdacht haben - dann müssten ihn wohl selbst die Argentinier in ihr Herz schließen.

insgesamt 2 Beiträge
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Hulda 09.07.2014
1.
Wenn Neymar gestern gespielt hätte, wäre das Ergebnis wegen der auf Neymar zugeschnittene Taktik des brasilianischen Teams ganz anders ausgefallen. Was mir bei den Profis aus Argentinien sehr gefällt ist, dass die keinen unnötigen Schritt machen um zu strunzen und den Medien zu gefallen. Die gewinnen schlicht. Was soll man mit 2:0 gewinnen, wenn man mit 1:0 genauso gut weiterkommt. Man nennt es rationales Denken. Es spart enorm Kraft für die big points. Die Mannschaft ging durch keine 120 Minuten und kein Elfmeterschiessen. Messi ist weniger beansprucht als in einer normalen Woche in Barcelona mit teilweise 3 Spielen. Es ist natürlich für Journalisten, die nur den Spektakel lieben, fast unerträglich. Ich glaube nicht, dass die Holländer heute gewinnen können. Die haben schon viel zu viel Körner gelassen. Gegen Mexiko haben die erst im letzten Moment mit 2:1 gewonnen und gegen Costa Rica erst im Elfmeterschiessen. Die auf eine müden Robben und van Persie zugeschnittene Taktik von van Gaal zu durchkreuzen ist auch recht einfach.
icke44 09.07.2014
2. @Hulda
Sorry, bin anderer Ansicht. Deutschland hat Brasilien gestern einen Gefallen getan. Und daran hätte auch Neymar nichts ändern können. Brasilien kommt wieder und hat nun die Möglichkeit das eigene System und Verständnis zu hinterfragen. Was NL angeht hoffe ich auf einen Sieg der Spielkunst. Und mal sehen wie Argentinien reagiert wenn sie in Rückstand geraten. Der zukünftige Weltmeister kommt aus Europa! NL oder D?
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