Argentinien in der WM-Qualifikation Endspiel auf 2850 Metern

Die Luft ist dünn, der Druck gewaltig: In der Höhe von Quito muss der Vizeweltmeister gegen Ecuador endlich wieder treffen. Sonst findet sehr wahrscheinlich erstmals nach 48 Jahren eine WM-Endrunde ohne Argentinien statt.

Lionel Messi
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Lionel Messi


Der Modus in der südamerikanischen WM-Qualifikation ist denkbar simpel. Und er ist maximal fair: Jeder spielt gegen jeden, einmal daheim, einmal auswärts. Die besten vier Teams qualifizieren sich für die Endrunde, der Fünfte darf immerhin noch in zwei Playoff-Duellen gegen das stärkste Team aus Ozeanien um einen weiteren Platz spielen - die fünf anderen Teams gehen leer aus.

Ziemlich genau zwei Jahre dauern die "Eliminatorias", im wahrsten Wortsinne ein Ausscheidungsrennen, in dem sich am Ende zuverlässig die stärksten Teams des Kontinents durchsetzen sollten. Keine Verzerrungen durch unglückliche Auslosungen, die Tabelle lügt nicht. Umso erstaunlicher: Vor dem 18. und letzten Spiel belegt Vizeweltmeister Argentinien nur Rang sechs.

In der Nacht zum Mittwoch (1.30 Uhr MEZ) treten Lionel Messi und seine Mitspieler in Ecuador an. Die 2850 Meter sind legendär, kein Gegner spielt gern in Quito, auch wenn die Duelle dort mittlerweile ein wenig ihren Schrecken verloren haben - in der aktuellen Qualifikationsrunde haben gleich drei Teams in Ecuador gewonnen: Brasilien, Kolumbien und Peru.

Triumphieren nun auch die Argentinier im Estadio Olímpico Atahualpa, wäre ihnen zumindest der Hoffnungslauf gegen Neuseeland gewiss - weil sich die Konkurrenten aus Peru und Kolumbien gleichzeitig im direkten Duell Punkte abnehmen werden. Für einen Erfolg bei den bereits ausgeschiedenen Ecuadorianern muss Argentinien allerdings dringend sein aktuell größtes Problem lösen: Sie treffen das Tor einfach nicht.

"Wir haben gute Spiele gemacht. Jenseits der Zahlen verdient Argentinien die Qualifikation", sagte Jorge Sampaoli, der mittlerweile dritte argentinische Coach der vergangenen zwei Jahre. Diesseits der Zahlen befindet sich der WM-Zweite von 2014 aber tief in der Krise.

Nur 16 Treffer in 17 Spielen

73 Torschüsse haben die Argentinier seit ihrem letzten Treffer, einem Messi-Elfmeter gegen Chile, in der WM-Qualifikation abgegeben - ohne Erfolg. In den vergangenen fünf Spielen gelangen nur zwei Tore, neben Messis Strafstoß durfte man lediglich ein venezolanisches Eigentor bejubeln. 16 Treffer in 17 Spielen - nur Bolivien (14) war in Südamerika noch ungefährlicher. Fast ein Jahr ist es nun her, dass ein anderer argentinischer Spieler als Messi ein Tor erzielte: Ángel Di María traf im November 2016 gegen Kolumbien.

Ein Rätsel, beim Blick auf die argentinischen Offensivspieler sogar noch mehr: Zwar fehlt Sergio Agüero verletzungsbedingt, neben Messi (aktuell für den FC Barcelona Top-Torjäger in Spanien) stehen mit Paulo Dybala (aktuell für Juventus Top-Torjäger in Italien) und Darío Benedetto (aktuell für die Boca Juniors Top-Torjäger in Argentinien) aber weitere extrem torgefährliche Akteure im Aufgebot. Warum also treffen diese Spieler das Tor nicht mehr, sobald sie das weiß-hellblaue Nationalmannschaftstrikot überstreifen?

Jorge Sampaoli
AFP

Jorge Sampaoli

Die Psyche lähmt, glaubt der Coach. "Der überwältigende Wunsch", sich für die WM-Endrunde zu qualifizieren, sei das größte Problem des Teams, so der Trainer. Oder, von der anderen Seite formuliert: die Furcht, erstmals seit 1970 wieder ein WM-Turnier zu verpassen. Und natürlich lastet der Druck wieder einmal auf Superstar Messi: "Wenn alle sein Niveau erreichen, wird das Spiel gut laufen", sagte Sampaoli.

Knapp drei Kilometer über dem Meeresspiegel ist dieser Druck immerhin etwas geringer. Wird das eine Rolle spielen? Ja, sagt Sampaoli, der weiß, wovon er redet. 2010 musste er als Trainer des ecuadorianischen Küstenklubs Emelec ebenfalls mehrfach in der Höhe von Quito spielen. "Wenn der Ball in der Luft ist, ist es sehr schwer zu erahnen, wo er landet." Es klingt nach ersten Rechtfertigungen.

Ein Sieg in Ecuador ist Argentinien überhaupt erst ein einziges Mal gelungen. Es wäre kein schlechter Zeitpunkt für den zweiten Erfolg, die Parallelspiele in Sao Paulo (Brasilien gegen Chile) und Lima (Peru gegen Kolumbien) werden zeigen, was er am Ende wert ist.

Ab der übernächsten Qualifikationsrunde wird ein Turnier ohne Argentinien übrigens noch einmal ein Stück unwahrscheinlicher: Durch die geplante Vergrößerung des Teilnehmerfeldes ab der WM 2026 auf 48 Teams qualifizieren sich dann sechs oder sogar sieben südamerikanische Teams. Das hilft Sampaoli in der Gegenwart allerdings wenig.



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kloppskalli 10.10.2017
1. das wird schon werden
ein Sieg und der 4te Platz ist so gut wie sicher - also nicht einmal in die Quali gegen neuseeland warden die Gauchos muessen ... weil Brasilien zu Hause gegen Chile gewinnen wird.. und falls Peru gegen Kolumbien unentschieden ausgeht, dann sind die Argentinier 3er.
schwester arno 10.10.2017
2.
Zitat von kloppskalliein Sieg und der 4te Platz ist so gut wie sicher - also nicht einmal in die Quali gegen neuseeland warden die Gauchos muessen ... weil Brasilien zu Hause gegen Chile gewinnen wird.. und falls Peru gegen Kolumbien unentschieden ausgeht, dann sind die Argentinier 3er.
Was Sie nicht alles wissen, warten wir's doch erstmal ab, so wie die sich die letzten beiden Spiele angestellt haben, muss dazu in der Höhe von Quito aber eine dicke Leitungssteugerung her.
genutztername 10.10.2017
3. So sicher bin ich mir da noch nicht
Zitat von kloppskalliein Sieg und der 4te Platz ist so gut wie sicher - also nicht einmal in die Quali gegen neuseeland warden die Gauchos muessen ... weil Brasilien zu Hause gegen Chile gewinnen wird.. und falls Peru gegen Kolumbien unentschieden ausgeht, dann sind die Argentinier 3er.
In Equador auf knapp 3000 m Höhe sind schon einige Teams unter die Räder gekommen. Zudem ist Brasilien schon lange sicher durch. Ob dort der unbedingte Wille besteht, gegen Chile zu gewinnen, wenn man doch anderen Falls seinem ungeliebten Nachbarn ein Bein stellen kann?
M. Vikings 10.10.2017
4. Man wird sehen.
2800 Meter sind schon heftig, und eine echte Herausforderung für die Spieler die das nicht gewohnt sind. In der NFL geht das Gejammer ja schon los, wenn die anderen Teams nach Denver müssen und das liegt nur auf 1600 Meter. Der Vorteil der Argentinier ist, dass es für Ecuador um nichts mehr geht. Ich denke das wird den Ausschlag geben.
isi-dor 10.10.2017
5.
Wie kann man die Aussage "Jenseits der Zahlen verdienen wir die Qualifikation" deuten? Beansprucht Argentinien aus historischen Grünen auch bei schlechten Leistungen einen Setzplatz bei jeder WM, oder was? Geht es nicht mehr um Tore schießen, Spiele gewinnen und sich fair qualifizieren, sondern um die eigene "glorreiche Geschichte"? Das würde ich als extrem dreist empfinden. Holland verdient auch die Teilnahme, aber wenn sie heute nur 6:0 gegen Schweden gewinnen, sind sie raus. Täte mir leid, aber Regeln sind Regeln.
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