Verband in der Krise Die Vetternwirtschaft hat Argentiniens Fußball in der Hand

Korruption und politische Einflussnahme durchziehen Argentiniens Fußball seit Jahrzehnten. Vom Gekungel rund um die Nationalmannschaft profitiert auch der mächtige Lionel Messi.

Sportliche Findungsphase, institutionelle Krise: der argentinische Fußball
Sven Simon/ imago images

Sportliche Findungsphase, institutionelle Krise: der argentinische Fußball

Von , Mexiko-Stadt


Es ist gut ein Jahr her, da sorgte der Wechsel von Mauro Zárate von seinem Jugendverein Vélez Sarsfield zum Großklub Boca Juniors für böses Blut im argentinischen Fußball. Denn der Fall hatte alles, was den Fußball Argentiniens derzeit charakterisiert: Vetternwirtschaft, Chaos, dunkle Machenschaften und Zoff zwischen Vereinen und der "Asociación del Fútbol Argentino", kurz AFA.

Zárate, damals Torschützenkönig der argentinischen Superliga, hatte Vélez nach seiner Rückkehr aus England ewige Treue geschworen und einen unterschriftsreifen Vertrag zur Verlängerung vorliegen. Doch über Nacht revidierte er seine Meinung und unterschrieb bei Boca.

Ausschlaggebend war neben besserer Bezahlung ein Versprechen, das für argentinische Fußballer nicht in Geld aufzuwiegen ist. Boca-Präsident Daniel Angelici hatte Zárate offenkundig zugesagt, ihm die Tür zur "Albiceleste" zu öffnen, zur argentinischen Nationalmannschaft. Angelici ist nicht nur erster Vizepräsident der AFA, sondern auch Intimus von Verbandschef Claudio Tapia. Zárate, so der Deal, sollte in diesem Sommer bei der Copa América erstmals für die Nationalmannschaft nominiert werden.

"Typisch für unseren Fußball"

Die angebliche Zusicherung machte seinerzeit die Vereinsführung von Vélez publik. Alle anderen Beteiligten leugneten, dass es das Versprechen jemals gegeben habe. Aber der Sportjournalist und Kenner von Verband und Nationalmannschaft, Luciano Olivero, ist sich sicher, dass es eine solche Zusage gab: "Es ist typisch für unseren Fußball", sagt er. Die Einflussnahme auf die Nationalmannschaft seitens der Funktionäre sei ein bekanntes Übel.

Wenn also Deutschland am Abend auf Argentinien trifft (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL, TV: RTL), befindet sich der Fußball des südamerikanischen Landes nicht nur in einer sportlichen Findungsphase, sondern in einer institutionellen Krise. Weltfußballer Lionel Messi fehlt in Dortmund wegen einer Sperre, die ihm der südamerikanische Fußballverband Conmebol aufgebrummt hat. Messi hatte nach der 0:2-Niederlage gegen Brasilien im Halbfinale der Copa América den Vorwurf geäußert, das Spiel sei manipuliert worden.

Luciano Olivero kann darüber nur den Kopf schütteln. "Gerade in Argentinien ist doch die Korruption elementarer Bestandteil der Gesellschaft und des Fußballs". Olivero erinnert daran, dass der älteste Fußballverband Lateinamerikas schon 1948 Schiedsrichter aus England einkaufte, weil die eigenen so parteiisch pfiffen, dass kaum ein regulärer Spielbetrieb möglich war. "Heute steckt die AFA in der tiefsten Glaubwürdigkeitskrise seit ihrer Gründung", sagt Olivero. Die Ära des langjährigen korrupten Präsidenten Julio Grondona wirke noch nach.

Der Kleine und der Sonnenkönig

Für radikale Veränderungen ist Verbandschef Tapia vielleicht auch der falsche Mann. Der ehemalige Straßenkehrer mit der Rekrutenfrisur, genannt "El Chiqui", der Kleine, wurde noch von Grondona im Verband aufgebaut und ist erster regulärer Präsident nach dessen Tod im Juli 2014. "Alles was ich im Fußball bin, habe ich Julio Grondona zu verdanken", sagt Tapia.

Chef des argentinischen Fußballverbands: Claudio Tapia
RONALDO SCHEMIDT/ AFP

Chef des argentinischen Fußballverbands: Claudio Tapia

Grondona, 1979 als Günstling der Militärdiktatur als Verbandschef installiert, führte die AFA mehr als drei Jahrzehnte wie ein Sonnenkönig. Seit 1998 war er auch Finanzchef des Weltverbandes Fifa. 2011 ermittelte die argentinische Justiz gegen "Don Julio" wegen der Vorwürfe der Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Korruption. Im Prozess um den Fifa-Skandal in New York warfen Zeugen ihm vor, "coimas", Bestechungsgelder für die Vergabe von Fußballweltmeisterschaften angenommen zu haben.

Bei Tapia seien bisher keine großen Skandale bekannt, sagt Gustavo Grabia, Experte und Buchautor zum Thema Korruption, Gewalt und politische Einflussnahme im argentinischen Fußball. Aber der Führungsstil sei ähnlich, sagt Grabia dem SPIEGEL. So fliege auch Tapia weiterhin mit Privatflugzeugen anstatt Linie. Es fehle an Organisation und fähigen Leuten. Viele Funktionäre hätten dem Verband den Rücken gekehrt, ergänzt Luciano Olivero. Vereinsbosse sind aus Protest zurückgetreten, weil sie der AFA die Bevorzugung der Großklubs Boca und River Plate vorwerfen. Der Verband bekommt die Gewalt in den Stadien nicht in den Griff, die Schiedsrichterleistungen sind unterirdisch und der Einfluss der Politik ungebrochen. "Es sind die mächtigen und großen Vereine, deren Präsidenten besonders nahe an der Macht sind", deshalb hätten sie Vorteile, sagt Grabia. Das gilt von der ersten bis in die dritte Liga.

Ein machtloser Trainer

Fußball und Politik gehen in kaum einem Land eine so enge Allianz ein wie in Argentinien. Staatspräsident Mauricio Macri war von 1995 bis 2007 Präsident von Boca Juniors. Politiker und Gewerkschafter setzen Vereinsbosse ein, helfen bei Finanzierungen und nutzen die "barras bravas", die kriminellen Fangruppen der Vereine, für politische Veranstaltungen.

Sportlich aber fehlt der AFA ein Konzept für die Nachwuchsförderung, und um die Nationalmannschaft machten namhafte Trainer wie Mauricio Pochettino (Tottenham), Marcelo Gallardo (River Plate) und Diego Simeone (Atlético Madrid) einen großen Bogen, betont Grabia. Gallardo scheide aus "politischen Gründen" aus, weil der Präsident von River über Kreuz mit der AFA liege. Simeone weigere sich die Albiceleste zu übernehmen, solange Messi spielt.

Verbandspräsident Tapia pflegt ein äußerst enges Verhältnis zum Stürmer des FC Barcelona, weiß Autor Grabia. Im Ergebnis werde dann ein so unerfahrener Coach wie Lionel Scaloni verpflichtet. Präsident Tapia und Messi haben wenig Lust auf einen starken Trainer mit großer Macht. Schließlich entscheidet der Weltfußballer gern selbst, wer neben ihm in himmelblau-weiß auf dem Platz steht.



insgesamt 3 Beiträge
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hooge789 09.10.2019
1. Abwarten
Dann hoffen wir Mal, dass die krisengeschüttelte Albiceleste uns heute Abend mal nicht den Hintern versohlt.
libily 09.10.2019
2. Wenn man jetzt nur die Überschrift liest ...
... könnte man sagen, ist ja genau wie bei uns.
bluestar2000 10.10.2019
3. Der Weißwesten-DFB?
Da lach ich mich doch einmal mehr schief. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen ... wie überheblich und arrogant, dass sich die Deutschen anmaßen, über Missstände in ausländischen Verbänden urteilen zu dürfen! Ist nicht gerade der DFB eines der Vorzeigekonstrukte, wie man korrupt, hintertrieben, parteiisch und wettbewerbsverzerrend agieren kann? Da bette sich der DFB doch perfekt ins UEFA- und FIFA-System ein! (Oder glaubt irgendwer, es ist mit einem Herrn Infantilo auch nur einen Deut besser geworden???)
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