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Erstes Halbfinale nach 24 Jahren Die argentinischen Minimalisten

Die "Albiceleste" schafft Historisches: Seit der WM 1990 hat Argentinien nicht mehr im Halbfinale gestanden. Doch die Leistung beim 1:0-Erfolg gegen Belgien stimmt eher nachdenklich.

Alejandro Sabella hatte es nach dem erfolgreichen Viertelfinale gegen Belgien (1:0) ziemlich eilig. Vor fast allen Spielern setzte sich der argentinische Nationaltrainer in den Mannschaftsbus, der abfahrbereit im Bauch des Estádio Nacional von Brasília wartete. Dann setzte sich der 59-Jährige seine Lesebrille auf und stöberte in seinen Unterlagen. Was er dort wohl suchte? Vielleicht Antworten auf Fragen, die sich bei den argentinischen Minimalisten mittlerweile stellen: Wie weit kann es die "Albiceleste" mit dieser Leistung beim Turnier bringen? In der Pressekonferenz hatte Sabella tatsächlich geflötet: "Ich habe ein wundervolles Spiel gesehen. Wir haben die richtige Strategie und Taktik gewählt."

Der Fußballlehrer aus Buenos Aires mag ja recht haben, wenn er die Darbietungen zugrunde legt, die frühere Generationen in diesem Stadium einer Weltmeisterschaft boten. 2006 und 2010 setzte jeweils Deutschland das Stoppschild im Viertelfinale, und vor allem die 0:4-Abreibung vor vier Jahren in Kapstadt war ja dem Umstand zuzuschreiben, dass die Argentinier damals "eine zweigeteilte Mannschaft" auf dem Platz hatten, die unter dem schwer ernst zu nehmenden Diego Maradona kein Gleichgewicht zwischen Defensive und Offensive fand, wie Joachim Löw sich damals wunderte.

Das zumindest ist jetzt verbessert. "Wir besitzen eine Balance, ich habe schnelle Spieler aufgestellt, die die Lücken schließen können", lobte sich Sabella selbst. Er hatte nicht nur den ehemaligen Münchner Martín Demichelis als Prellbock in die Innenverteidigung eingebaut, sondern seinem Mittelfeldmalocher Javier Mascherano mit Lucas Biglia einen zusätzlichen Abfangjäger zur Seite gestellt. Vorrangige Aufgabe des Lazio-Profis: Räume schließen, Passwege zustellen.

"Wir sind alle sehr glücklich"

Selbst der "Man of the Match" Gonzalo Higuaín, nach einem über Lionel Messi und Ángel di María eingeleiteten Spielzug mit einer feinen Direktabnahme erfolgreich (8. Minute), wollte über den Auftritt nicht mäkeln. Im Gegenteil: "Es ist lange her, dass wir so weit gekommen sind. Wir sind alle sehr glücklich", bekundete der Torschütze Higuaín, der seine torlose Zeit im Nationaltrikot beendete. Der 27 Jahre alte Stürmer ließ keinen Zweifel, "dass wir bis zum Endspiel träumen wollen." Zum ersten Mal seit 24 Jahren steht Argentinien wieder in einem WM-Halbfinale - "deshalb war es wichtig, dass wir das geschafft haben", sagte Higuaín.

Die argentinische Gemeinschaft hat die am Reißbrett geplante brasilianische Hauptstadt nur als Zwischenstation begriffen, und deshalb haben sich viele - Spieler wie Zuschauer - einfach das himmelblauweiße Jersey vom Leib gerissen und im Gleichklang durch die Luft gewirbelt. Lionel Messi hat dabei indes nicht mitgemacht. Der Solist legte einige schöne Kabinettstückchen hin, war aber längst nicht so effektiv wie in der Vorrunde.

"Er muss nicht immer Tore schießen", sagte Sabella, "er hat trotzdem großen Einfluss auf unser Spiel." Aber Messi ist weniger wert, wenn er keine Kollegen hat, die auf seine Ideen eingehen. Sergio Agüero ist bereits ausgefallen, und nun sackte nach 33 Minuten auch noch di María zusammen. Erste Diagnose: Oberschenkelverletzung. "Ich hoffe, dass es nicht so schwerwiegend ist", sagte Sabella. Medienberichten zufolge soll die WM für di María jedoch beendet sein.

Sehnsüchte nach einem Finaleinzug haben sich hingegen bei den Belgiern erledigt. Nationaltrainer Marc Wilmots musste viele Spieler auf dem Platz - wie den weinenden Kevin De Bruyne vom VfL Wolfsburg - trösten, um die Enttäuschung aufzufangen. "Wir haben nur Details falsch gemacht", sagte Wilmots, "uns fehlt vor allem Erfahrung." Das ehemalige "Kampfschwein" auf Schalke erklärte: "Wir haben noch viel zu lernen."

Der 45-Jährige war nämlich nicht einverstanden mit der Spielweise des Siegers. "Die Argentinier haben unseren Rhythmus zerstört, sie haben 45 Sekunden für einen Einwurf gebraucht. Ich habe ein sehr gewöhnliches Team gesehen." Für Wilmots ist die argentinische Auswahl in dieser Form kein Titelkandidat. "Ich habe keinen Favoriten gesehen."

Argentinien - Belgien 1:0 (1:0)
1:0 Higuain (8.)
Argentinien: Romero - Zabaleta, Demichelis, Garay, Basanta - Biglia, Mascherano - Di Maria (ab 33. Pérez), Lavezzi (ab 71. Palacio) - Messi, Higuaín (ab 81. Gago)
Belgien: Courtois - Alderweireld, van Buyten, Kompany, Vertonghen - Witsel, Fellaini - Mirallas (ab 60. Mertens), de Bruyne, Hazard (ab 75. Chadli) - Origi (ab 59. Lukaku)
Schiedsrichter: Nicola Rizzoli (Italien)
Zuschauer: 68.551
Gelbe Karten: Biglia - Alderweireld (2), Hazard
Schüsse: 10 / 10
Ballbesitz (in Prozent): 46 / 54

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