Argentiniens Angreifer Tévez Schütze in Messis Schatten

Die argentinische Offensive hat mehr zu bieten als nur Lionel Messi - hier lauert auch Carlos Tévez. Der Angreifer von Manchester City ist zwar kein Glamour Boy. Aber er ist eine Dauergefahr für jede Abwehr.

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Diego Maradona hat es gern familiär. Sein Schwiegersohn Sergio Agüero gehört dem argentinischen WM-Kader als Stürmer an. Und einen anderen Angreifer hat der Trainer des deutschen Viertelfinalgegners (Samstag 16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) mehr oder weniger adoptiert. "Carlos ist wie ein Sohn für mich", hat Maradona einmal über Carlos Tévez gesagt.

Den Stürmer von Manchester City und den Trainer mit der ganz speziellen Ausstrahlung eint eine ähnliche Biografie. Wie Maradona ist Tévez ein Kind der Armenviertel rund um Buenos Aires - hier wo die kleinen Jungen den einzigen Traum träumen, der ihnen bleibt: Den von der großen Fußballkarriere. Den Traum, einmal so zu werden wie Maradona. Oder wie Tévez.

Dabei könnten Coach und Spieler vom Typ her kaum unterschiedlicher sein. Maradona, der Impresario, der Show-Mann, der den Medien alles gibt, was sie haben wollen. Tévez, ein stiller, fast schüchterner Mensch, der nur selten die ganz großen Gesten und Worte benutzt. Wenn Tévez sagt: "Ich würde alle meine Titel verschenken, um Weltmeister zu werden", dann ist das kein hohles Wort. Bei ihm klingt es glaubwürdig.

Der Stern ging bei den Olympischen Spielen auf

Mit Titeln kennt Tévez sich aus. Mit Manchester United ist er zweimal englischer Meister geworden, 2008 gewann er mit United die Champions League gegen den FC Chelsea. Die Fachwelt wurde auf ihn aufmerksam, als er mit seinen acht Toren Argentinien zum Olympiasieger 2004 in Athen schoss. In einem Team mit Javier Mascherano, mit Gabriel Heinze, mit Maxi Rodriguez - allesamt Spieler, die heute das Rückgrat der argentinischen Nationalmannschaft bilden.

Dennoch ist Tévez die ganz große Anerkennung im Weltfußball noch nicht vergönnt gewesen. Er hat nicht die Fähigkeiten eines Messi im Dribbling, er hat nicht die Kopfballstärke eines Didier Drogba, ihm fehlt die Leichtigkeit, die Cristiano Ronaldo an guten Tagen auszeichnet. Tévez haftet das Image eines Kämpfers an, eines Spielers, der sich von ganz unten nach oben gearbeitet hat. Der Wucht und Willen da einsetzt, wo andere Lässigkeit demonstrieren. Ein Fußballarbeiter eben.

Kein Mann für die Werbebranche

So einer ist vielleicht nicht der Spieler, um den sich die Werbebranche reißt. Ein Carlos Tévez, der für After Shave oder Männerunterwäsche posiert? Eine abwegige Vorstellung. So einer wird vielmehr vom Fußballvolk verehrt, wie gemacht für den Job des Publikumslieblings. Ein Ivica Olic auf argentinisch. Einer, der Schnelligkeit, Spielverständnis, Wucht und Torriecher miteinander verbindet, dazu kein proletarischer Rohling wie sein früherer United-Mannschaftskollege Wayne Rooney: Dass Tévez in der WM-Qualifikation zweimal mit Roten Karten vom Feld verwiesen wurde, hat nicht nur die Fachwelt überrascht. Auch Tévez war fast erschrocken von sich selbst.

In der argentinischen Nationalmannschaft hat er einen klaren Auftrag. Tore machen und ansonsten Messi glänzen lassen. Es ist das große Verdienst von Diego Maradona, dass er die überragenden Einzelkönner in der Offensive zu einem Ensemble geformt hat. Die Spieler, verehrte Stars in ihren Clubs, wirken in der Nationalmannschaft wie Kinder, die von ihrem mitunter seltsam agierenden Vater für den Fußballsport begeistert worden sind. Es wird geherzt, geknutscht, umarmt.

Kein böses Wort fällt selbst dann, wenn Maradona seine öffentlichen Lobeshymnen auf Messi anstimmt, als sei die argentinische Offensive ohne ihn ein Nichts. Eine Offensive mit dem vierfachen WM-Torschützen Gonzalo Higuaín von Real Madrid, mit einem Diego Milito von Inter Mailand, dem überragenden Angreifer der vergangenen Champions-League-Saison, der seine Zeit bei dieser WM scheinbar klaglos auf der Ersatzbank absitzt. Mit einem Tévez, der bei Manchester City in der Premier League zuletzt 22 Tor erzielte.

Messis Zuarbeiter ohne Klagen

Tévez soll Zuarbeiter für Messi sein. So war es ihm vor der Weltmeisterschaft zugedacht worden - und er erledigt den Job ohne Murren. Nach vier WM-Spielen haben sich Higuaín und Tévez durch ihre Tore allerdings von dieser Rolle gelöst. Das 3:0 von Tévez in der Achtelfinalpartie gegen Mexiko war eine fußballerische Delikatesse. Der Treffer aus fast 25 Metern Entfernung, ebenso brachial wie schusstechnisch perfekt - ein Tor, das in der Debatte um Tévez' Abseitstreffer zum 1:0 etwas untergegangen ist.

Mittlerweile weiß jeder, dass Argentinien mehr zu bieten hat als die Sololäufe eines Messi. Das macht die Sache für den kommenden Gegner Deutschland nicht einfacher.

Sich auf Messi zu konzentrieren, ist Notwendigkeit und Versuchung für die deutschen Abwehrspieler. Es wäre aber auch ihr Riesenfehler.

Denn sie würden dann Carlos Tévez aus den Augen verlieren.

insgesamt 1512 Beiträge
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Seite 1
kleenermann 25.06.2010
1.
Ich gehe davon aus das sich im Finale Brasilien und Argentinien treffen werden. Wer von diesen beiden gewinnt entscheidet die Tagesform.
de.nada 25.06.2010
2.
Zitat von sysopDie Gruppenphase ist vorbei, die K.o.-Runden beginnen. Welches Team wird am Ende den WM-Pokal gewinnen?
Das kann nur einer sein, und Weihnachten ist das alles Schnee von Gestern. Blöder Kommentar, ich weiß. Sieht alles nach einem Titel für Südamerika aus. Wer...? Sieht alles so aus, als ob Deutschland und England sich streiten dürfen, wer gegen Argentinien rausfliegen darf. Gerade war Ottmar Hitzfeld zu hören, der zwar mit seiner Einschätzung zum 2. Spiel der Schweiz recht hatte, aber das Erste hatte doch einen sehr falschen Eindruck vermittelt. Da nutzt es wenig, sich auf eine Schiedsrichter Entscheidung hin, überhöhte Hoffnungen zu machen. Wie bei der letzten WM, beeindruckt Argentinien, aber auch Uruguay sieht fast ebenbürtig aus. Tja, ein Elfmeterschießen und alle Spielkunst ist wenig wert. Ich hoffe ja immer noch auf Südkorea, das fand ich nach dem ersten Spiel einen sympathischen Gedanken.
samsonax, 25.06.2010
3.
Zitat von sysopDie Gruppenphase ist vorbei, die K.o.-Runden beginnen. Welches Team wird am Ende den WM-Pokal gewinnen?
Niederlande.
aqualung 25.06.2010
4.
Zitat von sysopDie Gruppenphase ist vorbei, die K.o.-Runden beginnen. Welches Team wird am Ende den WM-Pokal gewinnen?
Kurz und knapp: Spanien
Umberto, 25.06.2010
5.
Zitat von sysopDie Gruppenphase ist vorbei, die K.o.-Runden beginnen. Welches Team wird am Ende den WM-Pokal gewinnen?
Argentinien.
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