Argentiniens neuer Trainer Maradona "Die Mannschaft stelle ich auf"

Es ist eine Sensation: Ausgerechnet der skandalumwitterte Diego Maradona soll die argentinische Nationalmannschaft zum WM-Titel 2010 führen. Die Berufung ist ein Meisterstück des Verbandspräsidenten Julio Grondona - zur eigenen Machtabsicherung.

Von Tobias Käufer, Bogota


César Luis Menotti weiß, worauf es ankommt: "Der neue Mann muss über Leichen gehen", sagte der 69-Jährige Trainer. Diese Charaktereigenschaft des neuen Nationalcoaches hielt Menotti für unabdingbar, weil der argentinische Fußball unter einer gefährlichen Mischung von gegenseitigen Abhängigkeiten, Seilschaften und Gefälligkeiten leide.

Argentiniens neuer Nationaltrainer Maradona: Machtspiele
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Argentiniens neuer Nationaltrainer Maradona: Machtspiele

Für den Weltmeistercoach von 1978 ist das Nationalheiligtum Fußball in seinem Heimatland längst zu einem Sumpf verkommen, in dem Journalisten, Spielerberater und Funktionäre rücksichtslos ihr eigenes Ding durchziehen. "Es ist eine Schande", lautet das vernichtende Urteil des wichtigsten Fußball-Philosophen in Buenos Aires über die Art und Weise wie seinem Land Entscheidungsprozesse reifen.

Kritiker zum Schweigen gebracht

Vielleicht ahnte Menotti da schon, was sich in den vergangenen Tagen im Kopf der allmächtigen Präsidenten des argentinischen Fußballverbandes (Afa), Julio Grondona, zusammenbraute. Die Entscheidung, Diego Maradona zum neuen Nationaltrainer zu bestimmen, ist für internationale Beobachter angesichts seines skandalösen Lebenswandels eine faustdicke Überraschung. Auf den zweiten Blick aber wird deutlich, dass Grondona einmal mehr das in seiner Position überlebenswichtige Geschick bewies, die mächtigsten Figuren des argentinischen Fußballs zusammenzuführen und so sämtliche potentiellen Kritiker vorerst zum Schweigen zu bringen.

Nachdem Alfio Basile Mitte Oktober im Anschluss an die 0:1-Niederlage in Chile im Rahmen der südamerikanischen WM-Qualifikation entnervt zurückgetreten war, verging kein Tag, an dem Diego Maradona nicht mit Hilfe irgendwelcher Radiosender oder TV-Stationen klar machte, dass er nun selbst an der Reihe sei: "Ich werde bis zum letzten Moment um diese Chance kämpfen", kündigte Maradona öffentlich an und für Grondona musste sich das wie eine Drohung anhören. Die Botschaft an den Afa-Boss war klar: "Wenn Du mich diesmal übergehst, werde ich dir keine Ruhe lassen."

Gegen die Medienpräsenz Maradonas in Argentinien wirkt das mediale Auftreten eines Franz Beckenbauer in Deutschland wie das eines Gelegenheitskommentators.

Allerdings weiß Grondona auch, dass Maradona bei seinen beiden bislang einzigen Trainerstationen bei Mandiyu Corrientes und Racing Club Avellaneda Mitte der Neunziger kläglich scheiterte. In 23 Spielen gab es gerade einmal drei Siege unter seiner Leitung. Beide Engagements endeten vorzeitig. Zudem ist Maradonas an Skandalen reiches Leben alles andere als ein Bewerbungsschreiben für das wichtigste Amt in Lande: Steuerschulden, Kokainsucht, skurrile politische Freundschaften mit Kubas Fidel Castro oder Venezuelas Hugo Chávez und ein kaum zu bändigendes Ego zeichneten den Lebensweg des "genialsten aller Fußballer" (Rudi Völler) aus. Wie weit Maradona zuletzt von der großen Fußballwelt entfernt war, zeigt sein trostloses Gastspiel mit einer argentinischen Nostalgietruppe vor gerade einmal 4000 Zuschauern in Georgien.

Deswegen bekommt "El Diez" ("die Zehn") ein Team zur Seite gestellt, dass in Argentinien seinesgleichen sucht: Als Teammanager fungiert mit Carlos Bilardo der Trainer, der mit Maradona 1986 den WM-Titel gewann und 1990 erst im Finale in Rom an Deutschland scheiterte. Ganz nebenbei unterhält Bilardo als Kommentator zum meinungsbildenden Fernsehen glänzende Kontakte. Das kann nicht schaden, sollte es mit dem wagemutigen Experiment Maradona auf Anhieb nicht gleich reibungslos laufen. Zudem ist Bilardo der Einzige im argentinischen Fußball, auf dessen Rat der selbstsüchtige Maradona überhaupt hört.

Obendrein wird wohl auch noch der eigentlich heißeste Kandidat auf den Trainerposten mit ins Team eingebunden: Ex-Weltmeister Sergio Batista gewann mit der argentinischen Olympiaauswahl die Goldmedaille in Peking. Aber was fast noch wichtiger ist: Bastista versteht sich glänzend mit Barcelonas Jungstar Lionel Messi. Ausgerechnet dem hatte Maradona vor nicht allzu langer Zeit Eigensinn vorgeworfen. "Der spielt nur für Deportivo Messi." Auch dieser Brandherd wäre also erst einmal gelöscht.

Maradona lässt seine zukünftigen Mitstreiter trotzdem schon einmal gewohnt selbstbewusst wissen, dass "ich die Mannschaft aufstelle". Bilardo und Co. spielen dabei die Rolle der Berater: "Wir können unsere Erfahrung einbringen."

Die ersten Reaktionen auf den Coup fallen alles andere als begeistert aus. In den ersten Umfragen der Websites wichtiger Tageszeitungen wie "Clarin" oder "La Nación" gibt die Mehrheit der Fans "unserem Projekt", wie es Maradona nennt, keine Erfolgschance. Sage und schreibe 75 Prozent der 72.000 (!) User, die bis Mitternacht an einer Blitzumfrage der Zeitung "Clarin" teilnahmen, sind mit der Entscheidung überhaupt nicht einverstanden.

Maradona selbst versuchte die Zweifel an seiner Person in einer ersten Stellungnahme zu zerstreuen: "Mir ging es nicht gut vor einiger Zeit. Aber heute ist es eine andere Geschichte, heute bin ich wieder voll da."

Auf was sich Afa-Boss Grondona da eingelassen hat, konnte er gleich ein paar Minuten nach dem entscheidenden Gespräch mit Maradona live miterleben. Eigentlich soll die Entscheidung über die Besetzung der vakanten Position des argentinischen Nationaltrainers erst am kommenden Dienstag bekanntgegeben werden. So war es abgesprochen und so steht es auch am Mittwochmorgen noch auf der Afa-Internet-Seite. Doch kaum hatte Maradona die Sitzung verlassen, ließ er die hungrige Journalistenmeute bereits wissen: "Grondona hat nie an einen anderen Kandidaten gedacht."



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