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Krieg im Fußballstadion: Argentiniens Fan-Probleme

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Drogen, Korruption, Gewalt Fan-Terror bedroht Argentiniens Fußball

Gewaltbereite Fangruppen terrorisieren die Stadien. Drogen und Korruption gehören zur Tagesordnung. Der Clubfußball in Argentinien steckt in der Krise. Mónica Nizzardo kämpft mit ihrer Organisation Salvemos al Futbol dagegen an. Auf Hilfe aus der Politik oder von der Polizei hofft sie vergeblich.
Von Tobias Käufer

Ein alter Holztisch, ein Computer mit Röhrenbildschirm und ein analoges Telefon: Die Hilfsmittel zu denen Mónica Nizzardo im Kampf gegen die Gewalt und die Korruption im argentinischen Fußball greift, sind denkbar einfach. "Wir bekommen kein Geld vom Staat oder von den Clubs", sagt die 42-Jährige. "Wir sind auf uns allein gestellt." Fans und Hinterbliebene von Opfern sowie Privatspenden helfen, das kleine Büro am Laufen zu halten.

Nizzardo ist so etwas wie das Gewissen der argentinischen Fans. Mit ihrer Nichtregierungsorganisation Salvemos al Futbol (Retten wir den Fußball) legt sie den Finger in die Wunde. "Wir sind die einzige Institution, die überhaupt eine Liste von Opfern der Gewalt hat. Eine solche Liste müsste eigentlich die Polizei oder der argentinische Fußball-Verband haben."

In ihrem kleinen Büro in Buenos Aires kämpft die ehemalige Pressesprecherin des Vorort-Clubs Atlanta gegen mächtige Feinde: gewaltbereite Fans, Polizei und Justiz sowie die Politik. Die Clubs haben längst kapituliert, wenn die gewaltbereiten "Barras bravas" (wilden Horden) randalierend vor den Umkleidekabinen stehen und eine Trainerentlassung fordern. Kaum ein Präsident wagt es, dem Mob entgegenzutreten, Spieler leisten Schutzgeldzahlungen. "Der argentinische Fußball ist krank, er ist befallen von einer Seuche", sagt Nizzardo.

Schlägertrupps werden von Politikern unterstützt

Argentiniens Clubfußball erlebt seit einigen Jahren eine Welle der Gewalt. Mehr als 250 Menschen fielen dieser Gewalt bisher schon zum Opfer. Fangruppen kämpfen nicht nur gegen-, sondern auch untereinander. Es geht um das "schmutzige Geschäft" wie Nizzardo sagt. "Wer will, kann heute Drogen auf der Tribüne kaufen." Und die kriminellen Geschäfte der "Barras bravas" enden nicht am Stadiontor, auch der Schwarzmarkthandel ist fest in ihrer Hand. Zur Polizei geht niemand: "Die Polizei ist korrupt. Sie ist keine Lösung, sie ist ein Teil des Problems", sagt Nizzardo.

Finanziell unterstützt werden die Schlägertrupps von lokalen Politikern, die sich in den Armenvierteln gerne Privatarmeen zur Durchsetzung eigener Interessen halten. Als Gegenleistung hängt dann so manches Plakat mit den Namen von Politikern in der Kurve. Doch das politische Engagement nimmt Nizzardo den Fans nicht ab: "Die interessiert nur die Macht im Block und damit der Zugriff auf das Geld."

Niemand, so klagt sie, wolle das Problem anpacken. Im Gegenteil: Ausgerechnet Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner lobte jüngst die "Leidenschaft" mit der die Fans ihre Mannschaften unterstützen. "Wir haben das nicht glauben können, als wir das gehört haben. Wie kann eine Regierung, die sich rühmt, für Menschenrechte einzutreten, auf der Seite dieser Leute stehen? Wie klingt das in den Ohren einer Mutter, deren Sohn von den 'Barras bravas' getötet wurde?"

Seit ein paar Tagen redet Argentinien wieder über die Gewalt. Der Anführer der Gruppierung "La 12", Mauro Martin, wurde niedergeschossen. Martin ist einer der berüchtigtsten Bosse in der Fankurve der Boca Juniors. Er habe nicht gesehen, wer auf ihn geschossen habe, steckt er den Journalisten aus dem Krankenhaus Provincial de Rosario. Derartige Angelegenheiten regeln die "Barras bravas" gerne ohne den Rechtsstaat. Offenbar tobt hinter den Kulissen ein Machtkampf um die Vorherrschaft auf der Tribüne des populärsten argentinischen Clubs. Die Anführer leisten sich sogar eigene Anwälte, schließlich gilt es, ein Geschäftsmodell zu verteidigen.

Niemand will sich mit den mächtigen Fangruppierungen anlegen

Auf ihrer Website fordert Nizzardo die Fans auf, Fälle von Gewalt und Korruption anzuzeigen. So, wie sie es selbst einmal getan hat - und ohnmächtig mit ansehen musste, wie die Polizei nichts unternahm. Das war vor sechs Jahren, damals beschloss sie, selbst etwas zu unternehmen: "All die vielen normalen Fans, die Familien mit Kindern, die nicht mehr ins Stadion gehen, weil sie einfach Angst haben. Für all die tun wir das."

Ein ehemaliger Richter hilft ihr, drei Soziologen gehören zum Team. Gemeinsam hören sie den Müttern und Vätern zu, deren Söhne in einem Stadion oder rund um ein Fußballspiel ermordet oder schwer verletzt wurden. Nach sechs Jahren ist sie immer noch allein. Staat, Polizei und Fußballclubs zeigen ihr die kalte Schulter. Niemand ist bereit, als erster den Schritt zu tun, sich mit den mächtigen Fangruppierungen anzulegen. Sie hofft nun auf Unterstützung aus Europa, von Fanverbänden oder Fanclubs.

Vor ein paar Tagen forderte Präsidentin Kirchner eine Liste von Fans der Boca Juniors an, die Stadionverbot erhalten sollten. Im Fernsehen war zu sehen, wie erboste Boca-Fans von der VIP-Tribüne eine Werbetafel auf die Köpfe der Spieler der Gästemannschaft warfen. Doch hinter Kirchners Forderung steckt keinesfalls der Wunsch, mit den Problemen aufzuräumen. Eines der Vorstandsmitglieder von Boca ist Staatsanwalt Carlos Stornelli, der Kirchner vor ein paar Tagen wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten bei den Staatsreserven verklagt hat. Und Boca-Präsident Daniel Angelici gilt als Anhänger von Kirchners Intimfeind Mauricio Macri, dem Bürgermeister von Buenos Aires.

Auch wenn sie gegen mächtige Gegner anrennt, will Mónica Nizzardo nicht aufgeben. "Das Problem ist, dass die Politik den Fußball missbraucht. Ich war schon als kleines Kind ein Fan. Die anderen und ich, wir müssen uns das Spiel zurückholen."