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Zum Abschied von Arjen Robben

Zu schnell vorbei

Sprint, nach innen ziehen, Schuss, Tor: Arjen Robben hat zehn Jahre lang die Bundesliga geprägt - mit einem eigenen Kunstwerk. Über den Trick des Bayern-Stars, der so erwartbar wie geheimnisvoll ist.

Von

Federico Gambarini / DPA

Arjen Robben gegen Schalke im Pokalhalbfinale 2010, damals war Manuel Neuer noch bei S04

Samstag, 18.05.2019   13:10 Uhr

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Am Samstag verliert die Bundesliga einen der besten Spieler ihrer Geschichte. Aber wenn Arjen Robben am 34. Spieltag ein letztes Mal für den FC Bayern aufläuft, geht nicht nur einer der ganz Großen, auch der Trick verschwindet; der Robben-Move ist in den zehn Jahren in München das Markenzeichen des Niederländers geworden, zu einer eigenen Kunstform im Spitzenfußball.

Wie dieser Trick abläuft, zeigte Robben den Fans in Deutschland gleich in seinem ersten Jahr beim FC Bayern, am 24. März 2010, Pokalhalbfinale gegen Schalke, Verlängerung. Die 112. Minute lief, der Ball erreichte Robben zehn Meter vor der Mittellinie und der damals 26-Jährige sprintete über die rechte Außenbahn und an mehreren Gegenspielern vorbei. Schalkes Verteidiger versuchten noch, ihn per Grätschte zu stoppen, vergebens. Robben war schon zwei Meter weiter.

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Dann: Körpertäuschung auf Höhe des Strafraums, Panik und Staunen im Gesicht des Gegners, ausgetrickst, scharf nach innen gezogen, Raumgewinn, den Ball auf den linken Fuß gelegt, parallel zur Strafraumlinie gelaufen und Schuss in den linken Winkel. Ein Traumtor und etliche Handlungsentscheidungen in 14 Sekunden, Jubel, Bayern gewann das Spiel.

Mittlerweile ist Robben 35, die Karriere geht zu Ende; und in den Jahren nach Schalke wiederholte er seinen Trick etliche Male, für eine Flanke zu einem Mitspieler, meistens aber für den eigenen Torabschluss wie damals im Pokalhalbfinale, der den FC Bayern ins Finale führte, wo Robben sein erstes von bisher vier Doublesiegen mit den Münchnern feierte. Diese Saison könnte das fünfte seine Bayern-Zeit vollenden. Man kann nach dieser langen Zeit sagen: Robbens Trick ist genial - und gleichzeitig die erwartbarste Waffe des vergangenen Bundesligajahrzehnts.

Schnell in den Beinen, schnell im Kopf

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Aber er ist eben auch das größte Geheimnis: Obwohl Robbens Bewegungen sich wiederholten und jeder Verteidiger den Trick kommen sah, ein Gegenmittel fanden nur die wenigsten. Über 20 Treffer seiner 98 Bundesligatore erzielte der Niederländer mit dem Robben-Move. Er selbst sagte im Februar dieses Jahres, "wenn man den Trick im richtigen Moment macht, überrascht er immer noch jeden".

So klingt der Trick ganz einfach. Und vielleicht war es das für Robben auch.

Robben brachte alles mit. Seine Sprints von über 35 km/h überforderten die Gegenspieler. Wenn er nach innen zog, ratterte es noch im Kopf der Verteidiger. Wenn mal ein Gegenüber die Innenbahn gut zustellte, überrannte ihn Robben auf der Außenbahn, und wenn der Verteidiger sich gerade neu positionierte und nicht abwehrbereit war, schoss Robben drauf. Robben war der Schnellste in den Beinen, aber auch im Kopf.

Die Szene gegen Schalke von Robbens erster Ballberührung bis zum Schuss dauerte 14 Sekunden. Es ist das XXL-Format seines Tricks. Meistens kam Robben erst im letzten Drittel an den Ball, und die Finte lief noch schneller ab. Als Lehrmaterial eignet sich die Schalke-Szene aber besonders, sie verrät am ehesten, wie gerne der Niederländer den Ball am eigenen Fuß hatte.

So beeindruckend Robbens Trick aber auch ist, er klappte nicht immer. Theoretisch hätte Robben - der 2009 in der laufenden Saison von Real Madrid nach München gewechselt war - auf 337 Bundesligaeinsätze für den FC Bayern kommen können, er steht aber nur bei 200. Die vielen Verletzungen bremsten ihn, nicht immer war er im Vollbesitz seiner Kräfte, nicht immer sprintete Robben wie ein 100-Meter-Profiläufer. Deswegen konnte sein Trick nicht immer klappen.

Pfiffe gegen Robben

Aber Robben versuchte es trotzdem immer wieder alleine. So galt er schnell als selbstverliebt, als einer, der den Ball lieber bei sich behält statt ihn zum besser postierten Mitspieler zu schieben. Vom eigenen Ehrgeiz zerfressen. Auf dem Bolzplatz hätte man Robben schon mal als Ego ausgeschimpft und aus dem Team geworfen.

Als Robben im Meisterschaftskampf 2012 im direkten Duell gegen den BVB einen wichtigen Elfmeter verschoss und wenige Wochen später im Finale dahoam in der Champions League gegen den FC Chelsea vom Elfmeterpunkt vergab, hätten ihn auch viele Anhänger gerne in einem anderen Team gesehen. In einem Testspiel des FC Bayern gegen die Niederlande zum Saisonabschluss pfiffen die eigenen Fans Robben aus. Mark van Bommel riet ihm damals zum Abschied aus München.

Robben sei zu eigensinnig. Für die Bundesliga zu gut, für die großen Spiele in der Champions League nicht bereit, hieß es. Aber Robben blieb, und zwölf Monate später führte er den FC Bayern mit dem Tor gegen Dortmund zum Champions-League-Sieg und dem historischen Triple. Es war der Moment, als die Fans Robben jeden weiteren Alleingang verzeihen würden. Es war der Höhepunkt in Robbens Karriere.

Und es war der letzte Erfolg des FC Bayern in der Königsklasse. In den drei Jahren unter Pep Guardiola fiel Robben zweimal mit schweren Verletzungen in der entscheidenden Phase der Saison aus, die Münchner scheiterten jeweils im Halbfinale. Ob es mit Robben anders gelaufen wäre, weiß man natürlich nicht. Fest steht aber, dass ein einziger Champions-League-Titel für einen Spieler wie Robben fast zu wenig ist.

Der FC Bayern tat sich lange schwer mit der Suche nach einem Ersatz und handelte erst spät. Mittlerweile hat der Klub Serge Gnabry, ein hochtalentierter Spieler, aber wegen seiner vielen Verletzungen auch ein Fragezeichen. Am Ende könnte Robben auch am FC Bayern zu schnell vorbeigezogen sein. Der Klub wird seinen Dribbler vermissen.

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