Arjen Robben Der stolze Solist

Er wurde von den eigenen Fans ausgebuht und dann zum Helden: Kaum jemand hat den deutschen Fußball in den vergangenen Jahren so geprägt wie Arjen Robben. Am Samstag nimmt die Bundesliga Abschied.

Er geht: Arjen Robben verabschiedet sich vom FC Bayern München, aus der Bundesliga
Alex Nicodim/ imago images

Er geht: Arjen Robben verabschiedet sich vom FC Bayern München, aus der Bundesliga

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Wenn man jemanden verstehen will, muss man den Ort besuchen, aus dem er kommt.

Arjen Robben, wahrscheinlich der beste Bundesligaspieler der vergangenen Dekade, der den FC Bayern am Ende dieser Spielzeit im Alter von 35 verlassen wird, wurde im unscheinbaren Dorf Bedum im windgepeitschten Norden der Niederlande geboren. 60 Kilometer entfernt von Bunde in Ostfriesland.

Kaum ein großer niederländischer Spieler zuvor kam aus dem Norden und niemand aus Bedum. Das Dorf war lange Zeit allein für den schiefen Kirchturm bekannt, dessen sich die Einheimischen rühmen, weil er schiefer sei als der in Pisa. VV Bedum jedenfalls, der örtliche Fußballklub, hatte Arjen Robben nichts beizubringen. Anders gesagt: Obwohl er ein Niederländer ist, ist er kein richtiger niederländischer Fußballer. Das erklärt vielleicht, warum Robben so besonders wurde.

"Niet pingelen! Nicht dribbeln!"

Der typische niederländische Nationalspieler ist ein Amsterdamer Junge, der sich Ajax schon in der Grundschule anschloss, der geschult wurde in den komplexen geometrischen Übungen, die den niederländischen Fußballstil "Voetbal total" ausmachen, und der eine Arroganz zur Schau stellt, die als "Amsterdam bluff" bekannt ist. Denken wir an Wesley Sneijder, Rafael van der Vaart oder Nigel de Jong - Mitglieder aus Robbens goldener Generation, geboren in den Jahren 1983 und 1984.

Wäre Robben im Westen des Landes aufgewachsen, man hätte ihm das Dribbeln ausgetrieben. Ich selbst wuchs auf und spielte im Westen der Niederlande, und ich erinnere mich immer noch an den Schrei, der ertönte, wenn sich irgend ein Kind traute, mit dem Ball zu laufen: "Niet pingelen! " Nicht dribbeln!

In Holland weiß jeder Achtjährige, dass der Ball schneller ist als der Mensch. Aber als unausgebildetes Genie aus dem Hinterland bekam Robben kaum ein solches Training. Also wuchs er heran zu einer Art Rückblende - zu einem holländischen Garrincha.

Autoren-Info
    Simon Kuper, geboren in Uganda, aufgewachsen in den Niederlanden. Der britische Journalist und Schriftsteller beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dem Thema Fußballkultur. In seinem Erstlingswerk "Football against the enemy - Oder: Wie ich lernte, Deutschland zu lieben" widmete er sich ausgiebig der deutsch-niederländischen Rivalität. Kuper schrieb unter anderem für "The Observer" und "The Guardian", aktuell ist er Sport- und Wochenendkolumnist bei der "Financial Times".

Eines Tages, Robben war 16, erhielt er eine SMS in der Schule. Er schlich sich aus der Klasse und erfuhr, dass er für das erste Team des FC Groningen nominiert worden war, im nächsten Spiel in der ersten Liga, der Eredivise. Dann, im Jahr 2001, nahm Holland an der U20-WM in Argentinien teil (wo Ägypten im Viertelfinale zu stark war). Der Jüngste im Team war ein 17 Jahre alter Bursche mit X-Beinen, aus dem Irgendwo im Norden. Der niederländische Trainer, ein schlaksiger, plattgesichtiger ehemaliger Sportlehrer namens Louis van Gaal, war nicht der Typ, der Individualisten pries. Er zog vor, was auch sein liebstes niederländisches Wort war: das "collectief". Trotzdem gab er zu, er habe "noch nie ein so großes Talent gesehen" wie Arjen Robben.

Jahrelang gab es einen Argwohn gegenüber Robben

Als die PSV Eindhoven den knochigen Schüler für umgerechnet 4,3 Millionen Euro kaufte, eine damals ungeheuerliche Summe für ein Talent, erhielt Robben den Klassenzimmer-Spitznamen "Neun-Millionen-Gulden-Mann". Als er heranwuchs, blieb er ein höflicher Nerd mit einem nasalen, nordischen Akzent, der sich weigerte, seine Schuljungenkleidung für etwas Angesagteres auszutauschen, und der mit seiner Freundin aus Schulzeiten zusammenblieb. Der niederländische Schiedsrichter Dick Jol wunderte sich einmal, dass Robben ihn vor einer Partie im Spielertunnel fragte: "Wie geht es Ihnen?" Und dass er dafür die formale Anrede "U", also "Sie", benutzte, die in den lässigen, modernen Niederlanden eigentlich fast ausgestorben ist.

Jahrelang hielt sich im Land der Argwohn gegen Robben. In einer von Taktik besessenen Nation war er jemand, der scheinbar ohne Mitspieler spielte. Um seinen Bewunderer zu zitieren, Johan Cruyff, den Vater des niederländischen Fußballs: "Eine Fußballmannschaft besteht aus zehn Spielern und einem Linksaußen." Oder wie Robben selbst seine Strategie beschrieb: "Ich gehe immer aufs Feld und denke: Yeah, lass uns spielen!"

"Gut für ihn, aber nicht gut fürs Team"

Als er in seinem ersten großen Turnier, der EM 2004, endlich aufs Feld durfte, riss er ein exzellentes tschechisches Team auseinander. Er bereitete zwei Tore per Flanken vor, wurde dann aber abrupt vom Bondscoach Dick Advocaat ausgewechselt. Offenbar hatte Robben den tschechischen, defensiven Mittelfeldspieler nicht gut genug gedeckt, wenn dieser nach vorn ging. Als Robben vom Feld genommen wurde, führte Holland noch 2:1. Am Ende stand es 2:3. Das Spiel ist als "De Wissel" in die niederländische Fußballgeschichte eingegangen - "die Auswechslung".

Bei der WM 2006 spielte Robben dann regelmäßig die gegnerische Defensive auseinander. Doch immer noch beschwerte sich Hollands Stürmer Robin van Persie gegenüber der Presse: "Manchmal trifft er Entscheidungen, die gut sind für ihn, aber nicht gut für das Team." In anderen Worten: "Nicht dribbeln!"

Es dauerte bis Mitte Zwanzig, bis Robben als stolzer Solist auftrat. Bis er aufhörte, sich dafür zu entschuldigen, dass er im Alleingang Abwehrreihen schlug. Der FC Bayern verstand ihn, als er Robben 2009 von Real Madrid verpflichtete. Und in München entwickelte Robben einen Körper, der widerstandsfähiger wurde. Vor zehn Jahren hätte sich niemand vorstellen können, dass der "Mann aus Glas", wie Robben aufgrund seiner Verletzungsanfälligkeit genannt wurde, so lange durchhalten würde.

"Die Erwartungen waren riesig, Robben hat sie übertroffen"

Als Robben damals sein Bundesligadebüt feierte, beschlich manchen Zuschauer das Gefühl, er sei für die Liga beinahe zu gut. Beim ersten Einsatz traf er doppelt, obwohl er nur 45 Minuten lang spielte. "Die Erwartungen waren riesig, Arjen Robben hat sie übertroffen", schrieb SPIEGEL ONLINE damals. Seither prägte er den deutschen Fußball wie wenige andere Spieler.

2012 etwa, als er im Schlüsselspiel um die Meisterschaft gegen Borussia Dortmund vom Elfmeterpunkt scheiterte, und kurz darauf nochmal, im Finale der Champions League, dahoam gegen Chelsea. Die Bayern verloren beide Spiele und Robben wurde einigen zum Sündenbock, Teile der Bayern-Fans pfiffen ihn damals aus. Schon ein Jahr später war das vergessen. Sein Siegtor gegen den BVB in der 89. Minute, das den Münchnern den Champions-League-Titel einbrachte, war ein Tor gegen die eigenen Traumata. Robben wurde zum Helden.

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Arjen Robben beim FC Bayern: Der Solomeister

Dabei benutzte er fast immer denselben Trick. "Le Robben", wie die Franzosen sagen, ist eines der Rituale des Fußballs im 21. Jahrhundert: Den rechten Flügel entlangsausend täuscht er an, außen vorbeizugehen. Doch dann zieht er nach Innen, schießt mit dem linken Fuß ins lange Eck. Die Verteidiger wissen, was er vorhat. Aber er macht es so schnell, dass ihre Augen auf die Finte hereinfallen, ehe es das Gehirn verhindern kann. Oder in Cruyffs berühmten Worten: "Wenn sie mit mir mitgehen wollen, sind sie immer schon zu spät."

Eine Dekade lang bis zu Robbens Rücktritt aus der Nationalelf 2017 war Oranje abhängig von ihm. Wie ein Parasit lebte das Team allein durch ihn. Der traditionelle Angriffsfußball des "Voetbal total" (die Holländer nennen es "die holländische Schule") funktionierte nicht mehr. Die besten Oranje-Momente entstanden meist aus einer kompakten Defensive heraus und schnellen Kontern über Robben. Die Triumphe gegen Italien (3:0) und Frankreich (4:1) bei der EM 2008. Oder die zweite Halbzeit gegen Brasilien bei der WM 2010 (2:1) und die 20 ruhmreichen Minuten gegen Spanien beim 5:1 während der WM 2014.

Die Abhängigkeit von Robben war komplett

2010 war es Robben, der Oranje ins WM-Finale führte. Spät im Endspiel tauchte er allein vor Spaniens Torwart Iker Casillas auf, als es noch 0:0 stand, und platzierte einen Schuss in die Ecke, nur um mitanzusehen, wie Casillas ihn mit dem ausgestreckten Zeh parierte.

Als in den Jahren danach der Verfall im niederländischen Fußball einsetzte, war die Abhängigkeit von Robben dann komplett. Von 2014 bis 2017 schoss Holland im Schnitt ein Tor mehr mit ihm auf dem Feld als ohne ihn.

Am heutigen Samstag nimmt die Bundesliga Abschied von Arjen Robben, wenn der FC Bayern gegen Frankfurt um den Titel spielt. Einmal könnte er danach noch für die Münchner spielen, im Pokalfinale gegen Leipzig am 25. Mai. Dann ist Schluss für Robben. Wir holländischen Fans aber hoffen, dass er weiterspielen wird. Und dass er endlich nach Hause kommt - oder zumindest zurückkehrt in die Niederlande.

insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
Lelas 18.05.2019
1.
Was für ein toller Beitrag. Großer Journalismus für einen ganz Großen. Danke dafür.
nichtwichtig70 18.05.2019
2. Schwalbenkönig!
Der größte Schwalbenkönig der Bundesliga! Ich weine ihm keine Träne nach.
verbal_akrobat 18.05.2019
3. Er bekommt von Kovac 10 maximal 20 Minuten
das war's.... Aber es stimmt was hier steht!
michael1974 18.05.2019
4. Sehr sympathischer und offener Mensch
Hervorragender Artikel, vielen Dank! Und vielen Dank an Arjen Robben, dem zuzuschauen allermeistens eine große Freude war. Hat auf dem Platz immer alles gegeben - klar war er manchmal dabei zu ehrgeizig und eigensinnig, aber oft genug hat er auch mannschaftsdienlich gespielt oder eben mit seinem Solo Spiele entschieden. Ich sehe leider auch schon die Hater-Kommentare kommen, die ihn viel zu sehr auf einige wenige theatralische Aktionen reduzieren - dabei ist AR ein wirklich offener und ehrlicher Mensch, der selbst in Interviews zugeben konnte, wenn eine Aktion vielleicht nicht ganz astrein war. Wunderbarer Typ, eine echte Bereicherung für den FCB und die Bundesliga und mit Ribery als "Robbery" lange Zeit das Beste, was es in Europa gab (wenn BEIDE mal fit waren).
verruca 18.05.2019
5. Kunst
Was für ein wunderbar geschriebener Artikel! Vielen Dank Herr Kuper! Und natürlich auch vielen Dank an Arjen Robben, für so viele fantastische Momente. Dass er auch ganz gerne mal hinfiel gehört irgendwie zum Gesamtkunstwerk AR. Man stelle sich vor, er wäre 10 Jahre lang ohne diesen Makel aufgetreten! Dann müssten sich selbst Nichtbayern vor diesem wirklich außergewöhnlichen Spieler zutiefst verneigen.
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