Arminia-Profi Rau Das Chili-Comeback

Mit 21 spielte er beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft, dann ging es für Tobias Rau steil bergab. Zuletzt wollte ihn selbst Arminia Bielefeld loswerden - bis ein neuer Trainer kam. Nun will Rau in der Bundesliga wieder auftrumpfen.

Von Markus Voss, Bielefeld


Tobias Rau ist 25 Jahre jung und sieht noch jünger aus. Mit den Prototypen schnell zu Geld gekommener Jungprofis hat er nichts gemeinsam. Keine extravagante Frisur, keine Tätowierungen, keine Sonnenbankbräune, keine Goldketten, keine schwere Uhr. Mit seinem hellblonden Haarschopf und dem verschmitzten Lächeln wirkt er eher wie ein Lausbub Marke Michel aus Lönneberga. Mit dem Unterschied, dass Rau keine Flausen im Kopf hat.

Arminia-Profi Rau (r.): "Ich werde meine Art nicht ändern"
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Arminia-Profi Rau (r.): "Ich werde meine Art nicht ändern"

Im Gegenteil: An einem Tisch des Bielefelder In-Lokals "Bernstein" sitzt ein nachdenklicher und zurückhaltender junger Mann. Keiner der vorbei eilenden Mittagsgäste würde auf die Idee kommen, dass dort ein deutscher Nationalspieler in sein Speziglas blickt. Rau holt unvermittelt tief Luft, zupft an seinem braunen T-Shirt und sagt: "Mir ist schon oft empfohlen worden, dass ich in diesem Geschäft mehr das Arschloch raushängen lassen muss, dass ich andere auch mal umhauen muss, um weiter zu kommen." Tobias Rau schüttelt den Kopf: "Ich werde meine Art und meine Persönlichkeit nicht ändern, um mir einen Stammplatz zu sichern. Das, was auf dem Platz und im Training passiert, zählt."

Ist eine der erstaunlichsten Entwicklungen im deutschen Fußball - nach immerhin sieben Länderspielen im Jahre 2003 - womöglich ins Stocken geraten, weil der Protagonist zu lieb ist? Kaum zu glauben. Die "Süddeutsche Zeitung" hat das Auf und Ab des Tobias Rau einmal so erklärt: "Er kommt aus einer Zeit, in der ihn fast alle Experten in jene virtuelle Elf einsortierten, die 2006 mit heldenhaftem Fußball den WM-Titel erringt. Es gab leichtere Aufgaben, als im Herbst 2003 ein WM-Held von 2006 zu sein. Raus Geschichte ist die von einem jungen Mann, der Deutschland hätte retten sollen und der froh sein kann, wenn sie ihn bei Arminia Bielefeld wieder hinkriegen."

Rau kann dieses Thema nicht mehr hören, doch er ist höflich genug, nicht total zuzumachen. Wieder schüttelt er den Kopf: "Erklären kann ich meinen Karriereverlauf nicht. Da spielen viele Kleinigkeiten eine Rolle. Ich war jung und konnte total unbeschwert aufspielen", sagt er. "Sobald ich Nationalspieler war, wurde mir jeder Fehler angekreidet. Als ich nach Bielefeld kam, waren die Erwartungen riesengroß. Da war ich innerlich vielleicht ein bisschen überfordert."

Fakt ist, dass sie ihn in Bielefeld noch nicht wieder hingekriegt haben. Aber es geht aufwärts. Immerhin, denn in den vergangenen vier Jahren hat Tobias Rau gerade mal 32 Bundesligaspiele absolviert. Mehrere hartnäckige Verletzungen werfen ihn immer wieder zurück, "aber auch von der Leistung her lief es bei mir nicht immer", gibt er zu. Und wenn dann der Trainer trotz aller Bemühungen offensichtlich mit anderen Leuten plant, kann der Frust schon einmal übergroß werden: "Ich war total außen vor. Der Trainer hat überhaupt nicht mit mir geredet. Ich habe trainiert, aber ich hatte das Gefühl, dass er es gar nicht bemerken würde, wenn ich nicht da wäre. Ich konnte machen, was ich wollte."

Den Namen Thomas von Heesen erwähnt er kein einziges Mal. Rau spielte unter ihm und dem Vier-Spiele-Übungsleiter Frank Geideck in der abgelaufenen Saison nicht eine Minute, noch Mitte April kündigte Manager Reinhard Saftig eine Trennung zum Saisonende an, auch der Linksverteidiger "hatte mit Arminia schon fast abgeschlossen", da kam Ernst Middendorp aus Südafrika eingeflogen, um die Bielefelder vor dem Abstieg zu retten.

Es ist ein schmaler Grat für einen Trainer, einem Profi in einer so aussichtslosen Situation Selbstvertrauen einzuflößen und auf ihn zu bauen, zumal, wenn es für den Verein um Alles oder Nichts geht und keine Zeit für Experimente bleibt. Streicheleinheiten? Peitsche? Middendorp versucht es mit Provokation. "Was machst du eigentlich hier? Hast du innerlich schon gekündigt?", wirft er dem "dahinvegetierenden" (O-Ton Middendorp) Rau an den Kopf. Der nimmt die Steilvorlage dankbar auf und gibt im Training mächtig Gas. "Das war eine positive Provokation, die mich richtig gepusht hat", sagt er, "ich hatte endlich das Gefühl, wieder dabei zu sein und konnte im Training eine gute Antwort geben."

Middendorp, der an Rau dessen "Schnelligkeit und Zielstrebigkeit" schätzt, belohnt diese Reaktion mit einem Platz in der Startelf im Auswärtsspiel beim VfL Wolfsburg. Eine elfeinhalbmonatige Leidenszeit ohne einen einzigen Bundesligaeinsatz geht für Tobias Rau an diesem 30. Spieltag Mitte April zu Ende. "Das war von Null auf Hundert und Gefühlschaos pur", erinnert sich Rau. "Ich war total glücklich und wusste, dass mir nichts passieren kann, denn schlechter als vorher konnte es nicht mehr laufen."

Es folgen vier Arminia-Siege in Folge mit Rau in der Startelf und der kaum noch für möglich gehaltene Klassenerhalt. So schnell geht das. Bereits Anfang Mai wird über eine Vertragsverlängerung gesprochen, Mitte Mai unterschreibt Rau einen neuen Zweijahreskontrakt in Bielefeld. "Ich bin davon überzeugt, dass ich Tobias Rau da hinbekomme, wo er mal war", sagt Middendorp, der weiß, dass zu seiner Entscheidung, Rau in Wolfsburg aufzustellen "vier von fünf gesagt hätten: Bist du wahnsinnig?"

Dieser Irrsinn könnte eine Wende bedeuten

Dieser Irrsinn könnte jedenfalls eine Wende in der Karriere von Tobias Rau bedeuten. Viele Anzeichen sprechen dafür, dass er sich in der neuen Saison zum Arminia-Stammpersonal zählen kann, auch wenn er nach einer Adduktorenverletzung aus dem DFB-Pokalspiel in Seligenporten beim Bundesligaauftakt heute -ausgerechnet in Wolfsburg (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) - ausfallen wird. Dennoch traut sich Rau nicht so recht aus der Deckung: "Ich will da nicht viel zu sagen. Die Saisonvorbereitung lief für mich sehr gut, ob ich spielen werde, wird sich zeigen."

Er hat eben schon zu viel erlebt in diesem irrealen Geschäft. Das Leuchten ist in die Augen von Tobias Rau zurückgekehrt. Es ist womöglich kein Zufall, dass er im "Bernstein" Spaghetti "Leidenschaft" bestellt. Mit roten Zwiebeln und frischem Chili. Der nachdenkliche und zurückhaltende junge Mann ist wieder scharf auf die Bundesliga.

insgesamt 524 Beiträge
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Seite 1
Tomislav, 28.06.2007
1.
Zitat von sysopDer Spielplan zur 45. Bundesliga-Saison steht - Wer ist Ihr Favorit?
FC Bayern München
Carsten31 28.06.2007
2.
Zitat von sysopDer Spielplan zur 45. Bundesliga-Saison steht - Wer ist Ihr Favorit?
Der FC wird wieder erstklassig!!!
Emme, 28.06.2007
3.
Ganz klar Bayern München! Wenn doch ne andere Mannschaft den Titel holen sollte wär das mehr als ne dicke Sensation, wobei die Bayern einen enormen Druck verspüren werden aufgrund ihrer Transferpolitik. Da würde es mich nicht wundern wenn man am ersten Spieltag nicht gleich die ersten 3 Punkte gegen den Aufsteiger aus Rostock einfährt. Trotzdem bleiben sie der absolute Topfavorit auf den Gewin der Schale.
double_pi, 28.06.2007
4.
Bremen vor Bayern und Schalke!
Tomislav, 28.06.2007
5.
Zitat von Carsten31Der FC wird wieder erstklassig!!!
Augsburg? (waren die überhaupt schon mal erstklassig?) :)
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