kicker.tv

AS-Rom-Star Totti Der Fußballweise

23 Jahre spielt Francesco Totti schon für den AS Rom - nie lief er für einen anderen Klub auf. Der Angreifer ist schon jetzt eine Legende seiner Stadt, steht noch immer auf dem Platz - und ist aktuell so wertvoll wie vielleicht noch nie.

Francesco Totti bringt Glück. Mehrere Verehrer des Kapitäns des AS Rom setzten Ende September beim Lottospielen auf den Geburtstag, das Geburtsjahr und die Trikotnummer Tottis, der kurz zuvor 38 Jahre alt geworden war. Vermutlich hatten sie es mit dieser Zahlenkombination schon viele Male versucht, doch an diesem Wochenende machten die 27, 76 und 10 sie um 4500 Euro reicher. Ein schöner Zufall, schrieben die italienischen Medien, Treue zahle sich eben irgendwann aus.

Wie bei Totti, der gerade seine 23. Saison für die Roma absolviert, und der für sein Team vielleicht so wertvoll ist wie nie zuvor. Im Winter seiner Karriere hat Totti, der in Rom geborene Offensivspieler, nichts mehr zu verlieren, er spielt, wie einst als Teenager: aus Spaß am Fußball. Seine jahrzehntelange Erfahrung im Profifußball macht ihn für Gegner wie den FC Bayern, der an diesem Dienstag im Champions-League-Gruppenspiel im Olympiastadion antritt (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky), gefährlicher denn je.

Und noch etwas kommt hinzu: In früheren Jahren gab sich Totti gern als Diva oder Rüpel, er ließe alle auf dem Platz spüren, dass er wisse, wie gut er ist, sagte sein ehemaliger Mitspieler Michael Konsel einmal. Heute weiß Totti zwar immer noch um seine Qualitäten, ihm ist aber auch klar, dass er im fortgeschrittenen Alter stärker denn je auf seine jungen Teamkollegen angewiesen ist. Totti ist fußballweiser geworden, doch dabei nicht weniger leidenschaftlich.

"Ein einzigartiges Genie"

"Selbstverständlich ist Francesco der König von Rom und ein einzigartiges Genie. Doch er ist demütig, uneigennützig und stellt das Wohl der Roma immer vor persönliche Bestmarken", sagte sein Trainer Rudi Garcia kürzlich im Interview mit dem "Kicker". Der Franzose übernahm die Mannschaft im Sommer 2013, er hat großen Anteil daran, dass sie in den vergangenen eineinhalb Jahren in Italien wie in Europa zu einer ernst zu nehmenden Konkurrenz geworden ist. Garcia lässt seinen Spielern die Freiheiten, die altgediente Stars wie Totti oder Ashley Cole brauchen.

Fotostrecke

Angreifer Totti: Der König von Rom

Foto: ALESSANDRO GAROFALO/ REUTERS

Totti ist Garcias unberechenbare Waffe im Zentrum des Angriffs, die Vielseitigkeit ist seine größte Stärke. Er kann als linker Stürmer ebenso fungieren wie als offensiver Mittelfeldspieler hinter den Spitzen, manchmal springt er sogar als Spielmacher ein. Immer wieder taucht Totti auf den Flügeln auf, nur um sich kurz darauf zurückfallen zu lassen und dann aus der Tiefe einen zielgenauen 30-Meter-Pass in die Spitze zu spielen. Schon sein einstiger Trainer Fabio Capello hatte erkannt, dass man den Spieler nicht in das enge Korsett eines Taktikplans hineinzwängen darf. Totti muss tun dürfen, was er für das Beste hält, um einer der Besten zu sein.

kicker.tv

Das mag ein Grund dafür sein, warum dieser Spieler mit seinen 38 Jahren kaum Abnutzungserscheinungen zeigt. Er ist vielleicht nicht mehr so wendig und spritzig wie ein Fußballer in seinen Zwanzigern, die Regenerationsdauer und die Zeiten auf der Massagebank werden länger. Doch niemand in Rom zweifelt daran, dass Totti seinen bis 2016 laufenden Vertrag erfüllen wird. Er wäre dann 40 Jahre alt, 27 davon hätte er bei der Roma verbracht. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass er als Profi für keinen anderen Klub mehr spielen wird. Totti hat sein Leben diesem Verein gewidmet, in den Augen jedes Roma-Fans ist das die größtmögliche Liebeserklärung.

Die Roma-Fans verehren Totti

Für sie ist Totti ohnehin bereits unsterblich, er ist für sie mehr als ein herausragender Sportler. Totti verbindet die alte und die neue Welt des Fußballs, er befriedigt die Romantiker unter den Anhängern ebenso wie diejenigen, die das moderne Spiel der Gegenwart schätzen. Er weiß, dass ihm niemand mehr etwas anhaben kann, er sagt, was er denkt. Dass er hinter dem verlorenen Meisterschaftsspiel gegen den Tabellenersten Juventus Turin vor drei Wochen Wettbetrug vermutet, zum Beispiel, wofür ihn die Juve-Verantwortlichen öffentlich kritisierten. Totti ist das egal.

Er gab sich nie viel Mühe, den Vorstellungen der Fußballwelt zu entsprechen. Für einen guten Zweck gab er Bücher mit Witzen über seinen Intellekt heraus, er vertonte eine Folge der Zeichentrickserie "Die Simpsons" und besuchte alte Kumpels im Gefängnis. Und er blieb selbst dann ein Römer, nachdem er 2006 mit Italien Weltmeister geworden war; die Roma-Fans sagen: Er blieb einer von ihnen.

Sie verehren ihren Totti dafür und er dankt es ihnen mit Siegen und Toren, wie am vergangenen Wochenende gegen Chievo Verona. Vor wenigen Wochen gelang Totti in der Champions League gegen Manchester City der 1:1-Ausgleich, mit dem Treffer drei Tage nach seinem 38. Geburtstag machte er sich zum ältesten Torschützen in der Königsklasse.

Die 27 dürfte nun für noch mehr Fußballverliebte eine Glückszahl sein.