Barça-Bezwinger Atlético Das Rätsel des Diego Simeone

Messi? Abgemeldet! Barcelona? Ausgeschaltet! Nach zwei bemerkenswerten Defensivleistungen steht Atlético Madrid im Halbfinale der Champions League. Die Taktikanalyse zeigt, warum dort niemand auf das Team von Trainer Simeone treffen will.

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20 Minuten lang wussten Barcelonas Spieler nicht, wie ihnen geschah. 20 Minuten, in denen jeder Einzelne von ihnen bereits unter Druck geraten war, ehe er überhaupt an den Ball gelangte. Es waren die ersten Minuten im Spiel gegen Barça, in denen Atlético Madrid den Grundstein zum 1:0 (1:0)-Sieg legte, der gleichbedeutend ist mit dem Einzug ins Halbfinale der Champions League; Atléticos erstem seit 40 Jahren.

Dieser Erfolg ist eng verknüpft mit einem Namen: Diego Simeone. Der Trainer hat es geschafft, Barcelona Rätsel aufzugeben, die diese vor nicht langer Zeit beste Vereinsmannschaft der Welt einfach nicht zu lösen vermochte. Fünfmal sind sich beide Clubs in dieser Saison bislang begegnet, kein einziges Spiel hat Barça gewonnen. Noch verblüffender: Die Katalanen sahen in den Vergleichen zunehmend schlechter aus, sie finden keine Mittel gegen die Spielweise Atléticos.

Und der Triumph vom Mittwochabend deutet an, dass Barcelona mit diesen Problemen nicht allein dastehen könnte.

Atlético ist ganz anders ist als die meisten Top-Clubs in Europa: Wie gegen Barça ziehen sich die zehn Feldspieler oft auf einem 25 mal 25 Meter großen Bereich mitten in der eigenen Hälfte zusammen. Innerhalb dieses Blocks helfen sich die Profis untereinander, permanent. Hatte Barcelonas Lionel Messi den Ball, attackierten ihn sofort zwei Spieler. Wollte Andrès Iniesta die Lücke nutzen, die dadurch entstanden war, rückte prompt ein anderer nach. Vor allem die beiden Stürmer opferten sich für die Defensive.

Simeone, 43, scheint seinen Spielern eingeimpft zu haben: Bloß nie einen Gegenspieler in Ruhe den Ball annehmen lassen, jedenfalls nicht zentral in der eigenen Hälfte.

Messi blieb ein Schatten seiner selbst

Durch das Verschieben, das andauernde Aushelfen, verwandelt sich die Anordnung der Mannschaft unablässig. Gegen Barcelona verteidigte Atlético zunächst in einem tiefen, sehr engen 4-4-2, durch das der Gegner vom eigenen Strafraum ferngehalten und aus der Feldmitte nach außen gedrängt wurde. Im nächsten Moment entstand ein 3-4-3, dann wiederum ein 5-3-2. Die formativen Veränderungen festzuhalten macht kaum Sinn, zu flexibel verteidigt die Mannschaft.

Gegen Barcelona klappte das hervorragend. Durch Atléticos Verbund auf die Flügel gelenkt, wurde Barça zu 35 Flanken gezwungen; die typischen Kombinationen durchs Zentrum fehlten völlig, und Lionel Messi blieb blass.

Flanken des FC Barcelona: Durch die Atlético-Defensive erzwungen
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Flanken des FC Barcelona: Durch die Atlético-Defensive erzwungen

Vor allem aber hatte Atlético dank des kollektiven, mit enormer Intensität vorgetragenen Angriffspressings nach wenigen Minuten dreimal Aluminium und einmal ins Tor getroffen. Simeones Plan ging auf: Seine Mannschaft hatte Barcelona erst überrumpelt, dann aufopferungsvoll verteidigt und Konter gesetzt. Dass dabei der überfällige zweite Treffer ausblieb, liegt auch am Fehlen des verletzten Torjägers Diego Costa, der das Team noch mal erheblich torgefährlicher macht.

Der Argentinier Simeone hat dafür gesorgt, dass ausgerechnet auf die Mannschaft mit dem geringsten Etat aller Champions-League-Halbfinalisten keiner der übrigen Clubs treffen möchte. Nur Atlético hat in dieser Saison im Wettbewerb noch kein Spiel verloren, dazu die wenigsten Gegentore kassiert, fünf in zehn Spielen. Als sportlicher Außenseiter ginge der aktuelle Tabellenführer in Spanien wohl nur in ein Duell mit Bayern München. Wer nach der Auslosung am Freitag (12 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auch immer auf Atlético trifft, wird Simeones Rätsel lösen müssen.

Dass Barça daran in fünf Anläufen gescheitert ist, könnte ein gutes Omen für den Argentinier und sein Team sein: Alle Mannschaften, denen es seit 2008 gelang, Barcelona in der "Königsklasse" auszuschalten, gewannen anschließend die Trophäe.

Atlético Madrid - FC Barcelona 1:0 (1:0)
1:0 Koke (5.)
Atlético: Courtois - Juanfran, Miranda, Filipe Luis, Godin - Tiago, Gabi - Koke, Garcia - Adrian (62. Diego) - Villa (79. Rodriguez)
Barcelona: Pinto - Alves, Bartra, Mascherano, Alba - Busquets - Xavi, Iniesta (72. Pedro) - Messi, Fabregas (61. Sanchez), Neymar
Schiedsrichter: Webb (England)
Zuschauer: 53.592
Gelbe Karten: Koke (2) - Busquets (2), Mascherano (2), Alves (2)
Schüsse: 15 /12
Torschüsse: 5 / 3
Ballbesitz in Prozent: 29 / 71
Gewonnene Zweikämpfe in Prozent: 57 / 43

insgesamt 33 Beiträge
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aha-aha 10.04.2014
1. Vielleicht...
...mauern sie sich ja zusammen mit Chelsea ins Finale. Dann kann der Platzwart während des Spiels zwischen den Strafräumen den Rasen mähen.
robin-masters 10.04.2014
2. Offensive Adè
der Trend geht wieder hin zu mehr Defensive. Wo Jahrelang nur der Offensiv Zauber das gepriesen wurde... vielleicht kommt man in Deutschland auch mal auf die Idee es mit einer geschlossenen und intelligent agierenden Defensive zu probieren. Vorallem gegen Bayern. Offensiven Hurra Fussball können sich nur die Milliardärs Clubs leisten.
nullstellenfunktion 10.04.2014
3. optional
Es könnte interessant werden wenn Atletico gegen Chelsea spielen müsste. Aber davon abgesehen hat der Autor recht - da dürften die Trainer der drei anderen Mannschaften einiges zum grübeln haben.
krutschi04 10.04.2014
4. BVB lässt grüßen
Hört sich jetzt ein wenig so an, wie das was der BVB schon seit einigen Jahren spielt. Leider haben die es dieses Jahr nicht so auf den Platz bekommen wie letztes Jahr. Liegt vielleicht auch an den vielen Verletzten und den Neueinkäufen, die noch nicht angekommen sind. Vielleicht ist Atletico noch ein wenig flexibler in der Gestaltung des Systems als der BVB.
multim 10.04.2014
5.
ist doch klar, dass der trend richtung defensiv geht/gehen muss... die einzige Möglichkeit spieler wie messi, ronaldo, ribery usw. effektiv aus dem spiel zu nehmen! Mannschaften wie bayern, real und barcelona kaufen sich top-teams zusammen, die anderen müssen eben auf diese weise reagieren... actio und reactio... klar ist das spiel dann irgendwo langweilig(er) aber wenn es zum erfolg führt ist das den verantwortlichen völlig egal!
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