Atlético-Sieg gegen Juventus Alte Stärke, neuer Glanz

Juventus und Cristiano Ronaldo droht das Aus in der Champions League. Gegner Atlético setzte auf bekannte Gesichter, und doch befindet sich dieser Klub in einem rasanten Wandel.

AP

Aus Madrid berichtet


Kurz vor Schluss begann das Publikum, über Cristiano Ronaldo zu spotten. Der Superstar von Juventus war mit seinem letzten Versuch gescheitert, das Spiel zu retten, sein Schuss flog weit über das Tor von Atlético Madrid. Eine Verzweiflungstat, die die knapp 70.00 Zuschauer im Estadio Metropolitano von Madrid erheiterte.

Ronaldo war an diesem Abend erstmals wieder für ein Fußballspiel in die spanische Hauptstadt zurückgekehrt, seine alte Heimat. Knapp ein halbes Jahr ist seit seinem Wechsel von Real Madrid zu Juventus vergangen, und nun wartete der ehemalige Erzrivale im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League: Atlético, Ronaldos Lieblingsgegner.

Der Portugiese hat schon viele Tore erzielt, Atlético lag ihm aber besonders: 22 Treffer in 29 Pflichtspielen gelangen ihm im Real-Trikot; er traf im Champions-League-Finale 2014 gegen den Rivalen, im Halbfinale 2017 bezwang er ihn fast im Alleingang, drei Tore erzielte er damals im Hinspiel. Die spanische Zeitung "Marca" hatte vor der Rückkehr des Stürmerstars geschrieben: "Euer menschenfressendes Ungeheuer ist zurück." Soweit die Ausgangslage.

Ronaldo droht das Aus

Angst und Schrecken verbreitete der 34-Jährige an diesem Abend gegen ein starkes Atlético nicht. Ronaldo brachte nur einen Schuss aufs Tor, das war ein mäßig platzierter Freistoß in der ersten Hälfte. Es folgten sechs weitere Abschlüsse, die jedoch ihr Ziel verfehlten, einer davon in jener 85. Minute, als die Atlético-Fans längst in Feierlaune waren. 0:2 (0:0) hieß es am Ende aus Sicht von Ronaldo und des Tabellenführers der italienischen Serie A (66 von möglichen 72 Punkten in der heimischen Liga geholt). Atlético geht mit einer optimalen Ausgangslage ins Rückspiel am 12. März (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) und hat gute Chancen auf den Einzug ins Viertelfinale.

Fotostrecke

7  Bilder
Atléti vs. Juventus: Ekstase im Metropolitano

Der Sieg über Ronaldos Juventus war eine der bisher atmosphärischsten Europapokal-Nächte im für etwa 270 Millionen Euro modernisierten Estadio Metropolitano, in dem Atlético seit Anfang der vergangenen Saison spielt. Für die neue Heimat gab der Klub das Estadio Vincente Calderón auf, eines der populärsten Fußballstadien der Geschichte und bei den Fans sehr beliebt. "Das war ein Ort voller Nostalgie", sagt José Carlos Carabias, Reporter der spanischen Tageszeitung "ABC" aus Madrid.

Anfangs hatte es wegen des Umzugs Proteste gegeben, zumal in dieser Zeit auch das Vereinswappen verändert wurde. Doch mittlerweile seien "die Fans von dem modernen Stadion begeistert", sagt Carabias. Der Zuschauerschnitt ist im Vergleich zum Vorjahr um 3000 Fans auf durchschnittlich knapp 59.000 Zuschauer pro Ligaspiel gestiegen.

Eingeschworene Truppe

Diese Entwicklung hängt auch mit Diego Simeone zusammen. Der Trainer ist das Aushängeschild des Klubs und wird von den Anhängern verehrt wie ein König, sagt Carabias: "Bei Atlético ging es jahrelang rauf und runter. Seit Simeone da ist, bleibt der Klub oben." Seit 2011 trainiert Simeone die Mannschaft und er gewann in dieser Zeit den spanischen Meistertitel und zweimal die Europa League. Vor zwei Jahren hatte der Argentinier dann den Stadionwechsel begrüßt und gesagt, man müsse Veränderungen akzeptieren: "Die Welt steht nicht still", sagte Simeone damals, der schon als Spieler für den Verein aktiv gewesen war.

Im Verein selbst bleiben die wichtigsten Funktionsträger mit Simeone an der Spitze Identifikationsfiguren. Das gilt besonders für das Team: Gegen Juventus standen gleich sieben Spieler in der Startelf, die mindestens seit 2014 unter Vertrag stehen, im Profifußball mittlerweile eine lange Zeit.

Einer von ihnen ist Kapitän und Publikumsliebling Diego Godín, 33 Jahre alt und seit 2010 im Klub. Er schoss gegen Juventus das 2:0 in der 83. Minute, das 1:0 war fünf Minuten zuvor José Giménez gelungen, er ist seit 2013 im Klub. Eine andere Säule ist der französische Stürmerstar Antoine Griezmann, gegen Juventus einer der Aktivsten, das 2:0 hatte er eingeleitet. Griezmann ist einer der bestbezahlten Fußballer der Welt - der 27-Jährige soll mittlerweile jährlich 23 Millionen Euro netto verdienen. Er spielt seit 2014 für Atlético.

Atlético zahlt das Geld, das heute nötig ist

Dass die Mannschaft über Jahre zusammengeblieben ist und eine der besten der Welt werden konnte, hat eben seinen Preis - und Atlético ist offenbar bereit, dieses Geld auszugeben: Zuletzt wurde der Vertrag mit Trainer Simeone bis 2022 verlängert, er verdient nun 20 Millionen Euro netto im Jahr. Auch Topkeeper Jan Oblak, 26 Jahre, steht vor einer langfristigen Verlängerung. Im vergangenen Sommer kam zudem das französische Toptalent Thomas Lemar, 23, von der AS Monaco, die 70 Millionen Euro Ablöse waren neuer Vereinsrekord. Auch beim vom FC Bayern umworbenen Lucas Hernández dürfte Atlético bis an seine finanzielle Schmerzgrenze gehen.

Möglich ist das, weil sich der Klub teilweise einem Investor geöffnet hat. Die chinesische Wanda Group hält 20 Prozent am Verein. Atlético ist Moderne und Identifikation zugleich.

Im Achtelfinale zählte für die Fans aber nur das Sportliche. Dort sangen sie am Ende voller Freude immer wieder "Uruguayos", in Anlehnung an die südamerikanischen Torschützen Godín und Giménez. Der Sieg war auch fürs Selbstbewusstsein wichtig: Juventus galt vor dem Start der K.-o.-Runde als aussichtsreichster Kandidat auf den Titel, und mit der teuren Verpflichtung von Ronaldo (105 Millionen Euro Ablöse, Vertrag bis 2022) hatte der Klub seinen Anspruch auf den Triumph noch einmal unterstrichen.

Doch nun braucht Juventus einen magischen Abend und weitere müssten folgen, wenn Ronaldo auch am 1. Juni wieder in der alten Heimat auf dem Rasen des Estadio Metropolitano stehen will. Dann findet hier das Endspiel der Königsklasse statt.

Atlético Madrid - Juventus 2:0 (0:0)
1:0 Giménez (78.)
2:0 Godin (83.)
Atlético Madrid: Oblak - Juanfran, Giménez, Godín, Filipe Luis - Saúl Ñíguez, Thomas (61. Lemar), Rodrigo, Koke (67. Correa) - Griezman, Diego Costa (58. Morata)
Juventus: Szczesny - de Sciglio, Bonucci, Chiellini, Alex Sandro - Betancur, Pjanic (72. Can), Matuidi (84. Cancelo) - Dybala (80. Bernadeschi), Mandzukic, Cristiano Ronaldo
Schiedsrichter: Felix Zwayer
Gelbe Karten: Diego Costa (3), Thomas (3), Griezman / Alex Sandro (3)
Zuschauer: 67.193



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
shakshirak 21.02.2019
1.
Ist Athletico nicht der Verein, der keine Ablösesummen für seine Spieler erhalten wird, weil die alle verpfändet sind? Ist das nicht der Verein, der laut Football Leaks die dunklen Praktiken zur Meisterschaft verfeinert hat? Wäre ganz gut, das auch zu erwähnen, anstatt alles dem Wunderkind Simeone zuzurechnen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/atletico-madrid-verkaufte-anteile-an-transferrechten-a-1146275.html
chiefseattle 21.02.2019
2. Klasse Spiel
... mit zwei Top-Mannschaften. Ein echter Europapokalabend!
Sophiedo 21.02.2019
3. Jubelt man nicht zu früh.
Schon ganz andere Mannschaften haben das Rückspiel vergeigt. Turin wird ein Hexenkessel.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.