Attacke auf Fandel Poulsen der Sündenbock, Spanier sauer

Plötzlich steht Herbert Fandel dort, wo er als Schiedsrichter nicht stehen will: im Mittelpunkt. Sein Spielabbruch nach der Attacke eines dänischen Fans in der EM-Qualifikationspartie Dänemark gegen Schweden wird nicht überall begrüßt. In der Nacht kam es zu zahlreichen Festnahmen.

Hamburg - Er pfiff das Finale der Champions League, wurde zum Schiedsrichter der Saison gewählt: Doch so wie nach der Fanattacke beim Spiel Dänemark gegen Schweden stand Herbert Fandel noch nie Rampenlicht. Allerdings hätte sich der deutsche Schiedsrichter das Aufsehen rund um die EM-Qualifikationspartie gerne erspart. "Ich hoffe natürlich, dass so etwas in Zukunft nicht mehr passiert. Denn nach solchen Gewaltausbrüchen von Spielern oder kranken Menschen überlegt man schon, ob das alles noch Sinn macht", sagte Fandel nach den Vorfällen in Kopenhagen.

Trotzdem will er seine Karriere fortsetzen. "Ich bin durch und durch Sportler und will das auch noch einige Jahre bleiben", sagte der Referee. Fandel hatte das Spiel in der 89. Minute beim Stand von 3:3 abgebrochen, nachdem ihn ein Fan auf dem Spielfeld attackiert hatte. Zuvor hatte der frühere Schalker Bundesliga-Profi Christian Poulsen nach einem Faustschlag gegen den Bremer Stürmer Markus Rosenberg die Rote Karte gesehen, zudem verhängte Fandel einen Strafstoß gegen Dänemark.

Noch bevor dieser ausgeführt wurde, kam es zum Übergriff des Anhängers. Fandel pfiff die Partie sofort ab und flüchtete in die Kabine. "Der Auslöser war die Tätlichkeit des Spielers Poulsen hinter meinem Rücken, die mir mein Assistent angezeigt hat. Die Folge war eine Rote Karte und ein Strafstoß. Dann kam ein Zuschauer aus einem problematischen Fanbereich, der vorher schon auffällig geworden war, auf mich zugestürmt. Noch bevor mich zwei dänische Spieler schützen konnten, wurde ich von dem Zuschauer mit dem Arm am Hals getroffen", schilderte Fandel die Szene.

Der Täter, ein 29-jähriger Däne, war offenbar völlig betrunken. Im Verhör gab er an, sich "nicht an den Vorfall erinnern" zu können, da er im Laufe des Abends "15 bis 20 Bier getrunken" habe. Sein Gedächtnis gebe lediglich her, dass er sich "unglaublich über den Schiedsrichter geärgert" habe. Laut Staatsanwaltschaft drohen dem Angreifer bis zu drei Monate Haft.

Der Sündenbock ist jedoch ein anderer: "Was Christian (Poulsen, d. Red.) getan hat, ist unverzeihlich", sagte Dänemarks Trainer Morten Olsen. Schon früher war der 47-fache Nationalspieler durch provozierendes Auftreten und unfaire Fouls unangenehm aufgefallen. "Das war ein ganz, ganz schwarzer Tag für uns, da kann ich schon gar nicht mehr über Fußball reden", sagte Olsen. Und sein Kapitän Jon Dahl Tomasson ergänzte: "Klar haben wir Verständnis für diese Entscheidung des Schiedsrichters. Diese letzen Minuten überschatten alles andere", sagte Tomasson.

"Idiotischer geht es einfach nicht mehr", befand die Zeitung "Ekstra Bladet" am Sonntag. Auch die Presse in Spanien, einem Gruppengegner der Skandinavier, reagierte auf die Attacke: "Der Faustschlag, der gegen den Unparteiischen gerichtet war, trifft Spanien", titelte das Madrider Sportblatt "Marca". "Die Selección kann Schweden nun kaum noch einholen und muss auf Gedeih und Verderb mit Nordirland um den zweiten Platz kämpfen."

Spaniens Nationalmannschaft sieht sich als Leidtragende des Spielabbruchs. "Für uns wäre es das Beste, wenn das abgebrochene EM-Qualifikationsspiel in der 89. Minute wieder aufgenommen würde und der dänische Torwart den fälligen Elfmeter hielte", sagte der spanische Nationaltrainer Luis Aragonés.

Ein Remis im Duell der Gruppenrivalen wäre für die Spanier ein Wunschergebnis gewesen. Nun geht man in Spanien davon aus, dass die Partie am Grünen Tisch mit 3:0 für Schweden gewertet wird. Spanien läge in diesem Fall in der Tabelle der Qualifikationsgruppe F vier Punkte hinter Schweden und einen hinter Nordirland auf Rang drei.

Und auch wenn im Nachhinein keinen Unterschied macht, Schwedens Trainer Lars Lagerbäck hätte sich die drei Punkte für seine Elf anders gewünscht: "Eine sportliche Entscheidung wäre mir lieber gewesen. Es wurde ja niemand verletzt." Für Fifa-Schiedsrichter Fandel gab es nach eigener Ansicht keine Alternative zum Abbruch. "Nach einem tätlichen Angriff gegen den Schiedsrichter muss das Spiel abgebrochen werden", sagte Fandel, und erhielt Rückendeckung von Lehrwart Eugen Strigel: "Die Reaktion war richtig. So lehren wir es."

32 Festnahmen in Kopenhagen

Die Reaktion einiger Fans war weniger vorbildlich: Die Kopenhagener Polizei musste in der Nacht zum Sonntag 32 Beteiligte an Schlägereien festnehmen. Die Polizei hatte jedoch Schlimmeres befürchtet: Die Nacht sei vergleichsweise ruhig verlaufen, sagte ein Sprecher.

Die Wertung der Spiels liegt nun in den Händen der Europäischen Fußball-Union (Uefa), deren Disziplinarkommission vor einer Entscheidung die Berichte Fandels und der Delegierten auswerten will. Da die Beweislage klar erscheint, dürfte das Spiel zu Gunsten der Schweden gewertet werden. "Wir können dazu allerdings keine Einschätzung abgeben. Für die Schiedrichter endet die Sache mit dem Verlassen des Platzes. Der Rest ist Sache der Uefa", erklärte Strigel.

Fandel jedenfalls hat seinen Teil zur Aufklärung der Vorfälle, die laut Olsen als "schwarzer Tag für den dänischen Fußball" in die Geschichte eingehen werden, bereits beigetragen. "Ich habe meinen Bericht noch am Samstagabend zur Uefa geschickt. Ich muss aber auch sagen, dass die dänischen Vertreter sehr fair waren und sich mehrfach für den Vorfall entschuldigt haben", erklärte Fandel, der bei den EM-Qualifikationspartien am Mittwoch nicht zum Einsatz kommt und erst einmal eine Pause einlegen wird: "Ich denke, das ist gut so."

fpf/sid/dpa

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