Aufsteiger Karlsruhe "Die Sucht war riesig"

Karlsruhe feiert: Der badische Sportclub kehrt nach neun Jahren zurück in die Erste Liga. Dort will es der KSC seinen Vorgängern VfL Bochum und Energie Cottbus nachmachen. Doch ein Überbleibsel aus schlechten Zeiten belastet die ansonsten euphorische Stimmung im Verein.


Karlsruhe - Wann sich die letzten Profis des Karlsruher SC von der Party in ihrer Stammdisco Rockaticki auf den Heimweg gemacht haben, ist nicht genau überliefert. Sicher ist jedoch, dass es kein Fußballer des Bundesliga-Aufsteigers heute zum ursprünglich für 9.30 Uhr angesetzten Training geschafft hat.

Innenverteidiger Maik Franz hatte das kollektive Schwänzen bereits nach dem 1:0 gegen die SpVgg Unterhaching und der damit sicheren Rückkehr in die Erste Liga nach 3277 Tagen Abwesenheit angekündigt: "Der Trainer kann gern ein Training ansetzen, es wird aber niemand kommen. Wir machen die Nacht zum Tag."

KSC-Spieler gestern nach dem Sieg über Unterhaching: "Wir machen die Nacht zum Tag"
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KSC-Spieler gestern nach dem Sieg über Unterhaching: "Wir machen die Nacht zum Tag"

Es brauchte auch niemand zu kommen, denn Erfolgscoach Edmund Becker war von den Feierlichkeiten des Teams mit den 29.500 Anhängern im Wildparkstadion derart beeindruckt, dass er seinen Profis entgegen seiner eigentlichen Pläne zwei freie Tage spendierte. "Die Sucht nach Erstligafußball war riesig", erklärte Becker, der von den Fans eigens mit einer Choreographie gefeierte wurde. Nach dem Abstieg 1998 war der Verein 2000 sogar in der Regionalliga gelandet.

Doch auch im Triumph blieb sich der bodenständige Trainer treu und richtete den Blick schon wieder auf die kommenden Aufgaben. "Die drei Aufsteiger vom Vorjahr haben uns vorgemacht, dass man mit einer intakten Mannschaft und punktuellen Verstärkungen durchaus in der ersten Liga mithalten kann", sagte Becker in Anlehnung an den VfL Bochum, Energie Cottbus und Alemannia Aachen. "Es passt überall im Club. Hier sind keine Profilneurotiker am Werk. Deshalb ist der Aufstieg der Verdienst aller Beteiligten. Ich bin sicher, dass es uns gelingen wird, eine konkurrenzfähige Mannschaft für die Bundesliga zusammenzustellen", sagte Becker, der 15 Jahre als Assistenz- und Amateurtrainer beim KSC gearbeitet hatte, bevor er im Januar 2005 zum Chefcoach befördert wurde.

Für die Arbeit gibt es nun Lob von allen Seiten. In die Liste der Gratulanten reihte sich auch Bundestrainer Joachim Löw ein. "Der KSC steigt völlig verdient auf. Über die gesamte Saison waren die Karlsruher die beste Mannschaft", erklärte Löw.

Auf den Lobeshymnen will sich Becker, der die Feierlichkeiten nur genehmigte, weil es im kommenden Spiel am Freitag (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gegen Erzgebirge Aue für keines der beiden Teams noch um etwas geht ("Wir wollen uns nichts nachsagen lassen"), aber nicht ausruhen. Deshalb arbeiten der Trainer, Manager Rolf Dohmen, Präsident Hubert H. Raase sowie die Vizepräsidenten Michael Steidl und Rainer Schütterle bereits mit Hochdruck an den Vorbereitungen für die kommende Saison.

Angesichts des angepeilten Mini-Etats von 13 Millionen Euro kann Dohmen jedoch nicht auf große Einkaufstour gehen. "Wir werden es wieder so machen müssen wie in der zweiten Liga: Es wird vor allem auf die mannschaftliche Geschlossenheit ankommen", sagte er. Als Vorbild können die Bochumer gelten. Die Mannschaft von Trainer Marcel Koller startete ebenfalls mit einem Etat von 13 Millionen Euro in der erste Liga und gilt nun bereits drei Spieltage vor Schluss als gerettet.

Der Profikader soll 22 Spieler umfassen. Neben den bereits sicheren Neuzugängen Christopher Reinhard (Eintracht Frankfurt), Christian Timm (SpVgg Greuther Fürth) und Stefan Buck (SpVgg Unterhaching) stehen die Karlsruher auch mit Andreas Görlitz von Rekordmeister Bayern München in Kontakt. Der KSC möchte den Rechtsverteidiger gerne ausleihen.

Der veranschlagte Zuschauerschnitt liegt bei 27.000, die Tickets werden im Schnitt um 30 Prozent teurer. Im Stadion, das ab Sommer 2008 in eine reine Fußball-Arena umgebaut wird, muss gemäß den Auflagen der Deutschen Fußball Liga (DFL) eine Rasenheizung installiert werden. Noch streitet der KSC allerdings mit der Stadt um die künftige Stadionmiete. 2,25 Millionen Euro will der Verein pro Jahr zahlen, die Kommune verlangt aber 800.000 Euro mehr.

In einem Punkt der Planungen müssen die Badener für die Sünden der Vergangenheit büßen. Obwohl die Einnahmen des KSC aus der Fernsehvermarktung von 4,7 auf 13 Millionen Euro steigen, kann der Club nicht in vollem Umfang über das Geld verfügen. 15 Prozent des Geldes gehen an den Medienunternehmer Michael Kölmel, der dem KSC im März 2000 rund 7,5 Millionen Euro zur Abwendung der drohenden Insolvenz zur Verfügung gestellt hatte, sich im Gegenzug aber auf unbestimmte Zeit den Anteil an den TV-Geldern zusichern ließ.

fpf/sid/dpa



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