Aufsteiger Mainz 05 Karnevalsclub mit Konzept

Vom Abstiegskandidaten zum Überraschungsteam - Mainz 05 brachte zuletzt sogar Meister Wolfsburg an den Rand einer Niederlage. Mit dem jüngsten Trainer und dem besten Vorbereiter der Liga sammelt der Club fleißig Punkte für den Klassenerhalt - und legt langsam das Niedlich-Image ab.

Mainzer Regisseur Ivanschitz: Kreativität und Inspiration
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Mainzer Regisseur Ivanschitz: Kreativität und Inspiration

Von Christoph Biermann


18 ist in der Bundesliga eine bedrohliche Zahl, denn sie steht für den letzten Platz in der Tabelle. Genau dort hatten viele FSV Mainz 05 erwartet, doch nach dem elften Spieltag steht die Zahl 18 für die Punkte, die der Aufsteiger bislang schon sammeln konnte. Das ist nur ein Zähler weniger, als der FC Bayern und mehr als zehn andere Bundesligisten bislang verbucht haben. Auch wenn der unverhoffte Höhenflug des FC Schalke 04 spektakulärer oder die Tiefenbohrungen von Hertha BSC dramatischer sein mögen: Die Überraschungsmannschaft dieser Saison heißt bislang Mainz 05.

Dabei ist wohl selten ein Team unter schlechteren Vorzeichen in eine Spielzeit gestartet. Vor dem Auftakt gegen Bayer Leverkusen blickte der Aufsteiger auf eine katastrophale Vorbereitung mit epidemischer Verletzungsserie. Zum Start fehlten dann sechs nominelle Stammspieler, überdies hatte der Club fünf Tage vorher auch noch den Aufstiegstrainer Jörn Andersen entlassen und dafür den 35-jährigen Coach der A-Jugend, Thomas Tuchel, mit der Aufgabe betreut. Thomas wer? Selbst für treue Anhänger des Clubs klang das so, als sei der Abstieg schon besiegelt, bevor es losgegangen war.

Erzwungenes Glück

Sicher, die Mainzer wurden für die katastrophale Vorbereitung in einigen Spielen durch die Gunst des Schicksals entschädigt. Gleich zum Saisonauftakt heillos gegen Leverkusen unterlegen, verpasste Bayer die Gelegenheit, einen hohen Vorsprung herauszuschießen, als der Aufsteiger nach unberechtigtem Freistoß noch ausglich. Beim Heimsieg gegen Hoffenheim profitierte Mainz ebenfalls von Fehlentscheidungen. Den Sieg über die Bayern brachten sie höchst glücklich über die Zeit. Beim Erfolg in Bochum halfen die dortigen Fans mit, als sie unbedingt den Heimtrainer stürzen wollten.

Trotzdem wäre der Eindruck falsch, dass sich Mainz 05 wie ein Roulettespieler mit unerklärlicher Glückssträhne durch die Saison zockt. Denn die Mannschaft von Tuchel erzwingt dieses Glück auf vorbildliche Weise. Sie arbeitet gut organisiert, kaum nachlassend gegen den Ball und lässt auch nach Rückschlägen selten den Kopf hängen. Außerdem steckt mehr spielerische Qualität in der Mannschaft, als zu vermuten war, obwohl Neuzugänge wie Eugen Polanski und Filip Trojan wegen langwieriger Verletzung überhaupt noch keine Rolle spielten. Doch der Österreicher Andreas Ivanschitz, als derzeit bester Vorbereiter der Bundesliga und sechsfacher Torschütze, ist einer der besten Transfers überhaupt. Denn er gibt seiner Mannschaft genau jene Kreativität, die sie von einem zähen zu einem mitunter auch inspirierten Gegner macht.

Realistische Erwartungen, stabile Identität

Die Spielweise unter Tuchel unterscheidet sich wenig von der unter Jürgen Klopp, sie steht für Kontinuität. Mainz 05 ist es im Laufe der vergangenen Jahre gelungen, als Club eine stabile fußballkulturelle Identität zu entwickeln. Dazu gehört einerseits ein erkennbarer Stil auf dem Platz und eine vergleichweise sichere Hand bei der Auswahl passender Profis. Zugleich versteht es die Vereinsführung, keine falschen Erwartungen zu wecken, und das Publikum fordert ebenfalls nicht Unmögliches. Die Idee vom trotzigen Karnevalsverein lebt noch immer, und das ist eine große Managementleistung.

Die Zeiten der Niedlichkeit sind bei Mainz 05 in der vierten Bundesliga-Saison des Clubs aber längst vorbei. Er hat seine Infrastruktur kontinuierlich verbessert, steht in der Nachwuchsarbeit inzwischen gut da, und wenn das neue Stadion im Laufe der kommenden Saison fertig ist, werden die wirtschaftlichen Spielräume größer. Bis dahin wird sich für Mainz 05 an der Außenseiterrolle nicht viel ändern. Auch in der kommenden Spielzeit werden sie vermutlich wieder vielfach als Abstiegskandidat getippt. Aber die Sensation ist ja, dass es dann vermutlich um den Klassenerhalt geht und nicht um den Wiederaufstieg in die Bundesliga.

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Matyaz 04.08.2009
1. Was für eine gewagte Prognose!
Tolle Prognose: man nehme alle Aufsteiger sowie die 2 schlechtplatziertesten Bundeligisten der letzten Saison, die noch die Klasse halten konnten -und komplett sind die Abstiegskandidaten. Dass Nürnberg und Freiburg eingespielte und spielstarke Mannschaften sind bleibt da ebenso unberücksichtigt wie der stattliche Gladbacher Etat, der immer noch den ein oder anderen Noteinkauf zulässt, sollte es brenzlig werden. Meiner Meinung nach werden neben Mainz und Bochum eher Vereine wie Hannover,Frankfurt, Köln oder gar Berlin erhebliche Probleme mit dem Klassenerhalt haben.
frubi 04.08.2009
2.
Zitat von MatyazTolle Prognose: man nehme alle Aufsteiger sowie die 2 schlechtplatziertesten Bundeligisten der letzten Saison, die noch die Klasse halten konnten -und komplett sind die Abstiegskandidaten. Dass Nürnberg und Freiburg eingespielte und spielstarke Mannschaften sind bleibt da ebenso unberücksichtigt wie der stattliche Gladbacher Etat, der immer noch den ein oder anderen Noteinkauf zulässt, sollte es brenzlig werden. Meiner Meinung nach werden neben Mainz und Bochum eher Vereine wie Hannover,Frankfurt, Köln oder gar Berlin erhebliche Probleme mit dem Klassenerhalt haben.
Frankfurt und Hannover sind bei mir auch die ersten Kandidaten für eine Trainerentlassung. Ich hoffe zwar, dass so viele Trainer wie möglich im Amt bleiben aber man kennt ja das beliebte Trainerhopping. Skibbe und Hecking sind definitv die schwächsten Trainer. Viele schwerer ist die Frage: Wer wird der neue "Spieler der Saison"?? Wenn Carlos Eduardo seinen Nerven ein bisschen besser im Griff hat könnte er den Platz von Diego einnehmen. Özil könnte ebenfalls einschlagen. Aber ansonsten fällt mir aussser Ribery keiner mehr ein, der dieses Jahr richtig einschlagen könnte. Spannend wird der Kampf um die Plätze zur WM 2010. Für mich stehen bisher nur 5-7 Spieler fest. Der Rest kann sich noch Grundlegend ändern. Wie entwickeln sich unsere U21 Europameister? Werden Marin und Özil das neue Mittelfeld-Traumpaar?
yoshitsune 04.08.2009
3. SGE wird nicht absteigen
Ich glaube kaum, dass die Eintracht absteigen wird. Der Derby-Pokal-Erfolg wird fuer genuegend Aufwind bis zum Ende der Saison reichen. Wobei man aber ja auch aus leidvoller Erfahrung weiss, dass eine stark beginnende Eintracht meistens zum Ende der Saison zum Katastrophalen tendiert. Sagte der Eintracht-Fan. ;-)
Tail on the Donkey 04.08.2009
4.
Tja, da kann ich mir meinen Beitrag ja fast sparen: Hannover, Frankfurt und Köln sind auch bei mir ganz heiße Kandidaten auf einen Ausflug in die Zweitklassigkeit. Was Mainz angeht, nun, da scheinen Prognosen selbst von 12 Uhr bis Mittag zu weit gegriffen, zwischen gesichertem Mittelfeld und "am 11.11. bereits rechnerisch abgestiegen" erscheint alles möglich. Bochum seh ich auch stark gefährdet, Nürnberg und Freiburg haben dagegen das Potenzial, mit dem Abstieg nichts zu tun zu haben. Da die Saison ja nun unmittelbar vor der Tür steht und die wesentlichen Transferentscheidungen durch sein dürften, könnte sich das Ganze am Ende so darstellen: 1. München (akzeptabler Start, in der Rückrunde nicht zu stoppen) 2. Hamburg (es kommen leichtere Aufgaben als Düsseldorf) 3. Stuttgart (die Osteuropa-Fraktion schlägt voll ein) 4. Bremen (Wundertüte, allerdings diesmal mit direkter int. Quali) 5. Dortmund (auf dem Weg nach oben) 6. Wolfsburg (Niveau der letzten Saison kann nicht ganz gehalten werden) 7. Schalke (Altintop schießt zu viele Freistöße) 8. Leverkusen (kann ehrlich gesagt auch 2ter werden) 9. Hoffenheim (kennt die eigentlich noch jemand? Und was ist Rangnick?) 10. Nürnberg (die spielen einen tollen Kombinationsfußball) 11. Berlin (mehr ist kaum drin) 12. Gladbach (die Verstärkungen sehen auf den ersten Blick tauglich aus) 13. Freiburg (gemeinsam mit Nürnberg auf jeden Fall Buli-tauglich) 14. Frankfurt (hier wirds dagegen ganz eng) 15. Köln (Poldi wird sogar einschlagen, am Rest allerdings haperts) 16. Mainz (irgendwas von 14-18, Tendenz Abstiegskampf pur) 17. Hannover (ich hab da ne verdammt miese Saison im Urin) 18. Bochum (die Unabsteigbaren sind mal wieder dran) Irrtümer um 1-2 Positionen nicht ausgeschlossen, allerdings sei der Kreis der Titelanwärter mit den ersten 2, der int. Plätze mit einschließlich Wolfsburg + Leverkusen und der Abstiegskandidaten ab Frankfurt umrissen. Und jetz wird's Zeit, dass' endlich wieder los geht! :-)
Toradac 04.08.2009
5. In erster Linie erwarte ich...
Zitat von sysopMission Titelverteidigung in Wolfsburg, das Magath-System auf Schalke und die verstärkten Bayern: Was erwarten Sie von der neuen Bundesliga-Saison? Wer holt den Titel? Wer steigt ab? Diskutieren Sie mit.
...eine spannende Saison, auch wenn mir klar ist, daß die letzte kaum zu wiederholen sein wird. Titelfavoriten sind für mich der FC Bayern (schon fast ein Naturgesetz), der Vfl Wolfsburg (der es geschafft hat, seine Meistermannschaft zusammenzuhalten und sogar noch zu verstärken), der Hamburger SV (der m.E. gut eingekauft hat) sowie eine Überraschungsmannschaft (könnte in diesem Jahr Leverkusen oder Werder Bremen sein). Um die internationalen Startplätze kämpfen außerdem noch der VfB Stuttgart, Schalke (wenn Magath einschlägt), Hoffenheim und vielleicht auch noch Borussia Dortmund. Die "Weder-Fisch-noch-Fleisch-Franktion", bei der nach oben nichts geht und die mit dem Abstieg nicht viel zu tun haben, besteht aus Köln, Hertha, Nürnberg und Frankfurt. Außer Nürnberg (die ich für sehr spielstark halte) haben naturgemäß die Aufsteiger die größten Probleme, den Abstieg zu verhindern, bei Mainz wird es durch den gestrigen Trainerwechsel noch verschlimmert, Freiburg schätze ich etwas stärker ein, aber auch die müssen sich strecken. Auf Hannover und den Vfl Bochum kommt eine ganz schwere Saison zu, beide müssen ebenfalls bis zum Ende zittern. Am wenigsten kann ich in dieser Saison Mönchengladbach einschätzen, entweder früh im gesicherten Mittelfeld oder aber auch kämpfen bis zum Schluß um den Klassenerhalt. Lassen wir uns überraschen - Freitag geht's endlich wieder los!
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