Aus für Fanfreundschaften Amigos auf getrennten Wegen

Es war eine tiefe Freundschaft. Fans von Bayern München und des VfL Bochum gaben sich lange Jahre einander hin. Aber im Fußball ist es manchmal wie im richtigen Leben. Gefühle lassen nach, die Beziehung kriselt. So werden die VfL-Fans am Sonntag beim Aufeinandertreffen wieder skandieren: "Zieht den Bayern die Lederhosen aus!"

Von Andreas Kröner


Bayern-Fans: "Wir können nicht vorschreiben, mit wem sie befreundet sind"
DDP

Bayern-Fans: "Wir können nicht vorschreiben, mit wem sie befreundet sind"

An jenem Samstagnachmittag im Jahr 1973 hilft es den Anhängern des Bayern-Fanclubs "Südkurve" wenig, dass ihre Mannschaft im Bochumer Ruhrstadion mal wieder gewonnen hat. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof pöbeln enttäuschte VfL-Zuschauer die Fans des bayerischen Serienmeisters an. Beleidigungen und erste Handgreiflichkeiten sind Anzeichen für eine bevorstehende Keilerei - und die Männer mit roten Schals und Trikots sind klar in der Unterzahl.

Aber plötzlich geschieht ein Wunder: Eine vorbeilaufende Gruppe des ältesten VfL-Fanclubs "Bochumer Jungen" geht zwischen die Fronten, weist ihre prügelwilligen Kollegen in die Schranken und fordert die verdutzen Münchner auf: "Kommt mit uns 'inne Kneipe, wir trinken mit euch einen und beschützen euch!" Es entwickelt sich ein feuchtfröhlicher Abend, an dessen Ende die bayerischen Schlachtenbummler betrunken, aber unversehrt in den Zug Richtung Süden steigen. Im Rückspiel laufen die Bochumer Fans mit dem Plakat "Der VfL grüßt München" im Olympiastadion auf. Eine der bekanntesten Fanfreundschaften der Bundesliga hat begonnen.

Ende der achtziger Jahre erreicht die Freundschaft ihren Höhepunkt. Die Fangruppen treffen sich bereits am Morgen vor dem Spiel, frühstücken, trinken zur Einstimmung ein paar Bier und marschieren gemeinsam ins Stadion. Nach der Partie geht die Feier weiter und die Heimreise verschiebt sich meistens bis Sonntagnacht. Spielt der VfL im Süden Deutschlands, wird er von zahlreichen Bayern-Fans unterstützt, gleiches gilt für den FC Bayern im Westen der Republik.

Streitfall Hashemian (oben): "Der FC Bayern kauft aufstrebenden Mannschaften wichtige Spieler weg"
AP

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Doch nun ist alles vorbei. "Mit den Bayern hat es nicht mehr geklappt", sagt Dirk Michalowski, seit 2003 hauptamtlicher Fanbeauftragter des VfL Bochum, der am Sonntag um 17.30 Uhr die Bayern empfängt (Liveticker SPIEGEL ONLINE). Schon Ende der neunziger Jahre wurden gemeinsame Aktivitäten immer seltener, mittlerweile hat man die Freundschaft endgültig begraben. "Wir haben einfach gemerkt, dass beide Vereine gar nicht so gut miteinander können. Es gibt zu viele Unterschiede: Wir steigen auch mal ab und sind im Tabellenkeller. Die Bayern spielen Champions League", erklärt Michalowki, "außerdem war und ist es für jeden VfL-Fan das Schönste, gegen Bayern zu gewinnen."

Die Hauptgründe für das Ende der westfälisch-bayerischen Liebesbeziehung liegen jedoch vor allem jenseits des Platzes. "Wir haben aus München, speziell von Uli Hoeneß oder Karl-Heinz Rummenigge, nie etwas Gutes über den VfL gehört. Man sagte, Bochum solle lieber in der zweiten Liga spielen, weil wir zu wenig Zuschauer zu Auswärtsspielen mitbringen", erinnert sich Michaloswki. Seit Peter Neururer 2001 Trainer in Bochum ist und sich regelmäßig mediale Scharmützel mit dem übermächtigen Kontrahenten aus München liefert, hat sich die Situation weiter zugespitzt.

"Außerdem haben neben der Vereinsführung auch viele eingefleischte Münchner Fans von dieser Freundschaft nie viel gehalten", behauptet der VfL-Fanbeauftragte. Als er vor einer Bundesligapartie anfragte, wann und wo vormittags das traditionelle Fußballspiel zwischen Bochum- und Bayern-Fans stattfindet, erhält er die plumpe Antwort: "Wir haben keinen Platz zur Verfügung."

"Alles so Kleinigkeiten und Possen, die am Schluss zusammengekommen sind", resümiert Michalowki. Die Produktion des Freundschafs-Fanschals wurde wegen rechtlicher Streitigkeiten um die Vereinswappen eingestellt. Der Transfer von Vahid Hashemian vor Saisonbeginn vom VfL nach München hat sein Übriges getan: "Viele sahen ihr Bild vom FC Bayern bestärkt: Ein Verein, der aufstrebenden Mannschaften wichtige Spieler wegkauft, obwohl er mit ihnen eigentlich gar nichts anfangen kann." Nach Karlsruhe und Leverkusen hat der FC Bayern mit seiner Transferstrategie nun auch den Bochumer Höhenflug gestoppt: Hashemian, letztes Jahr mit 16 Treffern maßgeblich an Bochums fünftem Platz beteiligt, sitzt in München zwar trotz Verletzungssorgen nur auf der Bank. Beim VfL hat er jedoch eine solch große Lücke hinterlassen, dass der Verein nun gegen den Abstieg kämpft.

Anhänger des VfL Bochum: Viele Probleme im Ruhrgebiet
DPA

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Raimond Aumann, langjähriger Bayern-Torwart und seit 1996 Fan-Beauftragter des Rekordmeisters, will auf die Vorwürfe aus Bochum nicht eingehen. Generell sei man in München der Meinung, dass sich Fanfreundschaften "von alleine" ergeben müssen: "Wir haben derzeit 2110 Fanclubs, den können wir nicht vorschreiben, mit wem sie befreundet sind." Dass es keine großen Fanfreundschaften wie in der Boomphase zwischen 1970 und 1990 gibt, liegt Aumann zu Folge "sicherlich auch an der Gesellschaft. Die Menschen wollen heute individuell entscheiden. Da kann man keinem von oben etwas aufzwingen. Jeder entscheidet für sich."

In diesem Punkt herrscht Einigkeit. "Die typischen Fanfreundschaften wie in der siebziger und achtziger Jahren gibt es nicht mehr", beobachtet auch Bochums Ober-Fan Michalowki: "In den vergangenen 10 bis 15 Jahren hat sich die Fanszene in allen Stadien elementar geändert." Jüngere Anhänger fühlen sich an die alten Fanverbindungen nicht mehr gebunden und halten das Ganze für ein nostalgisches Relikt. "Heute gibt es Ultras und viele einzelne Gruppen, die zu ihrem Verein stehen, aber keine Freundschaften wollen", weiß der VfL-Fanbeauftragte.

Und so gehen nicht nur die Fans des FC Bayern und des VfL Bochum getrennte Wege. Auch andere Konstellationen erwiesen sich nicht als dauerhaft. Borussia Dortmund war einst mit 1860 München, Hamburg und Freiburg befreundet, Stuttgart mit Leverkusen und Frankfurt. Der HSV fraternisierte zudem mit Bielefeld, Bremen mit Rot-Weiß Essen und Hertha BSC hielt zum Karlsruher SC. Aktive Fanfreundschaften wie zwischen Nürnberg und Schalke sind inzwischen die Ausnahme. Wenn überhaupt, bestehen noch Kontakte zwischen einzelnen Gruppierungen.



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