Aus für Trainer Sorg Ende des Freiburger Idylls

Der Trainerposten in Freiburg war jahrelang der gemütlichste der Bundesliga. Mit der Trennung von Coach Marcus Sorg ist das vorbei. Überraschend an diesem Schritt war allerdings lediglich der Zeitpunkt - der Trainer wirkte von Beginn an überfordert. 

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Das letzte Mal, dass beim SC Freiburg ein Trainer vorzeitig gehen musste, war kurz nach dem Mauerfall. Im November 1989 trennte sich der Club von Uwe Ehret. Der SC hat seitdem das Image eines Clubs, in dem die Trainer ruhig und unbehelligt von der großen Öffentlichkeit ihren Job tun können, der gemütlichste Arbeitsplatz der Bundesliga. Dass sich der Verein dennoch jetzt von dem erst vor einem halben Jahr verpflichteten Marcus Sorg trennte, zeigt, wie groß die Not beim Tabellenletzten ist.

Über die Weihnachtstage muss bei den Verantwortlichen die Erkenntnis gereift sein, dass mit dem artigen Sorg die Aussichten auf eine Trendwende denkbar schlecht waren. "Marcus Sorg hat hier gute Arbeit geleistet", sagte Sportdirektor Dirk Dufner, aber es klang sehr wie: Er hat sich bemüht.

Der 46-Jährige, der in Freiburg die Nachfolge der ebenso charismatischen wie eigenwilligen Trainerpersönlichkeiten Volker Finke und Robin Dutt angetreten hat, war letztlich zu profillos, um eine neue Trainer-Ära im Breisgau einzuläuten. Sorg, im Sommer vom Trainer der zweiten Mannschaft zum Chefcoach befördert, ist ein fleißiger und ehrgeiziger Arbeiter, aber am Ende des Tages doch nur ein Mann für die zweite Reihe. Sein Training galt als begrenzt kreativ, mit dem Projekt Bundesliga wirkte er überfordert. In der Öffentlichkeit behalf sich Sorg gerne mit Floskeln aus dem Fußballvokabular. Für die ansässigen Journalisten, die sich über die Jahrzehnte an die kantigen Finke und Dutt gewöhnt hatten, wurden die Pressekonferenzen zu lästigen Pflichtübungen ohne großen Erkenntniswert.

Zeitpunkt der Trennung war überraschend

Trotzdem kam der jetzige Zeitpunkt der Trennung für viele überraschend. Selbst auf der Website des Vereins wurde immer noch fröhlich verkündet: "Neues Jahr, neues Glück: Am 2. Januar wird das Trainerteam um Chefcoach Marcus Sorg die Profis zur ersten Trainingseinheit 2012 begrüßen", als vor der Presse längst Sorgs Nachfolger Christian Streich vorgestellt wurde. Präsident Fritz Keller hatte noch nach dem 1:4-Hinrundenabschluss gegen Meister Borussia Dortmund verkündet: "Die Person des Trainers ist kein Thema." Und da dies in Freiburg immer so war, wurde dem Präsidenten das auch so geglaubt.

Auch dass der Club erst in der Vorwoche angekündigt hatte, sich von sechs Profis aus dem Kader zu trennen, war allgemein als Stärkung von Sorgs Position verstanden worden. Für gewaltige Unruhe hatte die Maßnahme allerdings schon gesorgt. Vor allem die Tatsache, dass zu den sechs Spielern auch der allgemein geschätzte Kapitän Heiko Butscher gehörte, hatte hohe Wogen geschlagen, offenbar auch teamintern. Letztlich hat diese Maßnahme der Autorität des Trainers eher geschadet als genützt.

Finke und Dutt konnten das, was Sorg augenscheinlich nicht gelungen ist: Einen sportlich limitierten Kader durch Motivation und taktische Finesse auf ein Niveau zu heben, das für den Klassenerhalt in der Bundesliga mehr oder weniger ausreicht. Wenn diese besondere Fähigkeit wegfällt und die Spieler auf ihre reine sportliche Qualifikation reduziert werden, dann treten die Defizite deutlich zutage: Vor allem in der Abwehr stehen mit Oliver Barth und Pavel Krmas Akteure im aktuellen Kader mit nur eingeschränkter Bundesligatauglichkeit.

Zukunft von Torjäger Cissé ungeklärt

Im Mittelfeld fehlt ein Taktgeber, und sich im Angriff allein auf die Treffer von Torjäger Papiss Demba Cissé zu verlassen, reicht nicht mehr aus. Zumal Cissé seit langem als abwanderungswillig gilt. Mittlerweile wäre der Verein wahrscheinlich sogar froh, wenn der Senegalese in der Winterpause ein lukratives Angebot erhielte. Dann wäre zumindest genug Geld in der Kasse für zwei, drei Verstärkungen. Cissé würde dem SC ohnehin zu Beginn der Rückrunde fehlen, da er beim Afrika-Cup eingesetzt wird.

Jetzt soll es mit Christian Streich wieder jemand aus dem internen Umfeld richten. Der 46-Jährige war als Assistent stets loyal gegenüber Sorg. Dennoch wird er nicht nur von Dufner als "anderer Typ" bezeichnet. Streich gilt als Fußballbesessener, als einer, für den das Trainersein sehr viel mit Leidenschaft zu tun hat. Die SC-Verantwortlichen hoffen offenbar auf eine Art Mainz-Effekt. So wie die Beförderung des dortigen Jugendcoaches Thomas Tuchel zum Cheftrainer einen Schub auslöste, so soll der ähnlich strukturierte Streich ähnliches in Freiburg auslösen.

Der Vertrag des neuen Mannes gilt sowohl für die erste als auch für die zweite Bundesliga - das spricht für einen gewissen Realismus, den man sich in Freiburg trotz der turbulenten Ereignisse der vergangenen Tage erhalten hat. Unter Finke ist der Club schließlich auch dreimal abgestiegen und jeweils wieder in die Bundesliga zurückgekehrt. Man hat beim SC seine Erfahrungen mit dieser Situation. Panik ist im Breisgau deswegen niemals ausgebrochen.

Der Unterschied zu damals: In der Vergangenheit war dem Trainer immer zuzutrauen gewesen, eine abgestiegene Mannschaft wieder ins Oberhaus zurückzuführen. Aber Marcus Sorg ist eben kein Volker Finke.



insgesamt 4 Beiträge
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stanislaus2 29.12.2011
1. Freiburg ist Sorg los
Die Titelzeile bietet sich an.
heuwender 29.12.2011
2. ja mein Freund
hätte Sorg gesorgt,dann hätte er jetzt keine Sorgen der Herr Sorg, jetzt geht er als Leergut an den Flaschenautomaten zurück.
frank_w._abagnale 29.12.2011
3. Ziel Wiederaufstieg
Das war für uns Experten lange erwartert worden. Auch der Zeitpunkt überrascht uns Experten nicht. Der neue Trainer wird in der neuen Saison das Projekt "Wiederaufstieg" angehen müssen.
fx33 30.12.2011
4.
Zitat von frank_w._abagnaleDas war für uns Experten lange erwartert worden. Auch der Zeitpunkt überrascht uns Experten nicht. Der neue Trainer wird in der neuen Saison das Projekt "Wiederaufstieg" angehen müssen.
Beim SC Freiburg stinkt es vom Kopf her, sprich vom Management. Sportdirektor Dufner wolle Cissé nicht gehen lassen, obwohl gute Angebote vorlagen. Dafür wurde die Abwehr und das Mittelfeld nicht verstärkt, was dringend nötig gewesen wäre. Dass der Kader äußerst limitiert ist, war schon in der vergangenen Rückrunde ersichtlich. Die entscheidenden Fehler hat der Sportdirektor begangen, er sollte deshalb nicht den Trainer als Bauern opfern, sondern selbst die Konsequenzen ziehen und zurücktreten.
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