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Theaterstück "Aus": Irgendwas mit Fußball

Foto: Felix Grünschloß

Theaterstück über Ex-Profis "Konntest nur kicken, hier kannste nix"

Was passiert mit Fußballprofis nach der Karriere? Das Badische Staatstheater interviewte Ex-Profis des KSC und fand Depressive, Alkoholkranke und Spielsüchtige. Die traurigen Biografien wurden Teil eines beeindruckenden Stückes, das nun Premiere feierte.

"Super". Das Wort fällt so oft, dass schon nach wenigen Sekunden ein Verdacht aufkeimt. Und tatsächlich sind die drei Männer, die sich stolz in den Hüften wiegen, arm dran. Man hat ihnen die Adrenalin-Zufuhr gekappt, und nun dümpeln sie vor sich hin. Der Sparkassen-Filialleiter, der Finanzberater und der Betreiber eines Sportartikel-Geschäfts, das - wir ahnen es -"super" läuft.

Ehemalige Fußballprofis sind die drei Männer, und nichts würden sie lieber tun, als wieder zu spielen. Als die Helden des allwöchentlichen Stückes Profifußball, das in 90 Minuten über Sieg oder Niederlage entscheidet. Helden, die von der Tribüne aus bestaunt und bejubelt werden.

Bald wird die bürgerliche Fassade als Mimikry entzaubert, die Anzüge bleiben als Zwangs-Jacken in der Requisite, blau-weiße Trikots werden stattdessen übergezogen. Und immer wieder läuft Michel zu dem dicken roten Knopf am Bühnenrand. Er drückt ihn, lauter Stadionjubel erschallt. Auf die Ex-Kicker prasselt er herab wie warmer Sommerregen.

Am Badischen Staatstheater Karlsruhe hat Regisseur Tobias Rausch am Sonntag sein Stück "Aus" uraufgeführt. Unter den Augen von KSC-Trainer Markus Kauczinski, dessen Mannschaft tags zuvor knapp gegen den 1. FC Köln verloren hatte. Seine Spieler haben sich am Abend schon auf das nächste Spiel eingeschworen, weil auf eine Niederlage nun mal ein Sieg folgen muss.

Hier auf der Bühne stellt Gunny die Frage, die viele fast zerreißt, denen ein Kreuzbandriss oder ein jüngerer Konkurrent das Karriereende brachte. "Wohin mit dem Ehrgeiz, mit dem Selbst-Quälen?" Genau das wollte Rausch erfahren.

57 Spieler wurden deshalb je drei Stunden interviewt, 15 Gespräche davon flossen in die vier Charaktere ein, die die realen Geschichten als Kondensat verkörpern und die Vornamen der Schauspieler tragen. Drei Stunden dauerte jedes Recherche-Interview, das Theaterteam fuhr dazu nach München, Kassel oder Ellmau in Österreich, mit Gesprächspartnern in Aserbaidschan und Thailand wurde geskyped.

Häufung von zweiten Karrieren im Finanzsektor

Die Schauspieler Gunnar Schmidt, Michel Brandt, Klaus Cofalka-Adami und Florentine Krafft bestreiten das 90-Minuten-Stück einfühlsam und durchaus mit Witz. Dabei sind unter den befragten Spielern viele, die depressiv geworden sind, alkoholkrank, essgestört oder spielsüchtig, einer verübte gar einen Selbstmordversuch. "Es war natürlich Grundvoraussetzung, dass keiner der Spieler wiederzuerkennen ist", berichtet die Dramaturgin Kerstin Grübmeyer, der während der Recherche etwas aufgefallen ist: "Eine erstaunliche Häufung von zweiten Karrieren gibt es im Finanzsektor - vielleicht, weil die Konkurrenz dort bestehen bleibt? Aber auch die Möglichkeit des Scheiterns und damit das Adrenalin?"

Die Angst vorm Scheitern trieb sie alle an: Da wäre der Spieler, der lange verletzt ist und mit drei Voltaren im Körper aufläuft. Weil er weiß, was die Mitspieler von einem halten, der so lange ausfällt. Noch Jahre später scheint er nicht verwunden zu haben, dass ihn der Trainer für den Abstieg verantwortlich machte. Als bestünde eine ganze Saison aus einem einzigen Fehlpass im Rausch des Schmerzmittels.

Und da wäre der Stürmer, der vom Land kam und nicht ins Schema eines Trainers passen mochte, der seine Spieler dadurch motivieren wollte, indem er sie triezte. Der Stürmer beendete seine Karriere und ging für ein paar Wochen in ein Kloster. Ihn hätten die ausgefahrenen Ellenbogen wohl sonst vernichtet, einen anderen haben sie auf seinen jetzigen Job als Unternehmensberater vorbereitet, wie er auf der Bühne triumphierend kundtut: "Ich habe gelernt, als Einzelkämpfer zu arbeiten", sagt er. Das Prinzip "Leistung durch Angst" funktioniere hier wie dort prächtig.

"Irgendwas mit Fußball"

"Ausgesprochen unterschiedlich" hätten die Spieler ihre Karrieren verarbeitet, sagt Grübmeyer. "Es gibt welche, die sie als bereichernde, aber abgeschlossene Phase ihres Lebens begreifen. Bei anderen ist die Wehmut mit Händen zu greifen."

Einer hat seine Identität dann doch offengelegt: Edgar Schmitt, "Euro-Eddy" genannt, weil er 1993 beim 7:0-Sieg gegen Valencia vier Treffer für den Karlsruher SC erzielte. Schmitt ist einer der Reflektierten in der Branche. Einer, der sich selbst gefragt hat: Was ist eigentlich das Motiv derer, die vom Fußball nicht lassen können; die in ein Loch fallen, wenn sie nach dem Karriereende nicht "irgendwas mit Fußball" machen können - sei es als Trainer, Manager, oder Berater?

Schmitt hätte da eine Idee: "Du bist ein Hero, lebst in einer Welt, die mit dem normalen Leben nichts zu tun hat - aber dann sagen die Leute: Na, biste kein Fußballprofi mehr? Konntest nur kicken, hier kannste nix. Es gibt ein Nein, und das Nein haben wir als Fußballer nie gelernt."

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Foto: SPIEGEL ONLINE