Ausschreitungen in Italien Superstars drohen mit Wechsel ins Ausland

Als Drahtzieher hinter den Fan-Krawallen in Italien sieht die Regierung "umstürzlerische Kräfte". Allein heute wurden 18 Hooligans festgenommen. Nach den Ausschreitungen drohen die Superstars der Serie A damit, ins Ausland zu wechseln.

Hamburg - "Basta! Diese Ausschreitungen töten unseren Sport", sagte AC Mailands Brasilianer Kakà. Er drohte den Tifosi: "Die Stars werden aus Italien weggehen". Am Sonntag war das Spiel seiner Mannschaft bei Atalanta Bergamo nach wenigen Minuten wegen Ausschreitungen abgebrochen worden. Bergamos Präsident Ivan Ruggieri sagte, er sei bereit, die Fan-Kurve zu schließen. Wie viele andere Club-Chefs in Italien wird Ruggieri von seinen eigenen Fanclubs eher erpresst als unterstützt.

Kakà sagte, nach dem Spielabbruch habe in der Milan-Kabine eine erschreckte Stille geherrscht. "Weltklasse-Spieler wollen in großen Mannschaften spielen, und in Italien gibt es einige der prestigeträchtigsten Clubs der Welt. Aber die Spieler wollen auch Spaß und Enthusiasmus", sagte Kaka. Dass der Einfluss italienischer Ultras groß ist, zeigte sich bereits 1996 in Verona. Dort verhinderten Ultras die Verpflichtung des farbigen Holländers Michael Ferrier. Sie gingen mit Ku-Klux-Klan-Kapuzen ins Stadion und hängten eine überlebensgroße schwarze Stoffpuppe auf. Daran war ein Schild befestigt mit den Worten: "Negro, go away!"

Auch Italiens Nationalspieler sind die Ausschreitungen radikaler Fans leid. "Ich hatte gedacht, mit der Tötung des Polizisten Filippo Raciti im Februar in Catania sei der Tiefpunkt erreicht gewesen, aber unser Job wird immer schwieriger", sagte Nationalstürmer Vincenzo Iaquinta. Ihm geht es wie vielen Fans: "Ich würde heutzutage kein Kind mehr mit ins Stadion nehmen." Auch Nationaltrainer Roberto Donadoni verurteilte die Krawalle nach dem Tod des Lazio-Anhängers am Sonntag auf das Schärfste: "Das ist zum Kotzen!"

Die Staatsanwaltschaft in Rom geht derweil mit bislang unbekannter Härte gegen die Randalierer vor. Den bei den Fan-Krawallen in Rom festgenommenen Hooligans drohen Haftstrafen von fünf bis zehn Jahren. Möglich werden derart lange Gefängnisstrafen durch die Anklage wegen "terroristischen Aktionen". Ein gezielter und geplanter Angriff auf eine Polizeistation sei keine einfache Randale mehr, sondern Terrorismus, sagen die Staatsanwälte, die ohnehin politische Scharfmacher hinter den Randalierern vermuten.

Auch die italienische Regierung hält die Gewalt-Exzesse für gezielte und geplante terroristische Aktionen. Innenminister Giuliano Amato sprach heute von "umstürzlerischen Kreisen, die Jugendliche als bewaffnete Kämpfer gegen die Polizei einsetzen". Laut Amato wurden allein am heutigen Vormittag 18 weitere Hooligans festgenommen. Amato und die Polizei kündigten weitere Festnahmen von Hooligans an.

Nach einem Bericht des Innenministeriums sei es "offensichtlich, dass die Hooligans Propaganda für eine gewalttätige Opposition zum institutionellen System machen". Die Polizei sprach nach dem Angriff von rund 400 Hooligans auf eine Polizeikaserne in Rom von einer "fast militärischer Präzision mit einer offensichtlich einstudierten und umgesetzten Strategie".

Vier Hooligans stehen unter Terrorismus-Verdacht. Nach Angaben der Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" droht sich "eine neue politische Kraft herauszubilden", die nach dem Tod des Lazio-Fans Gabriele Sandri eine neue Geschlossenheit gefunden habe. Den Tod von Sandri durch den Schuss des Verkehrspolizisten Luigi Spaccatorella bezeichnete Innenminister Amato als "absurd und ungerecht", aber auch als "gesuchte Gelegenheit" für die Hooligans, die Polizei anzugreifen.

Laut einer Studie des Innenministeriums sind 63 Ultra-Organisationen mit 14.630 Mitgliedern mit Verbindungen zu rechtsextremen Kreisen aktiv. 35 Ultra-Gruppen mit 5275 Anhängern werden linksextremen Kreisen zugeordnet. Als besonders gefährlich wurden die Hooligans vom Erstligisten SSC Neapel, sowie der Zweitligisten Hellas Verona und Salernitana Calcio eingestuft.

Heute pilgerten Hunderten Menschen ins Zentrum von Rom, wo der Sarg mit dem Leichnam Gabriele Sandris in einem Gemeindesaal aufgebahrt wurde. Das Modegeschäft des getöteten 26-jährigen Fans wurde in den letzten Tagen zur Pilgerstätte. Hunderte von Blumen und Fans-Schals liegen vor dem Eingang. Zu der für Mittwoch geplanten Beerdigung werden Zehntausende erwartet. Das Begräbnis des 26 Jahre alten Anhängers von Lazio Rom ist morgen in Rom geplant.

Der unter dem Verdacht der fahrlässigen Tötung stehende Todesschütze gerät derweil zunehmend unter Druck. Ermittlungen lassen immer mehr den Schluss zu, dass der Polizist gezielt auf das davon fahrende Auto geschossen habe, in dem der Fan tödlich getroffen wurde. "Ich bin kein Mörder", sagte der 31-jährige Polizist.

Dass der Tod des 26-Jährigen das Ende der Gewalt bringen wird, glaubt in Italien niemand mehr. "La Gazzetta dello Sport" schrieb: "Der Virus schläft nur und wird wieder aufbrechen - mit dem nächsten Toten."

ulz/sid/dpa/rtr

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.