Ausstellung "Rundlederwelten" Willkommen im Fußball-Legoland

Sind die Deutschen schon im WM-Fieber? Ganz eindeutig, nimmt man die bisherige Resonanz auf die Berliner Ausstellung "Rundlederwelten" als Maßstab. Der positive Zuspruch ist verdient, die Schau mit Exponaten internationaler Künstler macht viel Spaß. Großer Fußball eben.

Von , Berlin


Wann wird Fußball zu Kunst? Wenn Real Madrids Roberto Carlos einen Freistoß aus 35 Metern an der Mauer vorbei ins Tor dreht? Sicherlich. Die Auftritte Ronaldinhos vom FC Barcelona in Champions League und Nationalteam? Eindeutig. Aber was ist mit dem italienischen Künstler Massimo Furlan, der die kompletten Spielzüge des WM-Finals 1982 Italien gegen Deutschland (3:1) ganz allein nachzuspielen versucht und dies mit der Videokamera aufnehmen lässt? Kunst? Oder doch nur nichts mehr als das späte Ausleben eines Kleine-Jungs-Traums?

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Rundlederwelten: Jesus im Tor

Circa 5000 Besucher haben die "Rundlederwelten" im Berliner Martin-Gropius-Bau bereits in der ersten Woche gesehen, "das hat unsere Erwartungen eindeutig übertroffen", freuen sich die Organisatoren. Die Ausstellung ist das "Herzstück des Kunst- und Kulturprogramms zur WM 2006", sagt André Heller, der Verantwortliche für alles, was kulturell und offiziell zur Großveranstaltung im nächsten Jahr zu laufen hat.

Für all die im Herzen Kind gebliebenen modernen Fußballfans bietet die Ausstellung eine Heimstatt. Alles riecht nach Coolness, nicht mehr nach Männerschweiß und ist doch vor allem ein einziges Kinderparadies. Ein Legoland für die schicken Jungs vom Prenzlauer Berg oder aus dem Hamburger Hipster-Stadtteil Ottensen.

Die Exponate sind für Fußballliebhaber und von diesen. Das italienische Künstler-Unikum Gianni Motti hat sich ein Trikot des Schweizer Traditionsvereins Xamax Neuchatel übergestreift, sich damit aufs Spielfeld und in die Startaufstellung des Teams im Spiel gegen die Young Boys Bern hineingeschmuggelt und dies auf Fotos dokumentiert. Man kann sich vorstellen, welchen Heidenspaß er dabei gehabt haben mag.

Kunstobjekt Beckenbauer: Alles riecht nach Coolness
DDP

Kunstobjekt Beckenbauer: Alles riecht nach Coolness

Vom Österreicher Josef Dobernig wurde in einem Spiel nur die Körpersprache auf der Trainerbank beobachtet und gefilmt. Der Schotte Roderick Buchanan hat unzählige Fernsehaufnahmen von Teams, die vor Spielbeginn die Nationalhymne versuchen mitzusingen, aneinander gereiht. Alles hübsche Eyecatcher. Tiefgang muss man hier nicht vermuten, der Spaßfaktor ist dagegen extrem hoch.

Überhaupt geht es launig zu im Berliner Gropius-Bau. Fußball und Politik, Fußball und Geschäft, Fußball und Gewalt - die meisten der Künstler machen um solche brisanten Themen lieber einen Bogen. Es sind nur einige wenige, die genauer hinschauen. Etwa die Deutsche Ingeborg Lüscher, die die ebenso simple wie brillante Idee hatte, die zwei schweizerischen Fußballteams Grashopper Zürich und FC St. Gallen in schnieken Businesslook zu stecken und darin gegeneinander antreten zu lassen.

So grätschen die Spieler in Anzug und Krawatte dem Gegner im Zweikampf den Ball weg - und unversehens wirkt das Spiel wie ein Sinnbild für den Konkurrenzkampf in der freien Wirtschaft. Harte Bandagen sind mehr als geduldet, es ist vieles erlaubt - bis ein Schiedsrichter einschreitet.

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WM-Poster: Das perfekte Match

Wahrscheinlich ist es aber schwer, sich Fußball auf ernsthafte Weise zu nähern. Insofern erwirbt sich "Rundlederwelten" ein echtes Verdienst. Die Ausstellung führt den Fußball auf das zurück, was er ist. Eine nette Unterhaltung, perfekte Zerstreuung, nicht weniger, aber auch nicht mehr. An der Wand hängt eine Fotomontage, fünfmal Robbie Williams im Fußballtrikot: "Let me entertain you", heißt einer seiner Hits. Zuweilen ist auch Kunst nur eine Spielwiese.


Ausstellung "Rundlederwelten"
Bis 8. Januar 2006, Berliner Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner Straße 7; Öffnungszeiten: täglich 10 bis 20 Uhr (außer dienstags); Katalog: 9,90 Euro.



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