Australiens Aus "So blind sind wir nicht"

Die Trauer bei den Australiern nach dem späten Aus durch einen umstrittenen Elfmeter gegen Italien sitzt auch bei Joshua Kennedy tief. Im Interview spricht der Nürnberger Neuzugang über den Schiedsrichter, seine geplatzte Hochzeitsreise und den Abschied von Trainer Hiddink.


Frage: Herr Kennedy, Sie sind ausgeschieden, weil der Schiedsrichter mit seinem Elfmeterpfiff daneben lag. Ist das nicht bitterer als wenn man 4:0 untergeht?

Joshua Kennedy: Vielleicht schon. Offensichtlich dachte der Schiedsrichter, er muss etwas wiedergutmachen. Nach dieser Roten Karte für den Italiener Materazzi, die ja auch keine war.

Frage: Haben Sie die beiden strittigen Szenen von der Bank aus denn so genau sehen können?

Angreifer Kennedy: "Alle ziemlich niedergeschlagen"
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Angreifer Kennedy: "Alle ziemlich niedergeschlagen"

Kennedy: Also, bei uns war da beide Male Einigkeit auf der Bank. Wir sind aufgesprungen, und es war klar: Das war niemals ein Elfmeter. So blind sind wir nun auch nicht. Aber es nützt jetzt nichts, zurück zu blicken. Klar sind im Moment alle ziemlich niedergeschlagen, aber je länger das Spiel zurückliegt, desto mehr setzt sich der Stolz auf das, was wir trotz allem erreicht haben, durch. Für jeden von uns war diese WM ein Highlight. Nur schade, dass es so zu Ende gegangen ist.

Frage: Als Francesco Totti den Elfmeter verwandelte, war es in Australien zehn vor drei Uhr morgens. Was meinen Sie – wie viele Australier waren da noch wach?

Kennedy: Fußball ist bei uns immer noch eine Randsportart, aber das entwickelt sich gerade enorm. Noch vor ein paar Jahren hätte sicher das ganze Land geschlafen. Die, die noch wach sind, sind jedenfalls sicher trotz allem stolz auf uns.

Frage: Auch heute waren wieder 15.000 Australier im Stadion – etwa viermal mehr Fans als aus Italien. Eine stolze Zahl für ein Land, das sich selbst noch als Fußball-Entwicklungsland sieht.

Kennedy: Ja, das ist wirklich unglaublich. Australier gibt es aber auch überall, so mancher Fan ist sicher auch aus England angereist. Aber die allermeisten haben wirklich den weiten Weg aus Australien hinter sich.

Frage: Wie schwer wiegt der Verlust von Guus Hiddink, der ja demnächst in Russland arbeiten wird?

Kennedy: Das werden wir sehen, er ist natürlich ein Toptrainer.

Frage: Was macht ihn denn so besonders?

Kennedy: Er vermittelt jedem Spieler Selbstbewusstsein und gibt einem das Gefühl, dass man auch gegen große Mannschaften bestehen kann. Die Chemie zwischen uns und ihm hat einfach gestimmt.

Frage: Sie stehen ab dem 1. Juli in Nürnberg unter Vertrag. Lohnt es sich noch Urlaub zu machen, oder bleiben Sie in Deutschland?

Kennedy: Das weiß ich noch nicht, ich muss das erst mit Trainer Hans Meyer absprechen. Ich hoffe aber schon, dass ich zumindest noch ein paar Tage Urlaub machen kann.

Frage: Dann könnten Sie wenigstens die Hochzeitsreise nachholen, auf die Sie wegen ihrer WM-Nominierung Verzichten mussten.

Kennedy: Leider nicht. Meine Frau ist ab Mittwoch mit ihrer Basketballmannschaft in China. Wenn ich frei habe, hat sie garantiert nicht frei. So ist das Leben. Zumindest meines.

Das Interview führte Christoph Ruf



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