Autor Esterházy "Die Hoffnung im Fußball kennt keine Grenzen"

"Alles stimmt, weil alles Dichtung ist": Der Ungar Péter Esterházy liebt Fußball und Literatur. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über sein preisgekröntes Buch "Keine Kunst", seinen Lieblingsclub Debrecen und darüber, wie er einmal Franz Beckenbauer die Hand schüttelte.

Autor Esterházy: "Ich bin der große Bruder meines kleinen Bruders"
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Autor Esterházy: "Ich bin der große Bruder meines kleinen Bruders"


SPIEGEL ONLINE: Herr Esterházy, Sie erhalten in dieser Woche den Preis "Fußballbuch des Jahres" der deutschen Akademie für Fußballkultur. Aber ist "Keine Kunst" überhaupt ein Fußballbuch?

Esterházy: Ich habe mich lange, heftig und ehrlich gegen diese Kategorisierung gewehrt, aber mit diesem Preis höre ich damit auf.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben in dem Roman Ihre Mutter als großen Fußballfan, und immer wieder tauchen in deren Nähe die großen Helden des ungarischen Fußballs auf, die 1954 gegen Deutschland im WM-Finale tragisch scheiterten. Was davon stimmt und was ist Dichtung?

Esterházy: Alles stimmt, weil alles Dichtung ist. Ich glaube definitive Erinnerungen zu haben, dass meine Mutter keine Ahnung von Fußball hatte. Aber zugleich zeigt der Fußball strahlende Momente einer Frau, die in gefährlichen Zeiten zumeist ein graues Leben führte.

SPIEGEL ONLINE: Diese gefährlichen Zeiten des Stalinismus sind zugleich die der ungarischen Wundermannschaft gewesen, wie passt das zusammen?

Esterházy: Es ist peinlich, wie immer, wenn das Schöne und das Böse zusammen erscheinen. Aber es hat nie gestimmt, dass je demokratischer ein Land ist, sein Fußball desto besser ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihr jüngerer Bruder Márton hat, das ist keine literarische Fiktion, fürs ungarische Nationalteam gespielt und 1986 sogar ein Tor gegen Brasilien erzielt. Haben Sie ihn damals bewundert?

Esterházy: Oh ja, ich tue das heute noch. Vor drei Jahren war ich schon einmal bei der Fußballakademie in Nürnberg, weil mein Buch "Deutschlandreise im Strafraum" einen dritten Platz belegt hatte. Ich durfte sogar Franz Beckenbauer die Hand schütteln. Er hat gesagt: "Ach, Sie sind der Bruder von Márton." Das ist ein schönes Gefühl, und eine schöne Selbstdefinition: Ich bin der große Bruder meines kleinen Bruders.

SPIEGEL ONLINE: Um den Fußball in Ihrem Heimatland steht es nicht mehr ganz so schlecht. VSC Debrecen hat sich für die Champions League qualifiziert und das Nationalteam zumindest noch eine kleine Chance auf die WM-Teilnahme. Geht es langsam aufwärts?

Esterházy: Ich glaube nicht, selbst wenn die Nationalmannschaft nun knapper verliert. Doch obwohl ich Patriot bin, fällt es mir schwer, länger als fünf Sekunden deren Spiele anzuschauen. Die Hoffnung aber kennt wie die Literatur keine Grenzen. Als sich Debrecen qualifiziert hat, war sofort der Gedanke da: Jetzt können wir auch Lyon, Florenz oder Liverpool schlagen. Alle!

Die Fragen stellte Christoph Biermann



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