Autorin Linde Salber "Tobago ist so ein schönes Wort"

Sie steht auf Pierre Littbarski und Uwe Seeler. Und auf Tobago. Im Interview verrät die Schriftstellerin Linde Salber, wieso sie Trinidad und Tobagos WM-Team die Daumen drückt und was die deutsche Mannschaft benötigt, um erfolgreich sein zu können.


Frage: Frau Salber, WM-Devotionalien in jedem Schaufenster und Experten auf allen Kanälen - nervt Sie die allgemeine Mobilmachung im Zeichen des Fußballs?

Salber: Irgendwie ist das bei mir noch nicht angekommen wegen Termin für Manuskriptabgabe, wegen bevorstehenden Umzugs, längerer Aufenthalte in Baumärkten und Gartenzentren, Tapetenablösen.

Autorin Salber: "Eine gewisse Dreistigkeit des Durchhaltens"

Autorin Salber: "Eine gewisse Dreistigkeit des Durchhaltens"

Frage: Nicht einen klitzkleinen WM-Artikel?

Salber: Ich habe gestern ein schwarz-rot-goldenes Fähnchen am Autobahnrand liegen gesehen. Das hätte ich gern als Trophäe aufgehoben. War aber nix mit Fußball, war von Schumi-Fans auf dem Nürburgring. Moment, für meine Coladosen-Sammlung hab ich in der Tanke eine Dose mit Klinsi und eine mit - weiß nicht mehr wem - gekauft. Schöne Exemplare! Schlanke Form, wie ein Glas Kölsch.

Frage: Was machen Sie fußballerisch eigentlich bis zum 9. Juli 2006 - flüchten, standhalten oder mitmachen?

Salber: Erster Impuls - vor dem Wahnsinn flüchten. Dann - ab und zu mal gucken. Schließlich wähle ich mir irgendeine "beste" Mannschaft und mache mit. Fast immer so bei Weltmeisterschaften.

Frage: In Einzelklausur, im Freundeskreis oder vor Großbildleinwänden: Wie werden Sie sich WM-Spiele anschauen?

Salber: Am liebsten allein. Aber das entwickelt sich ohne bestimmte Absicht weiter. Es kann zum Beispiel passieren, dass ich an einem lauen Sommerabend beim Spaziergang auf der Venloer Straße (in Köln; die Red.) in der Tür einer italienischen Kneipe stehen bleibe und für den Rest des laufenden Spiels in einer Augenblicksgemeinschaft aufgehe.

Frage: Ihr schönstes WM-Erlebnis? Und das schlimmste?

Salber: Schon verschwunden, bin selbst überrascht. Offenbar bleibt dieses Sondervergnügen nur ein passageres Phänomen. Es bleibt nicht lange bei mir.

Frage: Lothar Matthäus verdankt die Welt den herrlichen Satz: "I hope we have a little bit lucky" - ein prima WM-Motto für die Klinsmannschaft. Oder was trauen Sie "uns" zu?

Salber: Eine gewisse Dreistigkeit des Durchhaltens.

Frage: "Erfolg ist wie ein scheues Reh", weiß Franz Beckenbauer. "Der Wind muss stimmen, die Witterung, die Sterne und der Mond." Was muss alles zusammenkommen, damit die deutsche Elf im eigenen Land Erfolg hat?

Salber: Unverfrorenheit und Glück, eben elf Märchen-Dummlinge. Muss ich erläutern: der Märchenheld ist immer ein Dummling.

Frage: Kahn oder Lehmann - wenn Sie die T-Frage hätten entscheiden müssen, wer wäre bei der WM Torwart Nr. 1?

Salber: Wie kann man zwischen zwei Pferdefüßen wählen?

Frage: Also - Deutschland scheidet als Dritter hinter Polen und Ecuador in der Vorrunde aus. Skizzieren Sie "The day after".

Salber: Schlagzeile: "Ein vollendeter Gastgeber weiß, wie man sich benimmt".

Frage: Ihr Wunschfinale? Und Weltmeister wird ...?

Salber: Ich wünsche mir Trinidad und Tobago im Finale gegen Brasilien. Trinidad und Tobago gewinnt. Warum T&T? Weil Tobago so ein schönes Wort ist.

Frage: Die deutschen Frauen um Birgit Prinz und Renate Lingor wurden in den vergangenen Jahren Welt- und Europameister. Was haben die deutschen Fußballfrauen, was ihren männlichen Kollegen fehlt?

Salber: Die Liebe zum Runden, Bauchgefühl eben.

Frage: Bei Pier Paolo Pasolini war es der FC Bologna, bei Nick Hornby ist es der FC Arsenal und bei Javier Marías Real Madrid. Gibt es einen Club (egal wie groß oder prominent), der bei Ihnen Herzklopfen auszulösen vermag?

Salber: Es war einmal der HTB (Harburger Turnerbund, Harburg ist ein Hamburger Stadtteil; die Red.), ein kleines Mädchen und ein großer Junge. Ich war ungefähr neun, mein Bruder 13. Er stand im Tor, ich musste ihn begleiten; ich war überzeugt, daß er mich brauchte, denn das ganze Spiel war nur dafür da, meinen großen Bruder zu prüfen. Das fand ich hart; am liebsten hätte ich mich neben ihn ins Tor gestellt; das gegnerische Tor und den ganzen Rest fand ich weniger wichtig.

Frage: Wenn Sie ein Fußball-Allstar-Team aller Zeiten (samt Trainer!) aufstellen dürften - wer hätte bei Ihnen einen Stammplatz sicher?

Salber: Uwe Seeler, wie er damals war, und Helmut Rahn und Litti (Pierre Littbarski; die Red.).

Frage: Der Bundestrainer nach der WM 2006 heißt ...?

Salber: Oliver Kahn, denn verbissen wehrt am längsten.

Frage: Abseits ist ...

Salber: ... wenn ein Autist die Schallmauer durchbricht und vom feindlichen Radarfähnchen verpetzt wird.



insgesamt 934 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Silvia, 23.03.2006
1.
---Zitat von sysop--- Kann Deutschland Weltmeister werden? ---Zitatende--- Nichts ist unmöglich ... ;-)
morandello, 23.03.2006
2. Realitätsverlust
Die Oeffentlichkeit reagiert extremer als in lateinamerikanischen Ländern-vor der Pause Konsternation und Depression. Dieser Sieg gegen die ersatzgeschwächten Amerikaner liess plötzlich viele wieder vom WM-Titel träumen. Klinsmann leidet meiner Meinung nach unter Realitätsverlust. Deutschland ist nicht so schlecht wie es nach Italien gemacht wurde, aber auch nicht so gut wie es jetzt wieder erscheint.
Haio Forler 23.03.2006
3.
---Zitat von sysop--- Nach der Italien-Pleite folgte der hohe Sieg gegen die USA. Hat Bundestrainer Jürgen Klinsmann mit seinem Team die Kurve doch noch gekriegt? Wie sehen Sie unsere Chancen bei der kommenden WM? Kann Deutschland Weltmeister werden? ---Zitatende--- Die Kurve ist noch ziemlich lang. Zu lang.
Umberto, 23.03.2006
4.
---Zitat von sysop--- Nach der Italien-Pleite folgte der hohe Sieg gegen die USA. Hat Bundestrainer Jürgen Klinsmann mit seinem Team die Kurve doch noch gekriegt? Wie sehen Sie unsere Chancen bei der kommenden WM? Kann Deutschland Weltmeister werden? ---Zitatende--- Die Chancen bei der kommenden WM sehe ich durch das gestrige Spiel nicht gewachsen. Sie sind aus der Kurve nicht rausgeflogen, aber ob sie die gekriegt haben? Eher auch nicht. Weltmeister werden kann die Mannschaft trotzdem, wenn alle Gegner beim Turnier beim Spiel gegen D "von der Rolle" sind.
sharala, 23.03.2006
5. Fussball-Fieber..
Warum ist es eigentlich so wichtig, wer gewinnt oder verliert? Ich schaue mir die Spiele an, weil es Spass macht, nicht weil ich jemanden bestimmten siegen sehen will. Leider ist auch der Spass nur noch selten zu haben, weil alle dermaßen unter Streß stehen, gewinnen zu müssen (vom Trainer bis zum letzten Spieler und zwar in allen Mannschaften), dass von Leichtigkeit, Freude und Spiellust nichts mehr übrig bleibt. Fussball scheint den Selbstwert der ganzen Nation zu bestimmen, gewinnt das Team sind alle selig, verliert es, wird jeder zerissen, der dafür verantwortlich gemacht werden kann. Gibt es nichts anderes, an dem der Selbstwert festgemacht werden kann oder ist er so im Keller, dass nur die Fußball"götter" wieder raushelfen können?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.