Ex-Schiedsrichter Rafati "Bis die nächste Katastrophe passiert"

Vor fünf Jahren versuchte sich Schiedsrichter Babak Rafati das Leben zu nehmen. Er bekämpfte danach seine Depression und hilft heute anderen Menschen. Die Bundesliga habe aus seinem Fall wenig gelernt, sagt er.

Babak Rafati in seiner Zeit als Schiedsrichter
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Babak Rafati in seiner Zeit als Schiedsrichter

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Babak Rafati, vor fünf Jahren haben Sie versucht, sich das Leben zu nehmen. Wichtigste Frage: Wie geht es Ihnen heute?

Rafati: Ganz hervorragend. Ich habe meine eigene Geschichte aufgearbeitet und versuche in meiner Funktion als Redner und Motivationscoach bei Unternehmen meine eigenen Erfahrungen zu nutzen, um anderen Menschen zu helfen oder sie im Umgang mit Stress und Leistungsdruck zu sensibilisieren.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie denn heute wieder Schiedsrichter werden wollen?

Rafati: Selbstverständlich. Ich war 25 Jahre lang Schiri, 23 davon waren großartig. Und die beiden schlimmen Jahre hatten nichts mit der Schiedsrichterei oder dem Fußball zu tun. Ich habe es geliebt, auf dem Level zu pfeifen, vor vielen zehntausend Menschen, inmitten der besten Spieler der Welt. Selbst wenn das ganze Stadion auf mich sauer war - das gehört dazu. Und kein Unparteiischer auf diesem Niveau lässt sich davon fertigmachen, daran gewöhnt man sich in all den Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Äußere Einflüsse wie wütende Fans, gestikulierende Spieler oder Trainer und Vereinsfunktionäre, die dem Schiedsrichter einen miesen Job unterstellen, machen Unparteiischen nichts aus?

Rafati: Nein, auch wenn das vielleicht schwer zu glauben ist. Mich hat es auch nie wirklich gekratzt, dass mich die Leser des "kicker" viermal hintereinander zum schlechtesten Schiedsrichter der Bundesliga wählten. Sondern das, was jeden Arbeitnehmer auf Dauer fertig macht: das Verhalten der Vorgesetzten nach Fehlern oder vermeintlich schlechten Leistungen.

Zur Person
  • DPA
    Babak Rafati, , geboren 1970 in Hannover, war von 1997 bis 2011 DFB-Schiedsrichter, als der er 84 Bundesligaspiele pfiff. 2011 sollte er die Partie zwischen dem 1. FC Köln und Mainz 05 bestreiten, die Partie musste allerdings abgesagt werden, weil Rafati sich versucht hatte, das LKeben zu nehmen. Er litt seit längerem an Depressionen. Heute ist er als Mentaltrainer, Vortragsredner und Berater zu den Themen Burnout und Depression tätig.

SPIEGEL ONLINE: Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihren Vorgesetzten?

Rafati: Leider negative. Ihnen fehlte jegliche Führungskompetenz. Ein Beispiel: Einen Monat vor meinem Suizidversuch trafen wir uns alle zu einem Stützpunkttraining in Berlin. Vor mehr als hundert Schiedsrichtern wurde eine Szene aus dem Spiel Dortmund gegen Augsburg vorgeführt, bei der ich beim Stand von 5:0 für den BVB in der 80. Minute Gelb-Rot statt einer Roten Karte für Augsburg gezeigt hatte. Eine Fehlentscheidung, aber eine unerhebliche. Vor versammelter Mannschaft wurde ich verbal geschlachtet: "Das ist nicht bundesligatauglich!" Das hat mich furchtbar verletzt, ich sperrte mich in der Pause auf dem Klo ein, um mich nicht den Fragen der Kollegen zu stellen. Vor denen ich natürlich den harten Max markierte. Das ist mieser Führungsstil. Und trotzdem liegt die alleinige Schuld natürlich nicht bei meinen Vorgesetzten.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Rafati: Vorrangig bei mir selbst! Hätte ich mich damals respektiert und geachtet, hätte ich mich nicht von all dem Druck, dem Status als Bundesliga-Schiedsrichter, meiner Attitüde als echtem Mann, der sich nicht kleinkriegen lässt, leiten lassen, wäre ich auch nicht so verletzt worden. Von Winston Churchill gibt es folgende Geschichte. Bei einer Gala wurde er auf der Bühne von einer Dame verbal attackiert: "Wenn sie mein Mann wären, würde ich ihnen Gift in den Kaffee schütten." Churchill schloss sich nicht auf dem Klo ein, sondern antwortete seelenruhig: "Wenn sie meine Frau wären, hätte ich den Kaffee getrunken." So viel Souveränität im Umgang mit mir oder dem Fehlverhalten anderer hatte ich damals nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Suizidversuch führte damals zu dem branchentypischen Ermahnungen, dass sich nun endlich etwas ändern müsse im Umgang mit Schiedsrichtern. Hat sich da was getan?

Rafati: Nein. Wie gesagt: Dass Schiedsrichter weiterhin die Vollidioten sind und von vollen Stadien ausgepfiffen werden, ist vielleicht nicht schön, aber gehört dazu und juckt die Kollegen auch nicht. Leider ist die interne Kommunikation noch immer so katastrophal wie damals, wie es die Schiedsrichter selbst im Februar diesen Jahres in einem Interview mit dem "Focus" bestätigten. Ich kenne viele aktuelle Schiedsrichter, die Hilfe von Psychologen in Anspruch nehmen, weil sie sonst mit der Situation nicht klarkommen. Was natürlich sehr traurig ist.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie Menschen, die sich in einer ähnlich vermeintlich ausweglosen Lage befinden wie Sie damals?

Rafati: Im Idealfall zieht man natürlich deutlich früher die Reißleine. Ein Beispiel für den richtigen Umgang: Vor einiger Zeit kontaktierte mich ein Erstligaspieler, bei dem ich viele Parallelen zu meiner damaligen Situation erkennen konnte. Er spielte nicht gut, hatte seinen Stammplatz verloren, viel wichtiger aber: sein Trainer ließ keine Gelegenheit aus, ihn vor versammelter Mannschaft zu demütigen und damit den Druck nur noch zu erhöhen. Eine psychologisch völlig desolate Maßnahme, ganz egal in welchem Beruf, im ohnehin von der Leistung bestimmten Profifußball natürlich nur noch schlimmer. Dieser Spieler war wirklich am Ende als er mich anrief. Ich brachte ihn dazu, seine eigene Situation zu hinterfragen. Sich hinzusetzen, Zeit zu nehmen und bewusst zu werden, was ihm wichtig im Leben ist. Sich loszulösen von dem Leistungsdruck, der Kohle, den überzogenen Ansprüchen des Trainers. Nach zwei, drei Monaten zeigte er Fortschritte. Er erkannte, dass er eigene Wege finden musste, um mit den Problem klarzukommen. Ohne sich kaputtzumachen. Das ist ihm gelungen. Heute ist er Stammspieler. Und wieder glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Wunsch für die nächsten fünf Jahre im Fußball?

Rafati: Dass sich am System wirklich etwas ändert. Dass das Geschäft, auch wenn es jedes Jahr um noch mehr Geld geht und deshalb noch mehr Leistung eingefordert wird, wieder menschlicher wird. Dass Führungskräfte sich ihrer verantwortlichen Rolle bewusst werden, besser kommunizieren und nicht das Geschäft oder das Ergebnis in den Vordergrund stellen, sondern ihre Angestellten. Vor fünf Jahren haben so viele Menschen genau das gefordert und versprochen, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Hat nur niemand gemacht. Und das Weggucken verjährt sich. Niemand interessiert sich mehr dafür, warum ich mir damals das Leben nehmen wollte. Und so wird es vermutlich leider weitergehen. Bis die nächste Katastrophe passiert.



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
jerusalem 19.11.2016
1. Sehr empfehlenswert
ist auch das Buch von Hr. Rafati. Es hat mich tief beeindruckt! Als BVB Fan, der ja viele Schiedsrichterentscheidungen aushalten mußte (von nicht gegebene rote Karten bis Toren), hat man ja eine gewisse Vorstellung von diesen Personen. Da war das Buch ein gutes Korrektiv.
praetorianer2 19.11.2016
2. Rafati oder der BVB?
Was die BVB Fans an Fehlentscheidungen aushalten mussten ist natürlich wesentlich schlimmer als das Schicksal Rafatis und sich nicht mit anderen Bundesligisten vergleichbar. Keiner sonst muss Fehlentscheidungen akzeptieren... Im Ernst zur Schiedsrichterei: Schon im niedrigen Amateurbereich werden die Schiedsrichter stark unter Druck gesetzt und sch**** behandelt. Ich kenne Leute die nennen die Schiedsrichtergilde eine "eigene Mafia". Könnte der DFB ja mal was machen...
stefan.martens.75 19.11.2016
3. Das Grundproblem ist nicht das System
Das findest Du überall wo es um Spitzenleistung geht. Egal ob Fussballspieler, Schiedsrichter, Spitzenbanker oder Management. Das Grundproblem ist die Ansammlung waschechter egomanischer Zombies an den jeweiligen Spitzen als ob es eine Zugangsvoraussetzung wäre. Ein einziger verbliebener stabiler Mensch reicht da meisst aus. Wie im Beispiel beschrieben. Ein einziger der seine Mitmenschen als Mensch wahrnimmt und nicht als wandelnde Erfolgsstatistik.
spon_3496042 19.11.2016
4. Glaubwürdig?
Wie glaubwürdig ist Herr Rafati eigentlich, wenn er seine Fehlentscheidung in mehreren Punkten herunterspielt? "Einen Monat vor meinem Suizidversuch trafen wir uns alle zu einem Stützpunkttraining in Berlin. Vor mehr als hundert Schiedsrichtern wurde eine Szene aus dem Spiel Dortmund gegen Augsburg vorgeführt, bei der ich beim Stand von 5:0 für den BVB in der 80. Minute Gelb-Rot statt einer Roten Karte für Augsburg gezeigt hatte. Eine Fehlentscheidung, aber eine unerhebliche." Der kicker zum damaligen Spiel: http://www.kicker.de/news/fussball/bundesliga/spieltag/1-bundesliga/2011-12/8/1143350/spielanalyse_borussia-dortmund-17_fc-augsburg-91.html Das Foul war zwar laut kicker in der 79. und nicht in der 80. Minute, aber das ist wohl tatsächlich unerheblich, möglicherweise hat er die gelbe Karte ja auch erst in der 80. gezeigt. Es stand 4:0 für Dortmund und nicht 5:0. Ebenfalls nicht sonderlich wichtig. Rafati hat Hosogai nur Gelb gezeigt, nicht Gelb-rot statt Rot. Der kicker zu der Szene: Rafati hätte "Hosogai für sein übles Foul an Löwe (79.) vom Platz stellen müssen". Das ist dann doch schon ein klarer Unterschied zu Rafatis Aussage und meines Erachtens keine unerhebliche Fehlentscheidung mehr, da Hosogai für eine rote Karte nach einem "üblen Foul" mindestens zwei Spiele gesperrt worden wäre. Die Kleinigkeiten, bei denen er sich ebenfalls zu seinen Gunsten getäuscht hat, machen das Ganze jedoch nicht besser und Rafatis Aussagen nicht glaubwürdiger.
gronek 19.11.2016
5. hmm, nichts verstanden...
es geht nicht um diese Details - es geht darum, dass es nicht spielentscheidend war und kein Grund, jemanden zu demütigen. Und ja natürlich: diese Verhaltensweisen gibt es in jeder Branche. Sich zwanghaft über andere Menschen erheben zu wollen, ist ein evolutionäres Überbleibsel und war mal wichtig zur Arterhaltung. Heute macht es Menschen unglücklich, den Täter übrigens genauso wie das Opfer.
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