Backpfeifen-Affäre Ballack bleibt Boss im Team

Das gab es noch nie im Nationalteam - der Kapitän kassiert eine Ohrfeige von einem Mitspieler. Doch Michael Ballack ist nach der Auseinandersetzung mit Lukas Podolski der Sieger. Er bewies im Spiel und mit seiner souveränen Reaktion, dass er nicht zu ersetzen ist.

Aus Cardiff berichtet


Michael Ballack gehört zu den Nationalspielern, die nach dem Spiel bereitwillig Rede und Auskunft geben. Aber so lang wie am Mittwochabend nach dem 2:0-Erfolg in Wales hält sich auch der Kapitän normalerweise nicht mit den Medienleuten auf.

Den britischen Pressevertretern musste er dabei vor allem Fragen zum sportlichen Geschehen beantworten, deren deutsche Kollegen interessierte hingegen vor allem die Szene aus der 67. Minute, als er und Lukas Podolski aneinandergerieten.

Fast hatte man den Eindruck, als genieße Ballack all die Fragen nach der Ohrfeige, die Podolski ihm verpasst hatte, gaben sie ihm doch die Gelegenheit, sich als abgeklärtes Pendant zum heißblütigen Jungspund darzustellen. Ein wenig gönnerhaft klang es dabei schon, als Ballack den Jüngeren - der nun auch schon eine Weile dem Status eines B-Jugendspielers entwachsen ist - attestierte, er sei ein "guter Junge", der auch schon eingesehen habe, dass er da Mist gebaut habe.

Das mag sogar zutreffen - Lukas Podolski wirkte in der Tat ziemlich bedröppelt, als er die Außenwelt mit ein paar dürren Worten über seine Zerknirschtheit informierte. "Das passiert halt mal auf dem Platz. Für mich ist das abgehakt", sagte Podolski, "man konnte sehen, dass ich auch jemand bin, der Emotionen zeigen kann. Wir sind Profis genug, die Geschichte intern zu besprechen."

Natürlich wusste auch er, dass es ein Novum in der Geschichte der deutschen Nationalmannschaft ist, dass ein veritabler Kapitän eine Ohrfeige bekommt. Und er wusste, dass Joachim Löw ziemlich klar Partei ergreifen würde - für seinen Kapitän, den er sehr deutlich als seinen verlängerten Arm auf dem Platz adelte.

"Michael Ballack hat das Recht, taktische Anweisungen weiterzugeben. Anweisungen vom Kapitän und den erfahrenen Spielern müssen umgesetzt werden. Das ist wichtig", sagte der Bundestrainer. Und das direkt nach dem Schlusspfiff, wo er noch glaubwürdigerweise abwiegeln hätte können - beispielsweise, indem er um Verständnis dafür gebeten hätte, dass er zunächst mit beiden Beteiligten sprechen müsse. Genau das hat Löw nicht getan - er wollte Ballack bewusst den Rücken stärken. Löw braucht ihn bis auf weiteres - ein zweites Alphatier ist weit und breit nicht in Sicht.

Zeugt Podolskis Wutausbruch von einem schleichenden Autoritätsverlust des Kapitäns, wie manche Kommentatoren meinen? Oder handelt es sich um die Kurzschlusshandlung eines Spielers, dessen Nerven blank lagen, weil er ein schwaches Spiel gezeigt hatte, wie Ballack glauben machen wollte? Letzteres dürfte eher zutreffen, denn der Kapitän ist als Krisengewinnler aus dem Zerwürfnis mit DFB-Manager Oliver Bierhoff hervorgegangen. Zwar ist er bei so manch jüngerem Spieler wegen seiner unkommunikativen, autoritären Art nicht sonderlich beliebt - dass der Star vom FC Chelsea (neben Philipp Lahm der einzige Weltklassespieler im Team) sportlich unersetzlich ist, bestreitet aber wohl keiner im Kader.

Zumal Ballack nach einigen schwachen Partien anno 2008 in den Spielen gegen Liechtenstein und in Wales wieder starke Auftritte hatte. Bei beiden Spielen hätte selbst ein kompletter Fußball-Laie schon kurz nach Anpfiff erkennen können, wer der "Leader" im deutschen Team ist.

Ballack fordert wieder die Bälle, geht in die Zweikämpfe (die er in drei von vier Fällen gewinnt), leitet einen guten Teil der Angriffe ein. Manchmal dauert das ein wenig lange, dennoch: Er weist im Gegensatz zu früher auch auf dem Platz seinen Status nach. Und sei es dadurch, dass er einem anderen etablierten Nationalspieler - der "gute Junge" Podolski absolvierte gegen Wales seinen 62. Einsatz im DFB-Dress - zeigt, wer Chef im Ring ist. Michael Ballack. Und niemand sonst.

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Drasil 02.04.2009
1. Man sollte ihn rauswerfen!
Da hat der Poldi mal richtig Mist gebaut. Hätte der Schiedsrichter das gesehen, hätte es "Rot" gegeben. Ich an Jogis Stelle würde ihn für mindestens 2 Spiele suspendieren und seine Zukunft in der Nationalelf allgemein in Frage stellen...obwohl das Lukas Poldolski zurzeit ja auch sportlich rechtfertigen würde.
Parzival v. d. Dräuen 02.04.2009
2. Hintergrund
Jetzt weiß ich immer noch nicht, wofür Ballack die Ohrfeige bekommen hat?! Hatte er einen Witz über Poldis Mutter gemacht und der beherrscht nur nicht den Zidanschen Bruststoss? Fragen über Fragen.
AlphaOmega 02.04.2009
3. Vize
Die Aktion war absoluter Blödsinn von Poldi. Als Kapitän ist Ballack darüber hinaus Souverän auf dem Platz. Aber: den gönnerhaften Ton kann er sich wirklich sparen. Momentan hat er halt wieder Oberwasser (was auch durch Leistung gerechtfertigt ist) aber bei der Andeutung bzgl. Jugend und Erfahrung von Poldi habe ich spontan gedacht: "Vize-Ballack, si tacuisses....."
freelance, 02.04.2009
4. Mal die...
Zitat von DrasilDa hat der Poldi mal richtig Mist gebaut. Hätte der Schiedsrichter das gesehen, hätte es "Rot" gegeben. Ich an Jogis Stelle würde ihn für mindestens 2 Spiele suspendieren und seine Zukunft in der Nationalelf allgemein in Frage stellen...obwohl das Lukas Poldolski zurzeit ja auch sportlich rechtfertigen würde.
Kirche im Dorf lassen, bitte!
Hiro22453 02.04.2009
5. Nie Mannschaftssport getrieben?
Zitat von DrasilDa hat der Poldi mal richtig Mist gebaut. Hätte der Schiedsrichter das gesehen, hätte es "Rot" gegeben. Ich an Jogis Stelle würde ihn für mindestens 2 Spiele suspendieren und seine Zukunft in der Nationalelf allgemein in Frage stellen...obwohl das Lukas Poldolski zurzeit ja auch sportlich rechtfertigen würde.
Wenn ich so etwas schon lese. Eine funktionierende Mannschaft regelt so etwas intern. Ballack scheint sich doch durchzusetzen, auch durch seinen souveränen Umgang. Warum soll der Trainer jetzt so etwas machen? Damit würde er eher Ballack in den Rücken fallen, nach dem Motto "der Micha braucht ja Hilfe".
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