Bärtiges Vorbild Verzweifelte Kajal-Kuranyis

Kevin Kuranyi kennen alle. Weil der Neu-Schalker so ein toller Fußballer ist? Wohl eher aufgrund seines extravaganten Kinn- und Wangendekors. Inzwischen versuchen sogar schon Kinder, es ihrem Styling-Idol nachzutun. Die Mittel sind fragwürdig, die Resultate suspekt.


Weiß Kevin Kuranyi eigentlich, was er da anrichtet? Ahnt er von den Familienkrisen, von Unfrieden und Geschrei, die er in Millionen deutscher Haushalte trägt? Persönlich kann ich ja verstehen, dass er von seinen kleinen Handicaps ablenken will. Das Lispeln allein wäre nicht so schlimm, käme nicht noch diese Fistelstimme dazu, die ihm eine große Karriere als Synchron-Sprecher für Disney-Filme beschert hätte.

Sein Image-Berater wird ihm gesagt haben: "Kevin, hör mal gut zu, Kevin." Daraufhin hat der Kevin sein Ballspiel für einen Moment unterbrochen und versucht, sich ganz aufs Zuhören zu konzentrieren. "Kevin", hat der Berater gesagt, "Kevin, du brauchst was ganz Individuelles, was eigenes, Dein Markenzeichen, Kevin." Da hat der Kevin genickt, weil ihm das schlüssig klang.

Rolemodel Kuranyi: Jung und haarig
DPA

Rolemodel Kuranyi: Jung und haarig

Aber was? Tattoos waren vergeben, die trug der Handballer Kretschmar schon. Piercings sind schlecht als Erkennungszeichen, weil sie früher beim Spiel aus Sicherheitsgründen immer zugeklebt werden mussten und inzwischen sogar ganz verboten wurden. Frisuren sind auch schon weg. Beckham hat den Irokesen untragbar gemacht, Marcelinho färbt sich die belgischen Nationalfarben aufs Haupt und Jancker spendiert den Fans mit den Bomberjacken die Glatze zur Identifikation.

"Kevin", hat der Berater da gesagt, "Kevin, Du musst Dir einen Bart wachsen lassen." Da hat der Kevin sich gefreut und "Au ja" gesagt. Doch auch auf dem Bartmarkt war auch schon so ziemlich jedes Modell verteilt. Dirk Nowitzki trug zeitweise die Unterlippenbürste, Peter Neururer und Erich Rutemöller hatten den Schnauzbart besetzt. Blieb eigentlich nur der Vollbart.

"Wie wär's mit Vollbart, Kevin?", hat der Berater gefragt. Aber Kevin hat abgewinkt. Seine Freundin mochte keinen Vollbart. "Dann such Dir doch eine Freundin, die Vollbart mag", empfahl der Berater. Doch das wollte der Kevin nicht.

Eines Tages hatte der Kevin eine Idee. Er wünschte sich einen Strichbart, so wie bei dem Rapper, den er auf MTV gesehen hatte. MTV lag auf Kevins Fernbedienung zwischen Premiere und Eurosport. MTV guckte er immer, wenn gerade weder Fußball noch Klingeltonwerbung lief. "MTV ist gut für dich. Das ist Arte für Fußballer", hatte sein Berater gesagt. Das gefiel dem Kevin. Sein Berater war ganz froh, dass der Kevin auf die Strichbartidee gekommen war. Gemeinsam kauften sie einen Langhaarschneider und dachten sich lustige Muster aus.

Seither läuft Kevin Kuranyi mit diesem Bleistiftborstenbart über den Platz, der zwischen Ohr, Mundwinkel und Nase mäandert. Und keiner lacht mehr über seine Stimme. Jetzt lachen alle über seinen Bart. Bis auf die Gelsenkirchener. Auf Schalke findet man solche Bärte cool.

Karl findet solche Bärte leider auch cool. Neulich bekam seine Mutter im Badezimmer einen Schreikrampf. "Karl!", brüllte sie. Aber der hörte nicht. Er übte im Hof irgendeinen Dribbeltrick und hatte sich dabei die Ohrstöpsel von seinem MP3-Player tief in die Gehörgänge geschoben. Ich eilte zur Hilfe.

Mutter hielt ein ehemals weißes Handtuch hoch. Es war mit tiefschwarzen Flecken gepunktet. Im Waschbecken lagen die Überreste eines Kajalstiftes. Ich hatte ihn deutlich länger in Erinnerung. "Was fällt diesem Bengel ein", fauchte die Mutter, "was hat er wieder angestellt?" Ich beschwichtigte: "Das hat er bestimmt nicht böse gemeint. Ich hole ihn mal." Mit wildem Armfuchteln gab ich Karl zu verstehen, dass er bitte mal kommen möge. Er pulte sich die Stöpsel aus den Ohren. Sein Gesicht sah merkwürdig aus. Überall Schmutzränder, so als habe er Negerkussreste mit Kakao zu entfernen versucht.

"Sehe ich aus wie Kevin Kuranyi?", fragte er fröhlich. "Sehr entfernt", antwortete ich: "Eher wie ein Kommantsche, der nach dem Genuss einer Flasche Feuerwasser versucht hat, sich rasch eine Express-Kriegsbemalung zu verpassen. Du solltest Mama fragen, was ein neuer Kajal kostet und ihn von deinem Taschengeld bezahlen. Oder lass Dir irgendwas anderes einfallen, was ihren Zorn ein wenig mildert." Karl erschrak. "Hat sie was gemerkt?", fragte er. "Es war unmöglich, nichts zu merken", entgegnete ich. "Viel Glück."

Ich hielt mich da raus. Bestimmte Dinge müssen Mütter und Söhne unter sich klären. Als ich wenig später die Wohnung betrat, kam mir die Gattin freudestrahlend entgegen und hauchte mir einen Kuss auf die Wange. "Das ist aber nett von Euch, dass ihr mich zum Muttertag in die Kosmetikabteilung vom KaDeWe einladet", jubelte sie. Gelegentlich neigt mein Sohn dazu, mich absichtlich misszuverstehen.



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