Ballack kontra Klinsmann Machtkampf in München

Aus der vermeintlich harmlosen Verletzung von Michael Ballack hat sich ein Machtkampf entwickelt. Durch seine nächtliche Fitmeldung setzt der Kapitän Bundestrainer  Klinsmann vor der WM-Premiere massiv unter Druck. Vieles hängt nun von dessen Aufstellung im  Eröffnungsspiel ab.


München - Das Verwirrspiel um Ballack vor der Auftaktpartie gegen Costa Rica (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) hat Jürgen Klinsmanns Verhältnis zu seinem Kapitän ausgerechnet zu Beginn der Weltmeisterschaft auf eine ernsthafte Probe gestellt. Der Bundestrainer hatte gestern gesagt, dass Ballack aufgrund einer Wadenverhärtung, die sich der Mittelfeldspieler im Test gegen Kolumbien vor einer Woche zugezogen hatte, in der heutigen Begegnung nicht zum Einsatz käme. Ballack hatte sich über die "Bild"-Zeitung in der Nacht fit gemeldet - und damit einen Machtkampf angezettelt.

Klinsmann, Ballack: "Schon gibt es Ärger"
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Klinsmann, Ballack: "Schon gibt es Ärger"

Ein in die Ecke gedrängter Klinsmann steht nach dem Alleingang seines Regisseurs vor einer schwierigen Entscheidung: Lässt er einen gesunden Spielmacher auf der Bank, muss das von ihm aufgestellte Team, in dem aller Voraussicht nach Tim Borowski Ballacks Rolle im zentralen Mittelfeld übernehmen würde, gewinnen. Stellt Klinsmann Ballack auf, wäre dies eine Belohnung dafür, dass der 29-Jährige seinem Trainer in den Rücken gefallen ist. "Das Turnier hat noch nicht begonnen - und schon gibt es Ärger", bemerkte Ballack folgerichtig.

"Er hat in Berlin noch kein komplettes Mannschaftstraining mitmachen können. Deshalb macht es keinen Sinn. Wir hoffen, dass er beim zweiten Spiel zur Verfügung steht", hatte Klinsmann seine Entscheidung begründet. Ballack hingegen spielte den Ball erneut in Klinsmanns Füße: "Ich fühle mich fit und spüre keine Beschwerden mehr", sagte der 29-Jährige und fügte hinzu: "Ich habe mich bei Klaus Eder intensiv behandeln lassen und dem Trainer mitgeteilt, dass ich spielen kann. Ob er mich spielen lässt, ist seine Entscheidung."

Ob Ballack nun doch beim Auftakt im Münchner WM-Stadion auflaufen wird, will Klinsmann erst kurz vor dem Anpfiff der Partie bekannt geben. "Vorher wird es keine weiteren Aussagen geben", sagte Mediendirektor Harald Stenger. Die Stimmung beim DFB ist angespannt.

Denn Klinsmann, der schon wegen seiner offensiven Spielausrichtung beim 2:2 gegen Japan in der vergangenen Woche von Ballack öffentlich kritisiert worden war ("Wir müssen viel defensiver spielen"), steckt durch Ballacks erneutes Vorpreschen in der Zwickmühle: Am Mittwochmittag hatte er seinen Spielern erklärt, wer am Nachmittagstraining nicht teilnehmen könne, würde auch am Freitag nicht spielen. Aufgrund dieser Drohung biss Ballack offenbar auf die Zähne und startete am Nachmittag einen Trainingsversuch. Um kein Risiko einzugehen, musste der künftige Chelsea-Profi die Einheit aber vorzeitig abbrechen.

Unabhängig von der Entscheidung über die Aufstellung am Freitag scheint Klinsmanns Verhältnis zu Ballack, dem er zu Beginn seiner Amtszeit die Spielführerbinde von Oliver Kahn übertragen hatte, abgekühlt. Dass sich Ballack neben der Behandlung bei Physiotherapeut Klaus Eder und Mannschafts-Orthopäde Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt auch noch in die Obhut des Bio-Energetikers Kurt Schweinberger begab, soll Klinsmann neben der Systemkritik Ballacks zudem übel aufgestoßen sein. "Ich kenne den Herrn nicht", hatte der Bundestrainer süffisant erklärt und zudem klar gemacht: "Nur unsere DFB-Mediziner können Michael wieder gesund schreiben".

Dass Ballack nach seiner Verletzung gegen Kolumbien zweieinhalb Tage im Kreise seiner Familie genossen und sich erst am Pfingstmontag nach dem Eintreffen in Berlin in Behandlung gegeben hat, soll zusätzlich für Zündstoff gesorgt haben. Gegen Spekulationen, sich möglicherweise fahrlässig verhalten zu haben, setzte sich Ballack aber vehement zur Wehr: "Ich wehre mich gegen alle Unterstellungen, unprofessionell gehandelt zu haben. Solche Behauptungen sind eine absolute Frechheit."

mig/sid/dpa

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