Bankrottclub Leeds Drittklassige Schmuddelkicker

Einst kickten sie um die Krone des europäischen Fußballs, inzwischen ist Leeds in die dritte Liga abgerutscht. Dafür sorgt ein United-Rivale für Furore, der zuvor nie ernst genommen worden war. Als Trainer glänzt Roy Keane. Der einstige ManU-Rüpel ist heute ganz brav.
Von Philip Oltermann

Der Verlauf der letzten Saisonpartie passte zum Chaosclub Leeds United. Das Spiel bei Derby County musste kurz nach dem Anpfiff unterbrochen werden. Schiedsrichter Phil Crossley war mit einem Spieler zusammengekracht und ins Krankenhaus gefahren worden. Diagnose: Schulterverletzung. Nach einer Zwangspause ging es weiter, Derby traf kurz vor dem Wechsel zum 1:0.

Bemerkenswert war auch die Einlage des United-Kickers Robert Bayly. Bemerkenswert einfältig. Der Mittelfeldspieler flog nach 72 Minuten vom Platz, wegen eines versuchten Kopfstoßes. "Das hatte Robert nicht verdient", sagte Co-Trainer Gus Poyet, "viele Schiedsrichter wissen nicht, wie es ist, ein Fußballer zu sein." Eine fiese Attacke Baylys habe er nicht erkennen können, so Poyet: "Robert wollte gegenüber seinem Gegenspieler Stärke demonstrieren."

Eine gute Idee, nur auf die falsche Art und zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Schon vor dem 0:2 in Derby stand der Absturz in die Drittklassigkeit fest. Am vergangenen Freitag hatte Leeds United ein Insolvenzverfahren eingeleitet, um den drohenden Konkurs abzuwenden. Da Vereine im britischen Profifußball in solchen Fällen mit dem Abzug von zehn Punkten bestraft werden, gab es für Leeds keine Rettung mehr. Die Hoffnungen auf den sportlichen Klassenerhalt waren ohnehin sehr gering gewesen.

Schon kurz nach Bekanntgabe des Insolvenzverfahrens war auf der Homepage des Vereins  folgender Hinweis platziert: "Leeds United TV hat sich mit dem Vorsitzenden Ken Bates getroffen und ihn zu seiner Meinung gefragt. Klicken sie hier, um sich bei Leeds United TV anzumelden." Ein Verein, der mit einem Exklusivbericht über den eigenen Niedergang das Publikum anlocken will – das passt zu der Mischung aus Fatalismus und Größenwahn bei Leeds United.

In den sechziger und siebziger Jahren, unter der Trainer-Ikone Don Revie, war der Verein aus Yorkshire einer der erfolgreichsten Clubs. "Dirty Leeds" spielte zwar nicht immer fair, gewann aber zwei Meisterschaften und etliche Pokale. Schon damals wollte man hoch hinaus: Statt in gelb-blau (den eigentlichen Vereinsfarben) ließ Revie sein Team ganz in weißen Trikots spielen – wie Real Madrid eben.

Anfang des neuen Millenniums spielte Leeds tatsächlich begeisternden Fußball. Gespickt mit Jungstars wie Rio Ferdinand, Harry Kewell oder Mark Viduka kam Leeds 2000 bis ins Halbfinale des Uefa-Cups, eine Saison später stoppte erst Valencia die "Peacocks" im Halbfinale der Champions League.

Dann aber folgte die typisch Leeds'sche Überheblichkeit: Berauscht durch die jüngsten Erfolge gab der Verein mehrere Millionen Pfund für neue Spieler aus. Als sich Leeds dann zwei Jahre in Folge nicht für die Champions League qualifizierte, wurde es eng. Es folgten panikartige Spielerverkäufe und eine sportliche Talfahrt, welche diese Woche mit dem zweiten Abstieg innerhalb von drei Jahren ihren Tiefpunkt fand.

"Wir brauchen neue Spieler, ein neues Management mit viel Herz und jede Menge Geld", sagt Rachel Allison, 21-jähriger Leeds-Fan und Dauerkartenbesitzerin, "vor allem könnten wir aber eine Dosis Realismus vertragen." Auf einen der wenigen leistungsstarken Profis werden die United-Anhänger in der kommenden Drittliga-Saison wohl verzichten müssen. Der aus Nordirland stammende Stürmer David Healy, mit neun Treffern derzeit bester Torschütze in der laufenden EM-Qualifikation vor Lukas Podolski (sieben Treffer), dürfte nicht zu halten sein.

Mitleid für "Dirty Leeds" gibt es erschreckend wenig. Erst recht nicht von dem Traditionsrivalen aus dem rund 160 Kilometer entfernten Sunderland. "Ich werde keine Tränen vergießen. Die sind doch noch immer neidisch, weil wir 1973 gegen sie im Pokalfinale gewonnen haben", lästert Martyn MacFadden, Chefredakteur des Sunderland-Fanzines "A Love Supreme".

Ein bisschen Arroganz kann sich MacFadden leisten: Sunderland, eigentlich historisch der erfolglosere der beiden Clubs aus dem Nordosten Englands, beendete diese Zweitligasaison als Meister. Vor allem Dank des Duos Niall Quinn (Manager) und Roy Keane (Coach): Als Keane am 28. August vergangenen Jahres bei Sunderland anheuerte, standen die "Black Cats" auf dem letzten Tabellenplatz.

Keane eilte der Ruf eines cholerischen Fieslings voraus, der Gegenspieler schon mal absichtlich krankenhausreif trat. Doch in Sunderland entpuppte sich der ehemalige ManU-Profi als beherrschter Coach. Keane ergänzte den Kader gut und führte sein Team an die Spitze. Als Hommage an die Iren Quinn und Keane verkauft MacFadden auf der Fanzine-Webseite  inzwischen T-Shirts mit der Aufschrift "Sund-Ireland".

Während seiner Siegesserie ließ sich Keane einen graumelierten Dreitagebart wachsen und sieht jetzt etwas aus wie José Mourinho. Ansonsten hat er aber mit dem exzentrischen Chelsea-Coach wenig gemein: Aufstiegsheld Keane ist nie überheblich. Am vorigen Wochenende gewann Sunderland 5:0 gegen Luton und holte sich endgültig die Meisterschaft. Danach sagte Keane: "Ich habe schon schlechtere Tage erlebt." Wem solche Worte zu bescheiden vorkommen, sollte nur gen Leeds gucken.

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