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Barcelona-Profi Xavi: Lenker und Denker

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Barça-Profi Xavi Der Fehlpass-Hasser

Seit Jahren lenkt Xavi die Partien des FC Barcelona und der spanischen Nationalmannschaft. Er kann Gegner ausspielen, ohne überhaupt am Ball zu sein, und spielt Pässe wie kein Zweiter. Deshalb muss er jetzt endlich Weltfußballer des Jahres werden, meint Nils Lehnebach.

Der entscheidende Faktor im modernen Fußball ist Druck. Raumdruck, Zeitdruck, Gegnerdruck. Wer in Bedrängnis seine Umgebung richtig einschätzt und die Ruhe bewahrt, findet für jede Situation eine Lösung. Nicht nur eine, sondern meistens die beste Lösung findet Xavier Hernández i Creus, bekannt als Xavi.

Er lenkt seit rund zehn Jahren das Spiel des FC Barcelona und der spanischen Nationalmannschaft. Auch 2011 war er bei den beiden derzeit besten Teams der Welt wieder der Beste. Wenn es im Fußball noch Gerechtigkeit gibt, muss er deshalb, trotz der namhaften Konkurrenz Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, zum Weltfußballer des Jahres gewählt werden.

Stimmberechtigt bei der Wahl in Zürich sind zum einen die Trainer und Kapitäne aller Nationalmannschaften, zum anderen zahlreiche Sportjournalisten. Sie sollten sich nicht davon blenden lassen, dass der 24-jährige Messi in der aktuellen Primera-División-Saison schon wieder 17 und der zwei Jahre ältere Ronaldo 21 Tore geschossen haben. Viel zu oft wurden bei der seit 1991 vergebenen Auszeichnung Stürmer wie Ronaldo, George Weah und Romário oder offensive Spielmacher wie Zinédine Zidane und Ronaldinho geehrt. Zur Einführung des Titels 1991 gewann in Lothar Matthäus ein zentraler Mittelfeldspieler - seitdem keiner mehr. Dabei sind es gerade sie, die für den Erfolg der Mannschaft entscheidend sind. Und auf dieser Position gibt es keinen besseren als Xavi.

Der 31-Jährige kann seine Gegner ausspielen, ohne den Ball zu haben. Schon bevor ihn ein Pass erreicht, weiß er, was er mit dem Ball anstellen will. Die richtige Wahrnehmung der Situation, eine Körpertäuschung vor der Ballannahme, und schon läuft der Gegenspieler ins Leere. So leitet Xavi immer wieder gefährliche Situationen ein oder befreit seine Mannschaft aus eben diesen.

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Weltfußballer: Lothar, George und Lionel

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Beim FC Barcelona ist Xavi deshalb der Fixpunkt. Er wird von seinen Mitspielern gesucht, er gibt im Spiel nach vorne den Rhythmus vor. Zusammen mit Andrés Iniesta ("Er ist mein bester Tanzpartner auf dem Platz") und Messi ("Er versteht perfekt, dass der Schlüssel des Erfolgs das Kollektiv ist") bildet er ein einzigartiges Dreieck, beide passt er pro Partie etwa 25-mal an.

Die Drei waren auch in diesem Jahr nicht zu stoppen. Barcelona gewann in Spanien die Meisterschaft und den Superpokal. Zudem triumphierte Barça im Finale der Champions League gegen Manchester United (3:1), Xavi bereitet das 1:0 von Pedro vor. Das Team gewann den Weltpokal mit einem Tor von Xavi - und den Supercup. Groß spielte er auch jüngst beim "Clásico" gegen Erzrivale Real Madrid auf, als er mit seinem Tor zum 2:1 die Partie vorentschied.

Und im Gegensatz zu Teamkollege Messi und Real-Profi Ronaldo ist Xavi nicht nur auf Vereinsebene erfolgreich. In diesem Jahr führte er Spanien mit acht Siegen in acht Partien souverän zur EM 2012. Ronaldo hingegen musste mit Portugal lange zittern, nach Platz zwei in der Gruppe H hinter Dänemark gelang erst in den Playoffs gegen Bosnien-Herzegowina die Qualifikation. Messi scheiterte mit Argentinien bei der Copa América bereits im Viertelfinale. Zudem hat von den dreien auch nur Xavi schon die Welt- und Europameisterschaft gewonnen.

Geboren im Vorort Terrassa wuchs Xavi unweit der berühmten Promenade "La Rambla" in Barcelona auf. In seiner Kindheit war er Fan von Stadtrivale Espanyol, auch weil sein Großvater einst für den Club spielte. Dennoch begann er mit elf Jahren beim FC Barcelona und lernte im Internat La Masía. Die Schule ist die Basis des Vereinserfolgs. "Ich bin ein Lehrling der Schule Barças, sonst bin ich nichts", sagt Xavi.

Von Beginn an wird den Spielern die Club-Philosophie eingetrichtert: passen, passen, passen. Xavi entwickelte in dieser Zeit eine persönliche Begeisterung: Für ihn ist ein Spiel immer nur dann ein gutes, wenn er ohne Fehlpass bleibt.

Die Mutter drohte mit Scheidung

Schon in der Jugend machte der zurückhaltende Xavi auf sich aufmerksam. "Für uns ist die beste Verteidigung, nie den Ball zu verlieren. Xavi weiß das und hält sich daran wie kein anderer", sagt sein ehemaliger Jugendtrainer Joan Vilà Bosch heute. Bei den Profis debütierte Xavi 1998 im Alter von 18 Jahren unter Trainer Louis van Gaal. Der hatte sich im Madrider Bernabeu beim "Clásico" der zweiten Mannschaften der Clubs von Xavi überzeugte. Barça siegte 2:0.

Bei den Profis konnte ihn der Taktiker van Gaal aber nicht überraschen. "Die Laufwege, die er uns Mittelfeldspielern gezeigt hat, haben sie uns im Internat schon mit 14 Jahren gezeigt", schrieb Xavi in seiner Autobiografie. Ein Mann, der über 600 Mal für seinen Verein gespielt hat, darf so etwas schreiben.

Dass Xavi in Barcelona überhaupt einen derartigen Stellenwert erreichen konnte, verdankt er auch seiner Mutter. In seinen Anfangszeit lief es in der gesamten Mannschaft nicht gut, die Kritik der Medien war groß. Im Radio sagten sie einmal, Xavi sei für den Club wie eine Krebskrankheit. Da kam 1999 das Interesse des AC Mailand am frisch gekürten U20-Weltmeister gerade recht, Xavi hätte in Italien ein Vielfaches verdienen können und war im defensiven Mittelfeld eingeplant.

Eifrig wurde im Familienrat über einen Wechsel diskutiert, eigentlich stimmten alle für Mailand. Nur die Mutter war dagegen und sagte: "Wenn Xavi geht, lasse ich mich scheiden." Ihr Sohn lenkte ein und blieb in Barcelona. Seine Mutter war zufrieden, Barça ist bis heute überglücklich.