Barcelona-Star Messi Der Zauber-Floh

Seine Dribblings gleichen Tänzen, er schießt ein Tor nach dem anderen, Barcelona vergöttert ihn: Lionel Messi gilt als bester Fußballer der Welt. Der VfB Stuttgart will den Ballkünstler im Champions-League-Rückspiel trotzdem ausbremsen - eine fast unlösbare Aufgabe.

Von Marco Plein


Lionel Messi ist ein Familienmensch wie aus dem Bilderbuch. Will er einen seiner Liebsten beschenken, lässt er sich von nichts und niemandem aufhalten. Schon gar nicht von etablierten Fußballprofis. Erst vor wenigen Tagen, im Spiel seines FC Barcelona gegen den FC Valencia, immerhin Dritter der spanischen Liga, schüttelte der kleine Argentinier bei einem Dribbling seinen ersten Gegenspieler lässig ab, den zweiten wackelte er mit einer Körpertäuschung aus, den dritten vernaschte er mit einem blitzschnellen Haken. Und weil alles so rasend schnell ging, stand auf einmal nur noch der Torwart vor ihm, aber auch der konnte Messi nicht bremsen.

Er zirkelte den Ball präzise ins Tor, riss sein Trikot jubelnd nach oben und zeigte, was ihn angetrieben hatte. "Para vos Valen", war auf dem Shirt unter dem Trikot des Fußballstars zu lesen, "für dich, Valen".

Das erste seiner drei überaus spektakulären Tore gegen Valencia hatte er seiner wenige Tage zuvor geborenen Nichte Valen gewidmet. Beim VfB Stuttgart müssen sie nun hoffen, dass in Onkel Messis Familie in diesen Tagen nicht noch weitere Geburten, Hochzeiten oder Jubiläen anstehen

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Weltfußballer Messi: Der Floh trifft und trifft und trifft
An diesem Mittwochabend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) haben die Schwaben das Vergnügen, sich 90 Minuten lang gegen das spektakulärste und effektivste Angriffskollektiv im Weltfußball wehren zu dürfen. Im Hinspiel haben sie Barcelona leidenschaftlich bekämpft, die erste Halbzeit sogar dominiert und am Ende ein bravouröses 1:1 erreicht.

Beim Rückspiel aber, im fast 100.000 Menschen fassenden Fußballtempel Camp Nou, wird Barça ganz anders auftreten, dann wird es seine erdrückende Dominanz ausspielen, seine technische Überlegenheit demonstrieren, es wird sich den Ball in einer mit Präzision versehenen Schnelligkeit zupassen, dass nahezu automatisch Großchancen herausspringen.

Vor einem Jahr den FC Bayern vorgeführt

Weil es schon so vielen Mannschaften so ergangen ist, muss man kein großer Prophet sein, um Barças Überlegenheit vorauszusagen. Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, als der Weltclub im heimischen Stadion die Bayern in allen Belangen vorführte und schon vor der Pause vier Tore erzielte - zwei waren es damals für Messi. Jetzt ist also der VfB dran.

Und einer wird dabei ganz besonders gefordert: Cristian Molinaro, Stuttgarts linker Verteidiger, der, der den wuseligen Messi bei dessen unverwechselbaren Highspeed-Zick-Zack-Dribblings von der rechten Seite bremsen soll.

Im Hinspiel war dem Italiener eine überragende Defensivleistung gelungen, nun aber, vor dem Abflug nach Spanien, sagte er dem "kicker": "Im Nou Camp wird es viel komplizierter. Messi ändert sein Spiel von einer Situation zur anderen. Ich werde extrem aufpassen müssen." Vielleicht hat sich der 26-Jährige zur Einstimmung noch mal angesehen, wie man es nicht machen sollte, das nämlich haben ihm Valencias Verteidiger zuletzt deutlich gezeigt. Viel zu ängstlich - oder positiv ausgedrückt -, viel zu respektvoll, versuchten sie, dem nur 1,69 Meter großen Floh ("El Pulga"), wie Messi genannt wird, zu begegnen - vor seinem zweiten Tor musste der Argentinier auf Valencias Dealbert nur losstürmen, der Verteidiger wich zurück. Von ganz allein.

Bei all dem, was der Weltfußballer von 2009 in schöner Regelmäßigkeit für Barcelona abliefert, muss man sich immer vor Augen halten, er ist erst 22. Es kommt einem schließlich vor, als zaubere der trickreiche Linksfüßer schon seit einer Ewigkeit bei den Katalanen. Nun, es ist ja auch schon fünfeinhalb Jahre her, als der damals 17-jährige Musterschüler aus der Ausbildungsakademie La Masia zum ersten Mal in der Primera División spielte.

Keinen Dauerlauf, kein Zirkeltraining

Heute gilt er trotz der hochgelobten Kollegen Puyol, Xavi und Iniesta als Musterschüler der vereinseigenen Jugendschule. Denn kein anderer verkörpert das in La Masia vorherrschenden Offensivdenken so sehr wie Magier Messi. In der Akademie lernt jedes Kind, genauso offensiv zu spielen und zu denken wie die Großen. "Bis sie 16 sind, gehen sie bei uns kein einziges Mal in den Kraftraum. Sie machen keinen Dauerlauf und kein Zirkeltraining", sagt Jugendkoordinator Albert Benaiges. Einfach nur Fußball, rennen, dribbeln, passen, schießen, es klingt so einfach, für Messi ist es das auch. Barcelona zahlt ihm ja nicht zum Spaß rund zehn Millionen Euro im Jahr und hat seine Ablösesumme auf 250 Millionen Euro festgeschrieben.

In den vergangenen elf Ligaspielen der laufenden Saison hat er 15 Tore geschossen, nach dem Hattrick gegen Valencia sagte er in dem für ihn gewohnt bescheidenen Ton: "Das ganze Team hat super gespielt." Er hätte freilich auch ganz andere Dinge über sich sagen können, aber das macht er nicht, das erledigen schon die Zeitungen und Fans, die ihn als Held, Messias und Gott bezeichnen. Seine Mitspieler fassen sich etwas konkreter, "für ihn gibt es keine Grenzen", sagt Iniesta. Und Torwart Valdes meint: "Er könnte der beste Spieler aller Zeiten werden."

Vielleicht ist es ja für Stuttgart eine kleine Aufmunterung, dass Messi in der Champions League in sechs Partien erst zweimal traf (siehe Tabelle links). Und vielleicht hatte er auch die starken Schwaben aus dem Hinspiel noch im Kopf, als er unlängst warnte: "Wir sind noch nicht im Viertelfinale." Der VfB jedenfalls, der beim Weiterkommen von Olympique Lyon gegen Real Madrid genau gesehen hat, welch diebische Freude es bereiten kann, einen Fußballgiganten von dessen geliebtestem Spielplatz, der Champions League, zu verjagen, ist "nicht zum Spaß nach Spanien" gefahren, wie sein Sportdirektor Horst Heldt aufklärte. "Jeder muss das Spiel seines Lebens abliefern, dann können wir das Unmögliche schaffen."

Klingt fast so, als habe er noch von irgendeinem Feiertag in Onkel Messis Verwandtschaft erfahren.

mit Material der dpa

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