Fußballklub Barmbek-Uhlenhorst Ein Herz für Pöbler

Erstmals seit 1975 hat der Hamburger Oberligist Barmbek-Uhlenhorst ein DFB-Pokalspiel bestritten. Die Niederlage gegen Freiburg war aber nur Nebensache. Ein Ortsbesuch in der Heimat des legendären "Barmbeker Pöbel".

Uhlenhorst-Trainer Frank Pieper-von Valtier: Erfolgreich in der Oberliga
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Uhlenhorst-Trainer Frank Pieper-von Valtier: Erfolgreich in der Oberliga

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Horst Hrubesch kommt nicht rein. Er ist U21-Nationaltrainer, Europameister, Vizeweltmeister, und - in diesen Breitengraden viel wichtiger - HSV-Legende. Aber er darf erst mal nicht rein, da ist die Ordnerin streng. Horst Hrubesch hat noch kein gelbes Bändchen für den VIP-Bereich.

Nicht nur der Pokal hat seine eigenen Gesetze, sondern auch die Oberliga Hamburg.

In Norderstedt bestreitet der Oberligist Barmbek-Uhlenhorst gegen den SC Freiburg sein erstes DFB-Pokalspiel seit 40 Jahren, deshalb ist Hrubesch da, genau wie Uwe Seeler und Rodolfo Cardoso. Viel Fußballtradition auf einem Fleck, Tradition ist aktuell die härteste Währung im Hamburger Fußball.

Detlef Grandt steht weit weg vom VIP-Bereich, im Block des Barmbeker Pöbels. So nennt sich der harte Kern der Fans von Barmbek-Uhlenhorst, Grant ist ihr Oberpöbler. Die Sonne knallt auf die Stehplätze, einige nölen. Weil die Getränkestände überlastet sind, sitzt ein Großteil der Barmbeker auf dem Trockenen.

"Ist das nicht irre?"

Auch Grandt hat nichts zu trinken, er wischt sich über den Kopf. Freiburg führt seit der zweiten Minute. Vor wenigen Wochen wurde Grandt am Auge operiert, seine Sonnenbrille schützt nur mäßig. Er strahlt. "Is' das nicht schön?" fragt er, und seine große Hand zeigt auf die Tribüne.

Fast 5000 Zuschauer sind da, das sieht in der Oberliga sonst anders aus. Barmbek-Uhlenhorst hat eine bewegte Geschichte, Grandt war immer mit dabei. Seit 1968 geht er zu "BU", er sah die Zweitligaspiele, das Pokal-Erstrundenaus gegen die Bayern 1972, die Beinahe-Insolvenz. Nun spielt BU in der Oberliga Hamburg, die Gegner heißen nur noch Niendorfer TSV oder SV Lurup, aber am Verein scheint die Info irgendwie vorbeigegangen zu sein. Mehrere hundert Fans unterstützen den Verein jede Woche, laut, kehlig, schnodderig, ein Meer aus Gelb und Blau und Frakturschrift. BU hat auch einen Trommler, der wird Manolo genannt, wie das spanische Original. Neben Tradition ist das größte Pfund des Klubs seine Anhängerschaft, auch das ist nicht unbekannt in Hamburg.

"Guck mal, ist das nicht irre? Zeig mir einen Fünftligisten, der so leidenschaftliche Fans hat", fragt Grandt wieder. Er ist Mädchen für alles im Verein, Fanbeauftragter, Vereinsenzyklopädie, Ikone. Am Morgen hatte er die Zaunfahnen befestigt. Nun genießt er die Früchte seiner Arbeit. Es ist das größte Spiel seit Jahren für den kleinen Verein mit der großen Geschichte.

"Was mir das Spiel bedeutet? Alles."

Bis vergangene Woche spielten die Barmbeker auf einem Platz, den sie liebevoll "Barmbek Anfield" nannten. Aber Barmbek Anfield wird nun abgerissen und weicht Wohnungen, so wie überall im Arbeiterstadtteil Barmbek schicke Townhouses entstehen, und Biosupermärkte neben Wettstuben und Nagelstudios. Zum Abschied gab's ein 3:0 gegen Altona und ein Feuerwerk, Lotto King Karl sang und Uwe Seeler schloss symbolisch die Anlage ab. Fünfte Liga in Hamburg.

Auf dem Platz in Norderstedt verkauft sich BU gar nicht schlecht, nach dem frühen 0:1 passiert bis kurz vor der Halbzeitpause wenig, Freiburg tut sich schwer. Der Pöbel quittiert das mit "Absteiger, Absteiger"-Rufen.

Neben Detlef Grandt steht Jörg Peters, genannt Örxs. Die Liebe hat Fischer von Barmbek nach Baden-Württemberg verschlagen, alle zwei Wochen treibt ihn seine andere Liebe zurück. "Was mir das Spiel bedeutet? Alles." BU ist für einen Nachmittag zurück auf der großen Fußballbühne. Das BU-Gefühl in die Welt tragen, das ist ihre Mission.

Im Sommer waren Grandt und Peters Barmbeks Abgesandte bei der Pokal-Auslosung der Sportschau in Reutlingen, ohne Karten, selbstorgansiert. Die Sportschau-Menschen haben sie dann reingelassen und auch Moderator Alexander Bommes freute sich über den Besuch aus Hamburg. Sie bekamen gute Plätze, aber weil der Schiedsrichter bei der Partie Deutschland gegen USA so lange nachspielen ließ, fehlten sechs Minuten Sendezeit, bedauert Fischer. Deshalb fiel ihr Statement nach der Auslosung aus, aber das BU-Logo war für alle zu sehen, neben Bayern, Dortmund, dem großen HSV. Tradition.

Der Ehrentreffer bleibt aus, es fehlt an Mut, Präzision, Kondition

Freiburg hat auch Tradition, mit dem Los waren sie zufrieden in Barmbek. Guter Verein, guter Trainer - "nicht Ingolstadt oder so". Aber Freiburg zeigt sich als humorloser Gast, nach knapp 60 Minuten führen die Breisgauer 4:0, viermal Nils Petersen.

"Die gönnen uns das Tor nicht", erbost sich ein BU-Fan über die Freiburger Hintermannschaft. Kein Herz für Pöbler, der erhoffte Ehrentreffer bleibt aus, es fehlt an Mut, Präzision, Kondition. Das 0:5 von Julian Schuster markiert den Schlusspunkt. Grandt schwenkt die dreißig Jahre alte Blockfahne und stimmt an: "Wir sind stolz auf unsere Jungs!"

Tradition ist auch immer Stolz. Auch wenn mehr dringewesen wäre, meint Grandt. "In unserem Stadion wär's ein anderes Spiel geworden. Und ohne Petersen hätten sie schlecht ausgesehen." Das Stadion leert sich schnell, nur der Pöbel will noch nicht gehen. Noch ein paar Minuten DFB-Pokal, zwischen Konfetti und den vielen Fans.

"Das war ein Highlight, oder Detlef?", ruft einer, sichtlich bewegt. "Ja, ein absolutes Highlight", erwidert Grandt. "Aber Meppen und Cloppenburg auch!" Danach geht er mit Örxs auf den Platz, die Banner abnehmen. Am Mittwoch ist wieder Pokal - dritte Runde gegen USC Paloma. Es ist ein Traditionsderby. Nur ohne Horst Hrubesch.



insgesamt 4 Beiträge
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skluenter 10.08.2015
1. Habt Ihr Andy vergessen?
... wenigstens eine Erwähnung in einem Nebensatz hätte Ur-BU'ler Andy Brehme schon verdient, findet ihr nicht?
klabeuter 10.08.2015
2. Meppen
Das sind ja tolle Fans. Meppen und Cloppenburg sind auch Highlights. Klar doch. Nur wann? Die spielen eine Liga höher. Vielleicht doch zuviel Bier getrunken?
movfaltin 10.08.2015
3. Lokalpostille
Ein wenig mehr hätte irgendwie schon drinstecken dürfen unter der Aufschrift "großer Traditionsklub". Mal in der zweiten Liga gekickt, so what? Ein paar bekannte Spieler mithervorgebracht, so what? Generell ist es ja schön, auch mal über so etwas Unaufregendes zu lesen, ein wenig im Kleinklein dieser Republik zu schwelgen - aber wenn alle paar Tage wieder Regionalschlagzeilen aus Hamburg auf SPON vorherrschen (großes Containerschiff läuft in Hamburger Hafen ein; hinter den Kulissen bei Hamburger Fünftligaverein und dergleichen bannig mehr), dann kann man sich doch nur ein größeres Reise- und Investigationsbudget wünschen. Oder eben eine eigene Kategorie "Hamburg". Auch das wäre durchaus legitim und gut und interessant. Aber so beschädigt SPON seinen Leumund als Nachrichtenmagazin nur noch weiter. Nicht im einzelnen, sondern in der Summe.
cologne_sharks 11.08.2015
4. Falsches Spiel geschaut?
Welches Spiel hat denn der Autor gesehen? Bis kurz vor der Halbzeit sei nicht viel passiert, heißt es. Und was ist mit den beiden Glanzparaden des BU-Keepers? Was ist mit Freiburgs vielen Chancen? Ein schlechterer Torwart und es hätte zur Pause 0:5 gestanden.
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