Bastian Schweinsteiger Der letzte Triumph einer übervollen Karriere

Posterboy, "Chefchen" und Ikone des WM-Titels: Bastian Schweinsteiger beendete seine prall gefüllte Laufbahn eigentlich schon 2017, als er in die USA ging. Dass er danach in Würde weiterspielte, zeichnet ihn aus.

Bastian Schweinsteiger bei seinem Abschiedsspiel in München im August 2018
LUKAS BARTH-TUTTAS/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Bastian Schweinsteiger bei seinem Abschiedsspiel in München im August 2018

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Es ist das eine, eine Fußballkarriere erfolgreich zu spielen. Etwas ganz anderes ist es, sie erfolgreich zu beenden. Daran scheiterten schon viele. Und vielleicht erkennt man erst dann, wer wirklich ein Großer war.

Bastian Schweinsteiger ist nun kein Fußballprofi mehr. Mit 35 Jahren hat der ehemalige Bayern-Spieler und Weltmeister von 2014 offiziell seine Laufbahn beendet. Das kam nicht überraschend. Manch einer mag bei dieser Meldung eher davon überrascht gewesen sein, dass Schweinsteiger bis zum Sonntag immer noch für Geld Fußball spielte.

Für Chicago Fire in der US-amerikanischen Profiliga MLS lief er seit 2017 auf - erst als Sechser vor der Abwehr wie zu alten Zeiten, dann irgendwann als Innenverteidiger. Es war das Ende einer Reise. Von der Außenbahn, auf der er noch bei der WM 2006 hoch- und runtersauste, über das Epizentrum des Spiels, in das ihn Louis van Gaal bei den Bayern beorderte, bis hinein in die Abwehrreihe. Da muss man weniger laufen. Schon Lothar Matthäus war von vorn nach hinten gewandert, bis zum Libero. Und in einer Reihe mit Matthäus steht Schweinsteiger in der Galerie der deutschen Fußballhelden.

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Karriereende von Schweinsteiger: Ein Cut, der um die Welt ging

Eigentlich hatte Schweinsteiger seine sportliche Laufbahn schon 2017 beendet. Es war eine Entscheidung für das Privatleben und gegen den Spitzenfußball, als er von Manchester United in die USA wechselte - zum damals schlechtesten Klub der MLS. Jahrelang hatte er Schlagzeilen in Deutschland geliefert. Nun suchte er mit 32 Jahren die Abgeschiedenheit in der Fußballprovinz und die Anonymität bedingt durch das Desinteresse eines großen Teils des amerikanischen Publikums für den Fußball. Er spielte, er heiratete, er wurde Vater.

Deutschland war an Schweinsteiger stets besonders interessiert. Weil er die großen Storys lieferte - von großen Siegen und großen Niederlagen. Seine Karriere war übervoll an Geschichten: Die vom kecken Münchner Emporkömmling, der seiner Cousine nachts den Bayern-Pool zeigen wollte. Die vom blondierten Posterboy, der mit seinem Kumpel Lukas Podolski die WM 2006 aufmischte. Die vom "Chefchen" mit der fehlenden Führungsqualität, der sich mit einem Boulevardreporter bekriegte. Und dann natürlich die vom großen Leidensmann des deutschen Fußballs, der am Ende aber trotzdem triumphierte.

Auch durch das Scheitern zur Legende

Sein Elfmeterfehlschuss im Champions-League-Finale 2012, in seiner Stadt München, wo sie ihn "Fußballgott" nannten. Allein darüber könnte man einen Roman schreiben. Dann die Auferstehung mit dem gewonnenen Triple ein Jahr später.

Auch bei der Nationalmannschaft standen vor den großen Erfolgen große Niederlagen. Nach dem Halbfinal-Aus gegen Italien bei der EM 2012 standen Schweinsteiger und seine Generation unter dem Verdacht, zu versagen, wenn es wirklich erst wird. 2014 bewies er das Gegenteil. Im WM-Finale gegen Argentinien wurde er mehrfach gefoult. Er blutete, er litt hinein in die deutschen Wohnzimmer, aber er stand immer wieder auf. So wurde er zur Ikone des Triumphs von Rio.

Dass er zwei Jahre später auch zur tragischen Figur mutierte, als er im EM-Halbfinale gegen Frankreich einen Handelfmeter verursachte und so das Ende der deutschen Titelträume einleitete, ist ein weiteres Kapitel dieser geschichtenprallen Karriere. Zur Legende wird man vielleicht nicht allein durchs Gewinnen, sondern auch durchs Scheitern. Oliver Kahn hat darüber Bücher geschrieben.

Acht deutsche Meisterschaften, sieben Pokalsiege, das Triple 2013, der WM-Titel 2014, den FA-Cup-Sieg, Super-Cup-Gewinn, 121 Länderspiele für den DFB. Nur Matthäus (150), Miroslav Klose (137) und Podolski (130) schafften mehr. Und auch international erreichte Schweinsteiger Bestwerte.

All die Geschichten, all die Erfolge hat Schweinsteiger abgestreift, als er 2017 in die USA und damit in die fußballerische Belanglosigkeit wechselte. Er war da schon ein 32-Jähriger im Körper eines 42-Jährigen. Bei Manchester United hatte er ein Jahr lang kaum gespielt. Die Jahre des Raubbaus am eigenen Körper ließen Schweinsteiger rosten wie eine Heldenstatue, die jemand ins Wasser gestellt hat.

Der Spitzenfußball lässt seine Ikonen kaum in Würde altern. Schweinsteiger hat es geschafft, indem er sich ihm entzog und trotzdem weiterspielte - für sich selbst. Nie tat er so, als wäre für ihn Größeres angemessen. Nie meldete er sich mit Ratschlägen oder Kommentaren zum aktuellen Fußballgeschehen zu Wort, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Er spielte einfach - und schien damit glücklich zu sein.

Den eigenen Bedeutungsverlust muss man aushalten können. Schweinsteiger konnte das. Vielleicht war das sein letzter Triumph als Spieler.



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tlchen 08.10.2019
1. Danke Bastian Schweinsteiger
... der Umgang mit Niederlagen zeigt den Sportsmann, der Umgang mit Siegen den Leader. Viel Glück mit der Familie
der_ba_be 08.10.2019
2.
Ein wirklich Großer tritt ab. Für mich ist der WM Titel 2014 mehr mit Schweinsteiger verknüpft, als mit Götze. Vielleicht auch, weil ihm (in meinen Augen) das "unbedingte gewinnen wollen" -zumindest in der Körpersprache- immer mehr anzusehen war, als Götze oder Kroos. Und was mir aus der "Götterdämmerung" seiner Karriere noch gut in Erinnerung ist: Die öffentliche Abbitte die José Mourinho geleistet hat, in der er offen eingestanden hat, Schweinsteiger falsch behandelt zu haben und ihm einen herausragenden Charakter attestiert hat. Ich bin dankbar, dass ein Spieler "meiner Generation" zu so einer Legende habe heranwachsen sehen dürfen. Ich bin dankbar dafür, seine Körpersprache beim 4:0 gegen Barca im CL Halbfinale aus der ersten Reihe der Nordkurve habe sehen zu dürfen. Und ich bin dankbar dafür, dass er meinem Verein ein denkwürdige Auferstehung beschert hat: Nach einer (emotional) vernichtenden Niederlage im nächsten Jahr Wiederauferstanden. Ist mein Blick durch die Brille eines Bayernfans gefärbt? Wahrscheinlich. Aber an solchen Tage lasse ich gerne jede Objektivität fahren und bin einfach nur Fan: Unkritisch und unreflektiert. Danke Bastian Schweinsteiger FUSSBALLGOTT. Genieße dein Leben nach der Karriere mit Frau und Familie. Und vielleicht kommst ja wieder zu deinem alten Platznachbarn aus der Kabine nach München. Diesmal wird dir Olli wahrscheinlich nicht mehr tagtäglich dein Handtuch klauen.
mephistofeles12 08.10.2019
3. Respekt.
Dass die meisten Schweinsteiger so gut leiden können, liegt auch daran, dass er in Zeiten der Selbstdarsteller und Narzissten nicht den Dicken gemacht hat. Er hat mit voller Energie seine Ziele verfolgt, ohne in jedes Mikrofon zu plappern, das ihm vor die Nase gehalten wurde. Er hat sich vermutlich nicht überlegt, wie er den Torjubel kameratauglich zelebriert. Viele Fußballer nehmen sich heute wahnsinnig wichtig. Schweinsteiger nicht. Auch dafür: Respekt!
Böttinger 08.10.2019
4. Große Entwicklung.
Aus Basti wurde Schweinsteiger. Er hat sich wirklich zu einem ganz, ganz Großen entwickelt. Hut ab vor dieser Leistung!
Fuxx2000 09.10.2019
5. Chapeau
Bastian Schweinsteiger. Er war vor allem ein Siegertyp, der immer alles gegeben hat. Das hat ihn ausgezeichnet. Die "Rückschläge" die hier beschrieben werden gehören zu jeder normalen Sportlerkarriere, das wissen Sportler nur zu gut. Auch die Beschreibung des 42jährigen zeugt davon, dass der Autor sich mit Spitzensport nicht so richtig auskennt. Wobei man schon den Eindruck hatte, dass er sich von den Belastungen (und vor allem der Verletzung und damit ist nicht ein kleiner blutender Cut gemeint) der WM nicht mehr zu 100% erholen konnte.
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