Rücktritt von DFB-Kapitän Schweinsteiger Der Vollendete

Als Bastian Schweinsteiger in der DFB-Mannschaft debütierte, war Gerhard Schröder noch Kanzler. Nun hat der Kapitän seine Karriere beendet. Er hat die Renaissance des deutschen Fußballs entscheidend geprägt. Eine Würdigung.

Von Florian Kinast, München


Vielleicht hat Bastian Schweinsteiger ja doch auf den Rat Günter Netzers gehört. "Man darf es mit dem Karriere-Ende nicht übertreiben", hatte Netzer nach dem Ende der Europameisterschaft noch gemeint und erklärt, Schweinsteiger solle seinen Abschied aus der Nationalmannschaft besser nicht zu lange hinauszögern. Auch Michael Ballack hatte sich zu Wort gemeldet und Schweinsteiger einen Rücktritt dringend empfohlen. Dass der frisch vermählte Bastian Schweinsteiger nun aber tatsächlich aufhört, dass er nie mehr das DFB-Trikot und die Kapitänsbinde tragen wird, dass er zwei Wochen nach dem Ja zu Ana Ivanovic nun Nein zu Joachim Löw sagte, das kam doch überraschend.

Keine weiteren Spiele, keine WM 2018, keine Mission Titelverteidigung in Russland. Mit dem Rücktritt von Bastian Schweinsteiger verliert nicht nur die Nationalmannschaft eine ihrer größten Persönlichkeiten der vergangenen Jahrzehnte. Denn wie es mit dem bald 32-Jährigen auch auf Klubebene weitergeht, ist völlig ungewiss, denn auch bei Manchester United scheint Schweinsteiger unter dem neuen Trainer José Mourinho keine Zukunft mehr zu haben. Das Karriere-Ende wirkt plötzlich ganz nah.

Auf 120 Länderspiele kam er in den zwölf Jahren seiner Karriere, als er am 6. Juni 2004 debütierte, war Gerhard Schröder Kanzler, Johannes Paul II. Papst und Rudi Völler DFB-Teamchef, alles Namen aus einer anderen Epoche. Beim Testspiel gegen Ungarn in Kaiserslautern kam der 19-jährige Schweinsteiger zur Halbzeit als Ersatz für Miroslav Klose, in der Mannschaftsaufstellung standen damals Wörns, Nowotny, Hinkel. Kicker, die für soliden und robusten Fußball standen, aber nicht für charmanten und begeisternden.

Schweinsteiger ist in die Führungsspielerrolle hineingewachsen

Was folgte, war ein blamables Aus bei der EM in Portugal, aber vermutlich brauchte es gerade dieses Debakel, um sich endgültig vom altbackenen Rumpelfußball der Ribbecks und Völlers zu verabschieden. Es war höchste Zeit für einen Umbruch unter Jürgen Klinsmann und Joachim Löw, für eine neue Ära, die von niemandem sonst so verkörpert wurde wie von Schweinsteiger.

Beim "Sommermärchen", der WM 2006, erlebte er ein Land im emotionalen, einmonatigen Ausnahmezustand. Das lag am schönen Wetter, der friedlichen Stimmung, aber gerade auch an dem neuen Bild des deutschen Fußballs, an ungezwungener Lockerheit und bester Laune, meist in Gestalt von Schweinsteiger und seinem besten Kumpel Lukas Podolski. Die Begleitumstände der WM-Vergabe an Deutschland waren damals ja auch noch nicht bekannt.

Bis Schweinsteiger in die Rolle des Führungsspielers gewachsen war, dauerte es freilich. Zu dominant war lange noch das Auftreten des "Capitano" Michael Ballack und seines Mitstreiters Torsten Frings, zu hierarchisch die Strukturen innerhalb des Teams, zuletzt noch bei der EM 2008. Der Durchbruch als Chef des Teams gelang Schweinsteiger 2010 im WM-Viertelfinale gegen Argentinien. Seine Leistung beim 4:0, allein das Solo, als er Gegenspieler wie Ángel di Maria und den eben von Neapel zu Juventus Turin für 90 Millionen Euro gewechselten Gonzalo Higuaín wie Schulbuben auf dem Pausenhof stehen ließ, war einer der Höhepunkte der gesamten WM.

Tor und Tragik bei der EM in Frankreich

Der Euphorie folgte aber bald der Frust, das 0:1 gegen Spanien bedeutete das Aus im Halbfinale, ebenso wie zwei Jahre später bei der EM 2012 das 1:2 gegen Italien. Schweinsteiger schien im Nationalteam ein Gescheiterter zu werden, ein Unvollendeter. Kritik wurde laut, in den wirklich großen Spielen der Nationalmannschaft fehle ihm eben der letzte Biss - was er 2014 in Brasilien im Finale gegen Argentinien monumental widerlegte. Wie er unentwegt gefoult wurde und immer wieder aufstand, blutverschmiert kämpfend dem Schlusspfiff entgegen humpelte: die Fotografien davon wirken heute wie heroische Gemälde.

Sicher wäre das schon ein guter Zeitpunkt gewesen, abzudanken, womöglich sogar der beste, sein "Spezl" Philipp Lahm nutzte die Gelegenheit und trat zurück. Schweinsteiger aber wollte weitermachen, trotz seiner dauernden Verletzungen, nun hatte er endlich die Kapitänsbinde, zur EM nach Frankreich fuhr er wegen all seiner Blessuren aber nur als Edelhelfer. Und doch war es eben auch Schweinsteiger, der hier für zwei prägende Momente sorgte, die in jedem Jahresrückblick zu sehen sein werden. Sein Joker-Tor zum 2:0 gegen die Ukraine in der Nachspielzeit, als er nicht auf die absichernden Taktik-Anweisungen von Joachim Löw hörte sondern nur auf seinen Instinkt und freudig nach vorne galoppierte wie einst in der Jugendmannschaft beim FV Oberaudorf. Und dann sein seltsames Handspiel im Halbfinale gegen Frankreich, das den Elfmeter und das vorentscheidende 0:1 nach sich zog. Tragisch, dass dies seine letzte bedeutende Aktion in einem großen Länderspiel war.

Oft saß Schweinsteiger bei der EM neben Lukas Podolski auf der Bank. Podolski wirkte immer noch wie vor zehn Jahren, wie ein naiver Kindskopf, der Poldi eben. Schweinsteiger mit seinen ergrauten Haaren und seiner ganzen Aura hingegen war längst eine gereifte Persönlichkeit.

Sein Rücktritt aus dem DFB-Team ist mehr als nur der Verlust eines Kapitäns, den es nun zu ersetzen gilt. Wird er nun auch bei Manchester United aussortiert, dann droht auch angesichts seines geschundenen Körpers auf Vereinsebene der persönliche Schlusspfiff näher zu rücken. Damit ginge eine große Karriere zu Ende, die Laufbahn eines der charismatischsten Spielers, die der deutsche Fußball je hatte.

insgesamt 40 Beiträge
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boulot 29.07.2016
1. Vernunft
mit Rücksicht auf seine Gesundheit, seinen Ruf und seine Erfolge und auf seine Ehe ist das eine vernünftige Entscheidung. Konkurrenz, Schnelligkeitund Spielhaerte heutzutage verlangen in Spitzenmannschaften alles von einem Stürmer.
Summermiller 29.07.2016
2. Schweini, Basti, Schweinsteiger
Ein ganz großer Sportler, hat sich Dank und Respekt erarbeitet. Gezeigter Wille und Ehrgeiz sollte Vorbild für viele kommende Nationalspieler und Sportler sein.
_bernhard 29.07.2016
3. Recht hat er!
Ganz nahe am Gipfel seiner Karriere sich auf sein Leben und seine Zukunft zu konzentrieren, das ist Größe! Herr Schweinsteiger hat uns tolle Spiele und tolle Minuten gegeben, Danke dafür! Und nun hört er auf. Schade, aber richtig. Ich wünsche Ihm und seiner Familie alles Glück!
briancornway 29.07.2016
4. So eine spannende Karriere
Und im Rückblick wird sie von vielen reduziert auf wahlweise die McLane-Performance im WM-Finale oder das Handspiel im EM-HF. Das wird ihm beides nicht gerecht. Wann kommt die große BluRay-Box mit allen Spielen und Interviews ?
moonlight1320 29.07.2016
5. Danke
Ein großer Sportler verabschiedet sich, danke Basti für deine tollen Leistungen. Wir werden doich vermissen!
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