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11. Juli 2015, 17:11 Uhr

Schweinsteiger-Wechsel

Das kalte Herz

Ein Kommentar von

Mit Bastian Schweinsteiger geht eine Identifikationsfigur der Bayern-Fans. Doch für den Verein ist der Abgang vor allem Kalkül: Treue ist keine maßgebliche Kategorie mehr. Nur Erfolg zählt.

Am 1. Juli 1998 wechselte der damals 14-jährige Bastian Schweinsteiger aus dem bayerischen Kolbermoor vom TSV 1860 Rosenheim zu Bayern München. Seitdem ist er bei diesem Verein unter Vertrag. Das sind 17 Jahre, für einen Fußballprofi von heute fast eine unglaubliche Dauer. Jetzt geht er. Der FC Bayern verliert eine Identifikationsfigur. Die Fans haben jedes Recht zu trauern. Auch wenn sie die Einzigen sind.

Ansonsten ist dieser Wechsel für alle Beteiligten folgerichtig. Für Bayern München, für den Spieler selbst, für Manchester-Trainer Louis van Gaal.

Wobei vor allem der FC Bayern alle Vorteile auf seiner Seite hat. Er macht ein gutes Geschäft über die Ablösesumme, er erspart sich künftig die zwangsläufigen Personaldiskussionen, wenn der Trainer auf andere Spieler setzen sollte, als auf den Kapitän der Nationalmannschaft. Und er leitet den fälligen Umbruch ein.

Dass Guardiola nie so ganz von Schweinsteiger überzeugt war, dass ihm immer schon ein ideales defensives Mittelfeld vorgeschwebt hat, das er aus Xabi Alonso, Javi Martinez und Thiago Alcantara zusammenbauen kann, hat der Trainer zwar nie so explizit ausgesprochen. Es galt dennoch als bekannt.

Öffentliches Guardiola-Lob zählt nicht viel

Rummenigge hat am Samstag jeglichen Dissens zwischen Trainer und Spieler "ins Reich der Fabel" verwiesen, er hat darauf aufmerksam gemacht, dass Schweinsteiger, wenn er fit war, auch unter Guardiola in der Vorsaison fast immer gespielt habe. Das lag aber vor allem daran, dass dem Trainer seine eigentlichen Wunschspieler verletzungsbedingt nicht zur Verfügung standen.

Guardiola hat Schweinsteiger zwar gelobt, wo er nur konnte. Aber Guardiola lobt immer, das gehört zu seiner Außendarstellung dazu. Der Trainer hat auch Mario Mandzukic und Mario Gomez gelobt, kurze Zeit später waren sie weg. Man kann auch sagen: abserviert.

Schweinsteiger hat sich mit seinem Schritt eine längere und unwürdige Diskussion erspart. Mit dem Wechsel hat er noch einmal selbst die Initiative auf seiner Seite. Der Wunsch nach Veränderung nach so vielen Jahren am selben Ort, beim selben Arbeitgeber - wer könnte das nicht nachvollziehen?

In Manchester wartet ein heterogenes bis instabiles Team auf ihn, mit vielen personellen Rochaden, wie es unter Trainer Louis van Gaal üblich ist. Das kann eine Chance für den Nationalspieler sein, er kann relativ schnell eine Führungsrolle übernehmen. Er wird allerdings in England eine mindestens ebenso kritische Öffentlichkeit vorfinden wie in München.

Van Gaal vergrößert seine Hausmacht

Für van Gaal wiederum ist der Transfer eine logische Maßnahme. Der Niederländer hat überall, wo er war, versucht, sich eine Hausmacht zu schaffen, mit der im Rücken er seine unpopulären Personalmaßnahmen durchziehen kann. Schweinsteiger gehört zum Van-Gaal-Lager, seit der Niederländer den Deutschen 2010 ins Mittelfeld beorderte und ihn erst zur Führungspersönlichkeit machte.

Das ist allerdings fünf Jahre her, fünf Jahre, die nicht spurlos an dem Nationalspieler vorbei gegangen sind. Er war viel verletzt, seine Grundschnelligkeit hat nachgelassen. Ob Schweinsteiger das Tempo in der Premier League tatsächlich nicht nur mitgehen, sondern auch bestimmen kann, das wird sehr spannend zu beobachten sein.

"Fußball ist keine Mathematik", sagte Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge mal. Genauso gilt aber auch: Fußball ist keine Romantik. Vereinstreue ist eine Fan-Kategorie. Bei der Planung eines Kaders, der die Champions League einmal wieder gewinnen soll, spielt sie keine Rolle. Ob einer nun zwei Jahre oder 17 Jahre beim Verein ist, das ist Josep Guardiola, selbst zwei Jahre dabei, gründlich egal.

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