Schweinsteiger-Nachfolge beim DFB Der Befreiungsschlag

Der Kapitän geht von Bord - und hinterlässt eine Lücke im Mittelfeld der Nationalmannschaft. Doch Schweinsteigers Rücktritt ist auch eine Chance für das DFB-Team. Potenzielle Nachfolger gibt es genug.

Bastian Schweinsteiger, Jérôme Boateng
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Bastian Schweinsteiger, Jérôme Boateng

Von Florian Kinast, München


Es gab dieses eine Bild, unmittelbar nach dem WM-Triumph 2014. Bastian Schweinsteiger und Joachim Löw lagen sich in den Armen, beide waren gezeichnet, körperlich, seelisch, mental sowieso. So ein Bild wird es nach dem Rücktritt von Bastian Schweinsteiger aus dem DFB-Team nicht mehr geben.

Schweinsteiger, Löw nach WM-Sieg 2014 in Rio
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Schweinsteiger, Löw nach WM-Sieg 2014 in Rio

Joachim Löw muss loslassen, gezwungenermaßen, was sicher nicht ganz leicht ist für den immer so loyalen Bundestrainer. Genau zehn Jahre nach seinem Amtsantritt bietet sich für Löw und die gesamte Nationalmannschaft so allerdings noch einmal die Möglichkeit für einen Neuanfang.

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Schweinsteigers Karriere: Höhepunkt in Rio

Dabei geht es auch um die Frage, wer künftig die Kapitänsbinde beim DFB trägt. Saß Schweinsteiger wie zuletzt bei der EM auf der Bank, schritt Manuel Neuer als Spielführer zur Seitenwahl. Ob sich das allerdings auch als eine praktikable Dauerlösung anbietet, ist so strittig wie die ganz generelle Frage, ob ein Torhüter Kapitän sein sollte.

Auch Löw dürfte langfristig eher zu einem Feldspieler tendieren, anbieten würden sich hier Mats Hummels oder noch viel wahrscheinlicher Jérôme Boateng. Spätestens mit seinem Auftreten bei der EM auf dem Platz und abseits davon hat er sich zu einer unumstrittenen Führungspersönlichkeit entwickelt. Es wäre die logischste Wahl. Und für Löw wohl auch die einfachste.

Erbe im defensiven Mittelfeld gesucht

Schwieriger wird es schon bei der Frage, wer Schweinsteiger in der Position im zentralen Mittelfeld beerben soll - und ob es überhaupt einen festen Erben braucht. Tatsächlich eröffnen sich für Löw nun völlig neue Optionen.

Es wäre absurd, sich sofort auf eine Stammkraft im defensiven Mittelfeld festzulegen, dafür hat Löw einfach zu viel Auswahl. Angefangen von den Bender-Zwillingen Lars und Sven und dem 20-jährigen Dortmunder Julian Weigl - die alle drei wie Schweinsteiger übrigens aus dem oberbayerischen Landkreis Rosenheim stammen - über Sami Khedira, der noch beweisen muss, dass er die Formschwäche der EM überwunden hat, bis hin zum Liverpooler Emre Can, der sicher auch noch Zeit braucht in seiner Entwicklung.

Keiner ist ein ebenbürtiger Nachfolger, keiner ist ein neuer Schweinsteiger. Muss auch noch nicht sein. Sie haben alle noch Zeit zu wachsen, bis zur WM 2018.

In gewisser Weise könnte der Rücktritt auch für eine gewisse Erleichterung sorgen beim Bundestrainer. Er selbst war nicht in der Lage, sich von Schweinsteiger zu trennen. Nun hat sich Schweinsteiger von ihm getrennt, was Löw die Möglichkeit gibt, zwei Jahre lang mit verschiedenen Varianten experimentieren zu können.

Zeit für mutige Impulse von Löw

Vielleicht ist Schweinsteigers Abschied, der in jedem Fall eine gewaltige Zäsur darstellt, für Löw ganz generell noch einmal eine Initialzündung, eingefahrenes Denken und alte Schemata zu hinterfragen. Russland in zwei Jahren könnte Löws letztes Turnier sein. Wenn die Zeit für neue Wagnisse und mutige Impulse nicht jetzt gekommen ist, dann kommt sie nie mehr.

In seiner Zeit als Bundestrainer einschließlich seiner Arbeit mit Jürgen Klinsmann 2006 kam Löw bei allen sechs Turnieren immer ins Halbfinale, Minimum. Das gelang vor ihm noch keinem und ist eine stolze Bilanz. Doch außer beim Triumph 2014 schien ihm der geniale Schachzug, die instinktiv entscheidende Idee, im richtigen Moment immer wieder zu fehlen. Zu oft wirkte das Team in wichtigen Spielen gehemmt, weil man sich an der Spielweise des Kontrahenten orientierte und Angst hatte vor Fehlern, anstatt selbst einfach selbstbewusst dem Gegner sein Spiel aufzuzwingen. Joachim Löw konnte einfach nicht anders, er hielt fest an seinen Strukturen, seinen Ideen, seinen Spielern.

Außer Lukas Podolski, den er neben dem Adler Paule als zweites DFB-Maskottchen zur EM nach Frankreich mitnahm, hat Löw nun keinen Spieler mehr aus seiner eigenen Anfangszeit 2006 dabei. Keinen, zu dem er noch loyal sein muss. Niemanden, bei dem er sich fragen muss, ob er ihn auch verletzt mitschleppen muss, weil er schon 2006 bei der WM große Verdienste gezeigt hat.

Die Entscheidung, ob er Schweinsteiger auch zur WM 2018 mitnehmen soll, wäre in jedem Fall eine extrem schwierige geworden. So hat Schweinsteiger Löw einen Gefallen getan, weil der Kapitän selbst von Bord ging. Ja, Schweinsteigers Abschied ist bitter, gerade weil die Nationalmannschaft damit eine große Persönlichkeit verliert. Der Rücktritt ist aber auch eine große letzte Chance, für Joachim Löw und sein Vermächtnis.

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Seite 1
fuerst_der_finsternis 29.07.2016
1. Frechheit
Zitat: Sorry, aber das ist eine Frechheit. Podolski ist nicht mehr erste Wahl, aber ein Backup, der über seine Rolle nicht meckert, immer erstklassig trainiert und sofort im Spiel ist wenn er reingeworfen wird. Ihn als Maskottchen zu bezeichnen, finde ich bodenlos unverschämt.
nesmo 29.07.2016
2. Schweinsteigers Rückehr ins Team während der EM löste
ein großes Rangordnungsproblem aus. Boateng war nicht mehr der heimliche Mannschaftsführer und Kroos nicht Alleinherrscher des Mittelfeldes. Die während der EM gewachsene Mannschftshirarchie geriet mit Schweinsteiger durcheinander, der beweisen wollte und muste, dass er noch das Sagen hat. Boateng und Kroos verkrampften. Für mich ein Hauptgrund des Scheiterns, als dann noch Hummels fehlte.
heinrich-wilhelm 29.07.2016
3. Boateng
Wär gut und meine Wahl,natürlich bieten sich auch andere ,sympathische Spieler an,aber niemand überzeugte bei der EM so wie B.
Pela1961 29.07.2016
4. Bastian Schweinsteiger
hat das richtig gut gemacht. Fast so gut wie P. Lahm, der auf dem absoluten Höhepunkt der Karriere und noch nicht auf dem absteigenden Ast befindlich sagte "Aus, vorbei". Er hinterlässt eine Lücke, aber spielerisch nur eine kleine. In Manchester angeblich aussortiert, wäre es wohl eine ziemliche Hängepartie in der Nationalmannschaft geworden und ich finde es immer besser, wenn einer geht, solange nicht alle sofort sagen "Gott sei Dank, das wurde auch Zeit". Im Sinne seiner Gesundheit war es das Beste und im Sinne des DFB war es auch. Die nächste WM wäre wohl nicht mehr drin gewesen und so bleibt genug Zeit für die Suche nach einem adäquaten Ersatz. Kapitän? Manuel Neuer?
Androupolis 29.07.2016
5.
Zitat von fuerst_der_finsternisZitat: Sorry, aber das ist eine Frechheit. Podolski ist nicht mehr erste Wahl, aber ein Backup, der über seine Rolle nicht meckert, immer erstklassig trainiert und sofort im Spiel ist wenn er reingeworfen wird. Ihn als Maskottchen zu bezeichnen, finde ich bodenlos unverschämt.
Es mag vielleicht etwas unverschämt sein, aber seien wir mal ehrlich im Grunde hatte Podolski nichts im EM-Kader zu suchen. Ein Julian Brandt oder Max Meyer die sicher die besseren Spieler gewesen wären, wurden dafür geopfert. Das ist leider so.
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